AndreasRenner
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10.10.2008 um 22:53 Uhr
Systemkritiker
Ein Kommentatorenkollege bei Premiere warf neulich nach getaner Arbeit folgende These in die Runde: "Also das ganze Gerede von den Systemen ist doch totaler Quatsch. Ich glaube, die Trainer lachen sich eins, wenn wir ihnen mit den Systemen kommen."

Na, da bin ich aber ganz anderer Meinung. Kann schon sein, dass ein Trainer lachen muss, wenn ihn Journalisten zu seinem System fragen. Es kommt eben auch darauf an, was man dazu fragt. Mein Eindruck ist eher, dass wir in Deutschland erst seit der vergangenen EM überhaupt ernsthaft über Systeme diskutieren. Nachdem wir diesen großen Schritt gemacht haben, müssen wir ja nun nicht gleich alles wieder über den Haufen werfen. Im Übrigen sind die Systeme im Fußball ja keine neue Erfindung. Als man ganz zu Beginn noch mit 9 Stürmern und einem Verteidiger spielte, da war das auch ein System. Herberger hatte eins, Schön auch. Geredet hat nur keiner darüber.

Aber die System = Quatsch Gleichung findet, das will ich nicht verschweigen, auch bei Trainern und Managern (einige wenige) Anhänger. Auf meine Frage, ob er das 4-2-3-1 seines Vorgängers übernehmen würde, antwortete mir der damals neue Paderborner Trainer Holger Fach so: "Wissen sie, wenn man über Systeme diskutiert, zeigt man damit, dass man nichts vom Fußball versteht. Darauf kommt es nämlich nicht an." Was einerseits illustriert, warum der charmante Holger Fach bei mir und vielen meinen Kollegen Jahr für Jahr der Kandidat Nummer eins für die Kategorie "Sympathischster Trainer des Jahres" ist. Und zum anderen folgende Frage aufwirft: Wenn Systeme nicht wichtig sind, warum spielt dann jedes Profiteam mit einem?

Die Antwort lautet natürlich: Weil es nämlich doch darauf ankommt. Aber – und das ist die wichtige Einschränkung- das System alleine entscheidet nicht über Sieg und Niederlage. Wer also glaubt, dass der 3:2-Sieg der deutschen Nationalmannschaft gegen Portugal bei der gerade vergangenen EM nur auf Jogi Löws taktischen Schachzug, vom 4-4-2 auf ein 4-2-3-1 umzustellen zurückzuführen sei, der ist natürlich schief gewickelt.

Keine Angst, von Laufbereitschaft, Einsatzwillen und Zweikampfverhalten fange ich jetzt nicht an. Das sind Grundlagen, ohne die es nicht geht. Aber um erfolgreich Fußball zu spielen braucht man noch ein bisschen mehr. Da ist zum einen das System. Aber dazu kommt noch eine Philosophie oder Spielidee des Trainers (oder Sportdirektors) und zuletzt entscheidet natürlich das Personal darüber, wie der Fußball aussieht, den man dem Publikum anbietet.

Was genau tut denn nun das System? Nun, es legt fest, welche Räume von welchem Spieler in der Offensive und Defensive beackert werden. Und da fällt natürlich eine Vorentscheidung, wie offensiv die Grundausrichtung einer Mannschaft ist. Grob gesagt sind 4-4-2, vor allem mit Raute im Mittelfeld, und 4-3-3 eher offensive Formationen und 4-2-3-1 (bzw. 4-5-1 im Allgemeinen) und 3-5-2 stärker defensiv orientiert. Durch die Philosophie eines Trainers und durch die Spieler, mit denen er die jeweiligen Positionen besetzt kann das Ganze aber auch völlig anders aussehen.

Das 4-4-2 mit Raute im Mittelfeld ist eine in Deutschland sehr beliebte Formation, die beispielsweise in England extrem selten zu sehen ist. Das klassische englische 4-4-2 baut auf zwei zentrale Mittelfeldspieler, die eher defensiv orientiert sind und zwei Flügelspieler, die fast an der Seitenlinie kleben. Das 4-4-2 mit Raute dagegen hat zwei Stürmer, einen zentralen offensiven Mittelfeldspieler (den Typ Spielmacher, den die wenigsten englischen Teams einsetzen), zwei Halbpositionen und einen defensiv orientierten Spieler vor der Abwehr. Üblicherweise werden die Halbpositionen offensiv besetzt. Beispiel: Werder Bremen gegen Hoffenheim. Da spielte Frings vor der Abwehr, Özil und Hunt auf den Halbpositionen, Diego zentral offensiv hinter den Spitzen Pizarro und Rosenberg. Das sind fünf offensive Leute und das trauen sich nicht viele Trainer. Aber nur eine Absicherung vor der Abwehr heißt eben auch Räume für den Gegner. Ihr erinnert euch sicher: Das Spiel endete 5:4.

Man kann die Raute aber auch ganz anders spielen: Beispiel VfL Bochum in der Vorsaison. Hinter dem offensiven Mittelfeldmann Ono spielten da teilweise Zdebel und Dabrowski auf den Halbpositionen und Imhof vor der Abwehr. Drei ausgemachte Defensivspezialisten. Bleiben mit Ono und den beiden Stürmern (damals meist Sestak und Auer) noch genau drei Offensive. Und schon wird das eigentliche offensive System mit Raute ziemlich defensiv.

Oder man macht es wie Benno Möhlmann bei Greuther Fürth in dieser Saison. Der besetzte nämlich teilweise alle vier Mittelfeldpositionen mit offensiv denkenden Spielern. Und auf den rechten Verteidigerposten stellte er dann auch noch den etatmäßigen Rechtsaußen Schröck. Macht insgesamt 7 offensive Spieler. Man könnte auch Harakiri dazu sagen. Fürths Tordifferenz nach 7 Spielen: 20:12. Mit die meisten geschossen, mit die meisten in der oberen Tabellenhälfte kassiert. Das ist natürlich kein Zufall.

Anderes Beispiel: Das eigentlich offensive 4-3-3 System. Praktiziert unter anderem von Schalke 04 und ihrem holländischen Coach Fred Rutten. Wie oft hört man da folgenden Satz: "Schalke, mit drei Stürmern, voll auf Offensive eingestellt." Ach ja? Schauen wir mal genau hin: Hinter den drei Stürmern Kuranyi, Farfan und Halil Altintop spielte zuletzt folgendes Mittelfeld: Westermann, Engelaar und Jones. Ein umfunktionierter Abwehrspieler, zwei defensiv orientierte Mittelfeldleute. Macht am Ende genau drei Offensive. Und das ist nicht viel. Schalkes Torverhältnis nach 7 Spielen: 11:7. Das sind die wenigsten Gegentore der Liga, aber in der oberen Tabellenhälfte hat nur Hertha BSC seltener getroffen. Kein Zufall. Sondern das Resultat der vorsichtigen Marschrichtung des Trainers.

Im Übrigen denken viele Trainer heute gar nicht mehr in den etablierten Kategorien Stürmer oder Mittelfeldspieler. Stattdessen wird eher von Offensiven oder Defensiven gesprochen. Und die Frage lautet immer: Wie viele von jeder Sorte bringe ich, damit die Balance stimmt? Damit ich vorne genug Torgefahr produziere ohne hinten die Bude voll gehauen zu bekommen. Darauf kommt es an. Und der Rest ist Geschmackssache.

Denn eines habe ich bei dieser Diskussion bewusst außen vor gelassen: Gut oder schlecht, falsch oder richtig. Schließlich sollen die Trainer gewinnen. Und dafür müssen sie die richtige Mischung finden: nämlich die aus System, Spielphilosophie und dem zur Verfügung stehenden Personal.

Bis bald,
Andreas

P.S.: ab dem kommenden Donnerstag werde ich für Spox wöchentlich einen Fußball-Podcast produzieren. Zu Wort kommen darin Kollegen von Premiere, aber auch andere Fußballschaffende, z.B. Trainer, Spieler oder Journalisten. Wäre schön, wenn ihr mal reinhören würdet.
Aufrufe: 2495 | Kommentare: 31 | Bewertungen: 23 | Erstellt:10.10.2008
ø 9.8
NEUESTE KOMMENTARE KOMMENTIEREN
excheff
11.10.2008 | 12:17 Uhr
excheff :
bester bolg, den ich bis jetz gelsen hab. top.
MaestroAndi
11.10.2008 | 12:18 Uhr
MaestroAndi :
bin überwältigt .
klasse Blog.
bunsenallstar
11.10.2008 | 12:40 Uhr
bunsenallstar :
super blog, ich bins auch leid, - und hab das ein paar mal gepostet - dass man unter dem etikett "taktische einstellung" immer nur über aufstellungen redet, dass kommt zu kurz

klasse

freu mich auf den podcast, interviews und meinungen anderer insider oder experten sind ja generell immer sehr beliebt

MaestroDelFuego
11.10.2008 | 12:45 Uhr
MaestroDelFuego :
Super blog. so hab ich das noch garnicht gesehen, vorallem dass man nicht mehr als stürmer, mittelfeldspieler usw. denkt sondern als defensiv und offensiv orientierte spieler.

KLASSE!

weiter so!!!
heinzundkeinz
11.10.2008 | 12:47 Uhr
heinzundkeinz : 1A Blog!
Gerne gelesen und für sehr gut befunden. Freue mich auf den Podcast (was Apple der Welt nicht alles gebracht hat!!!).
wavemaster
11.10.2008 | 12:51 Uhr
wavemaster : Systemfrage
ZUnächst: Wieder ein äußerst gelungener Artikel! So macht eine Fußballdiskussion wirklich Spaß und man kommt endlich runter von den Phrasen wie"die Spieler müssen endlich Gas geben oder Gras fressen...".
Ich kann mir nicht vorstellen, dass Fach seine Aussage wirklich ernst gemeint hat, das würde ihn schlichtweg disqualifizieren-oder sollten seine mageren Resultate wirklich etwas damit zu tun haben?
Wie wichtig ein System ist, zeigt schon alleine der Blick auf Dortmund, die endlich taktisch gut eingestellt werden, Hoffenheim, die einen tollen Systemfußball spielen und zuletzt Bayern München, die eben das System nicht hinkriegen.
Natürlich ist neben der Spielphilosophie,ob ich eher defensiv denke oder offensiv, die Frage mitbestimmend, wie der Gegner aufgestellt ist. So würde ich, wenn Leverkusen zu Gast ist, nicht mit einer Raute mit einem Abräumer vor der Abwehr spielen lassen, sondern mit zwei defensiven Leuten vor der Abwehr, sonst wirbelt mich deren Sturm restlos auseinander.
Fehleinkauf
11.10.2008 | 12:58 Uhr
Fehleinkauf :
du bringst es auf den punkt:
nicht das system entscheidet, ob eine mannschaft defensiv oder offensiv spielt, sondern die spieler die auf die jeweiligen positionen gesetzt werden....n andres beispiel wäre bei bayern das 3-5-2....hört sich ja offensiver an wie ein 4-4-2, ist de facto aber defensiver da die abwehrspieler lahm und lell außen im mittelfeld waren...so war es mehr ein 5-3-2 als ein 3-5-2...
centercourt89
11.10.2008 | 13:03 Uhr
centercourt89 :
respekt vor diesem blog, echt klasse...
du sorgst für ein absolutes novum: ein premiere-kommentator, der ahnung vom fussball hat...hätte nicht für möglich gehalten dass es sowas tatsächlich gibt...eigentlich schließt doch das eine das andere aus ^^
bunsenallstar
11.10.2008 | 13:10 Uhr
bunsenallstar :
bayern ist gerade ein beleg dafür, dass man nicht einfach die taktische formation ändern kann und damit erfolgreich ist.

außenverteidiger kann man bspw offensiv interpretieren oder defensiv und der trainer kann entsprechend die spieler wählen

für mich gibt es beim fcb das problem, dass man zu offensiv denkt, bei den problemen hinten müssen die einfach erst einmal absichern und nicht mit nachdruck versuchen, aufgrund der probleme in der defensive vorne noch offensiver zu werden

wenn hinten sicherheit hergestellt ist, dann kann man über ein mutigeres offensivspiel nachdenken
bunsenallstar
11.10.2008 | 13:11 Uhr
bunsenallstar : centercourt
naja ok, es gibt die einen und die anderen, aber die premiere kommentatoren sind doch im großen und ganzen noch die besten, oder nicht ?
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