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14.03.2011 um 20:46 Uhr
Totgesagte halten besser, Teil 2
Dies ist der zweite Teil meines Rensing-Resümees. Ich hoffe, ihr habt weiterhin soviel Spaß am Lesen wie ich am Schreiben hatte.

Hier geht's zurück zum ersten Teil


Wie einst Ikarus
Doch dessen Freude dürfte nur kurz gewirkt haben, fand er sich nur drei Spiele später, nach zwei Unentschieden gegen Hoffenheim und Bremen und einer Niederlage gegen Mainz zum Spiel gegen den VfL Wolfsburg erneut auf der Bank wieder, dorthin verlagert von Louis van Gaal, verdrängt von Jörg Butt, dem Torwart-Oldie. Gewogen und für zu leicht befunden. Déjà-Vu. Was folgte war eine überragende Bayernsaison - Meister, Pokalsieger, Finalist in der Champions League, berauscht von einem Schweinsteiger, der auf neuer Position zur Weltklasse reifte, und Robben, dessen Tempodribblings und Tore die ganze Liga verzauberten. Rensing wurde indes mitgeteilt, dass sein zum Saisonende auslaufender Vertrag nicht verlängert würde. Anschließend war Sommerpause und Rensing auf dem Transfermarkt mindestens so beliebt wie Dr. jur. a.D. zu Gutenberg als Redner auf einem Kongress der deutschen Akademiker: Hamburg holte Drobny, Hoffenheim bekam Starke und St. Pauli lieh sich Kessler, seines Zeichens Ersatztorwart des 1. FC Köln – alles keine Götter ihrer Zunft, aber wesentlich begehrter als Rensing. Aus dem nächsten großen Ding des FC Bayern und der Nationalmannschaft wurde binnen zweier Jahre eine persona non grata, die vom Hofe des Kaisers gejagt wurde und sich anschließend ein halbes Jahr im Exil beim VfR Garching auf eigene Kosten fithalten durfte - ein verglühter Stern in der Bezirksoberliga. Wie einst Ikarus flog Rensing zu hoch und verbrannte sich an der Sonne die Flügel.

Nur, dass jener Ikarus aus freien Stücken und purem Übermut der Sonne zu nah kam. Rensing hingegen wurde von außen eine Rolle zugedacht, an der auch andere zerbrochen wären. Während Neuer und Adler ohne Druck Woche für Woche ihre Leistung abrufen konnten und ihnen auch größere Patzer verziehen wurden, musste Rensing jede Woche gehobene Weltklasse anbieten, mehr noch, musste er die personifizierte Weltklasse sein – war sein Vorgänger schließlich auch.

Rensing war in seiner Bayernzeit sicher nicht ohne Fehl und Tadel, wirkte häufig überfordert, traf die falschen Entscheidungen und war kein verlässlicher Rückhalt. Nun, junge Spieler dürfen das in der Regel. Sie müssen keine Mannschaft führen und ihr ein Gesicht geben – Rensing musste und Rensing scheiterte. Er scheiterte an den Anforderungen an seine Person, an seinem eigenen Ehrgeiz und dem Druck der Fans und der Medien, die jede Bayernkrise genüsslich ausschlachten, vor allem aber scheiterte er aber an unklugen Aussagen eines ansonsten klugen Managers, einer Lichtgestalt des FC Bayern.

Phönix aus der Asche
Was Rensing zu leisten im Stande ist, beweist er seit Beginn der Rückrunde in Diensten des 1. FC Köln. Die Kölner, die nach einer enttäuschenden Hinrunde ihren langjährigen Stammtorhüter Faryd Mondragon nicht nur ob seines Jesus-Vergleichs in Richtung Philadelphia Union ziehen ließen, hatten ein Problem. Die eigentliche Nummer 2, Thomas Kessler, hatte man zu Saisonbeginn an St. Pauli verliehen und der dritte Mann zwischen den Pfosten, das 21-jährige kroatische Talent Miro Varvodic, wusste bis dahin nicht zu überzeugen. Zudem fehlte auch noch Geld in der Kasse, um einen gestandenen und abstiegskampferprobten Keeper aus einem Vertrag rauszukaufen. So fragte Köln bei Rensing nach und dieses Mal schlug Rensing zu. Zuvor lehnte dieser diverse Angebote ab, die seinem Anspruch nicht genügten - ein Drahtseilakt des Torwarts, aber eine Entscheidung, die sich im Nachhinein sowohl für ihn als auch für den 1. FC Köln als wahrer Segen erweisen könnte. Denn seit Rensing für Köln spielt, leistet er das, was sich der FC Bayern einst erhofft hatte: Neun Spiele, zehn Gegentore, fünf Siege, zwei Unentschieden und nur zwei Niederlagen - eine davon gegen den designierten Meister aus Dortmund. Eine durchaus beeindruckende Bilanz und das nicht nur für eine Mannschaft, die zur Winterpause als Spitzenanwärter auf einen Abstiegsplatz galt. Rensing hat dabei laut kicker einen Notendurchschnitt von 2,50 erreicht und ist, sollte er diese Leistung konservieren, somit bester Torhüter der Bundesliga, noch vor Manuel Neuer (ø 2,71) und weit vor René Adler
(ø 2,94). Genau wie eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, machen neun Spiele noch keinen Bundesadler aus Rensing. Aber vom Druck befreit, der Beste der Welt sein zu müssen, und bereits durchs Fegefeuer des medialen Overkills gegangen, wirkt er in Köln gereifter und auch ein Stück weit geerdeter und fokussierter als zu Münchener Zeiten. So trägt er einen entscheidenden Anteil dazu bei, dass sich Köln Stück für Stück aller Abstiegssorgen entledigt und stellt Spiel für Spiel einen Teil seiner Reputation wieder her. Nun soll sein zum Saisonende auslaufender Vertrag in Köln langfristig verlängert werden, Trainer Frank Schaefer ist sehr zufrieden mit ihm: "Michael hat jetzt überragende Spiele gemacht. Ich bin mit ihm sehr zufrieden. Er soll ein wichtiger Spieler werden - auch übers Saisonende hinaus.", so Schaefer gegenüber kicker online. Aus dem Gescheiterten ist, wie Phönix aus der Asche, ein Gereifter und Gefeierter geworden. Totgesagte halten manchmal eben doch besser und Michael Rensing ist angetreten um den Beweis zu liefern.

Danke für eure Aufmerksamkeit. Über Anregungen, Lob und Kritik würde ich mich sehr freuen. Higuita
Aufrufe: 3067 | Kommentare: 31 | Bewertungen: 18 | Erstellt:14.03.2011
ø 9.4
KOMMENTARE
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mamö99
14.03.2011 | 21:38 Uhr
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mamö99 : 
14.03.2011 | 21:38 Uhr
+2
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mamö99 : 
Schöner Zweiteiler! Lässt sich echt gut lesen und ist sehr anregend geschrieben. Die letzte Teilüberschrift "Phönix aus der Asche" trifft es sehr passend. Jeweils 10 Punkte!
Higuita
15.03.2011 | 09:01 Uhr
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Higuita : 
15.03.2011 | 09:01 Uhr
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Higuita : 
Danke mamö, freut mich, dass es dir gefällt.
donluka
15.03.2011 | 12:07 Uhr
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donluka : 
15.03.2011 | 12:07 Uhr
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donluka : 
Sehr schöner Blog! Sehr gut geschrieben!

Ich persönlich fand ja aus der Ferne, dass er seinerzeit auch an seiner eigenen Erwartungshaltung, verbunden mit zu starkem Selbstbewusstsein (nach außen hin), gescheitert ist.
Ich gebe Dir in allen Punkten recht, denke aber auch, dass Rense jetzt vor allem deshalb so gut hält, weil er a) ein anderes Umfeld und somit einen Verein, in dem nicht alles an O. Kahn erinnert, vorfindet und b) er selbst fokussierter und selbstreflektierter ist.

Schönes Ding, Higuita!
xxlhonk
15.03.2011 | 12:34 Uhr
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xxlhonk : 
15.03.2011 | 12:34 Uhr
+2
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xxlhonk : 
Ich bin 100%ig bei Donluka
Der extreme Erwartungsdruck und die Vorschusslorbeeren waren eindeutig zu groß.
Und so ein halbes Jahr in der "Arbeitslosigkeit" holt schnell auch die jungen, verwöhnten und oft zu erwartungsvollen Fußballer schnell auf den Boden zurück.
Das hat dem Rensing bestimmt gut getan.

Sehr schöner Blog.

PS Rensing wird der neue Bodo.
Nur ohne Länderspiele, dafür aber mit echten Torwartleistungen und nicht durch Bundesbertisgnaden...
GladiArturo
15.03.2011 | 13:06 Uhr
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15.03.2011 | 13:06 Uhr
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tja ohne eine gewisse realistische Selbsteinschätzung wird es auch der "neue" Michael Rensing nicht nach oben schaffen!

ich halt nicht viel von dem.... gegen Freiburg war es ein ganz klares Tor, das hätte niemals abgepfiffen werden dürfen... und dann wär das Geschrei wieder groß gewesen!
er hatte ein bißchen GLück in letzter Zeit, aber man muss auch anerkennen, dass er sehr sehr gut gehalten hat die letzten Spiele in Köln. Trotzdem wird Manuel Neuer weder von ihm noch Adler noch von sonstwem verdrängt werden können!
taneu
15.03.2011 | 13:16 Uhr
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taneu : 
15.03.2011 | 13:16 Uhr
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taneu : 
Hammerteil, higuita. Danke für die Veröffentlichung in der Gruppe. Wäre sonst vielleicht an mir vorbeigegangen. UNd das muss man gelesen haben.

Ich war am Anfang sehr skeptisch. Eben weil es so wirkte als überschätze er sich. Auch in den Interviews bei Vertragsunterschrift. Aber er hat mich überzeugt. Auf der Linie könnte ich nciht sagen wer besser ist Rensing oder Neuer. In der Strafruambeherrschung lernt er unglaublich schnell. Da kommt ihm natürlich die Spielpraxis und die stärkere Belastung in Köln als auf Schalke entgegen

Edit: Foto gefällig? Ich lade mal eins hoch, wenn es dir schön genug ist kannst du es einbinden.
themarsvoltaire
15.03.2011 | 13:21 Uhr
+3
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15.03.2011 | 13:21 Uhr
+3
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Sehr schöner Blog, ich hatte ja bei Rensing von Anfang an eigentlich ein gutes Gefühl. Liegt aber auch daran, dass es schwer ist schlimmer als Mondi zu sein..

Arturo: Gegen Freiburg war kein Tor, Rensing hat die Hände am Ball, Körperkontakt seitens Cisse ist irrelevant, in dem Moment in dem der Torwart den Ball in Händen hat (berührt) gilt das als "sicher". Gleiches Szenario bei einem flachen Ball, wenn der Torwart nur die Hand von oben auf den Ball legt, darf keiner mehr den Ball spielen. Somit hat der Schiedsrichter gegen Freiburg richtig entschieden, denn Rensing hat den Ball und Cisse köpft ihm ihn aus den Händen. Kein Tor.

Außerdem darf auch M. Rensing Fehler machen. Zumindestens in Köln. Das Geschrei käme wohl eher aus der Bayern-Ecke "War ja klar"... usw.
hsv_in_portugal
15.03.2011 | 13:29 Uhr
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15.03.2011 | 13:29 Uhr
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grüße dich,
einer der wenigen 2 teiligen blogs die ich zu ende gelesen habe. unterhaltsam geschrieben.
gruß
GladiArturo
15.03.2011 | 13:32 Uhr
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15.03.2011 | 13:32 Uhr
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@tmv

haha meinst du das ernst?! jung zieh mal die Vereinsbrille ab, bin selber Kölner deswegen find ich den FC zwar scheisse aber freu mich trotzdem wenn Köln gewinnt
und DAS war NIEMALS ein irreguläres Tor! Cissé berührt weder Rensing noch Ball regelwidrig, der lässt den einfach ins Tor fallen!
Kaiser01
15.03.2011 | 13:32 Uhr
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Kaiser01 : 
15.03.2011 | 13:32 Uhr
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Kaiser01 : 
Sehr schöner Blog und ich seh es auch wie donluka. Sicherlich hatte Hoeneß mit seinen Aussagen eine große Mitschuld am "Versagen" von Rensing in München, aber eben auch seine fehlende Selbstkritik und sein übertrieben zur Schau gestelltes Selbstbewusstsein hat ihm die Beine bei uns gebrochen.

Umso mehr freut es mich für ihn, dass er in Köln jetzt zeigen kann, was er zweifellos drauf hat. An der Strafraumbeherrschung muss er zwar nach wie vor noch etwas feilen, aber mit 26 hat er seine besten Torwart-Tage noch vor sich.

Ich wünsche ihm viel Glück in Köln und auf seinen eventuellen weiteren Stationen.
Dem EFFZEH gratuliere ich zur Verpflichtung. Sie hatten mit ihm nichts zu verlieren, haben jetzt aber sehr viel gewonnen.
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