21.04.2011 um 12:16 Uhr
Mourinho der Anti-Culé
Gestern Abend, gegen Mitternacht, war es endlich wieder so weit. Der erfolgsverwöhnte Hauptstadtklub aus Madrid konnte zum ersten Mal seit 3 Jahren wieder einen Titel gewinnen und den spanischen Königspokal in den Nachthimmel von Valencia strecken.

3 Jahre, eine immens lange titellose Zeit für einen Klub wie Real Madrid. Und für das königliche Herz fast schlimmer noch: Es waren nicht nur drei titellose Jahre, sondern es war eine Zeit, in der der große Rivale aus Barcelona völlig enteilt schien, einen Titel nach dem anderen gewann und allseits anerkannt den besten Fußball der Welt spielte, während für Real Madrid trotz riesiger Investitionen in neue Stars lediglich die Zuschauerrolle blieb. Zu groß war der Vorsprung des FC Barcelona, was vor allem mannschaftliche Geschlossenheit und Spielphilsophie anbelangt wie auch die individuelle Klasse der Einzelspieler.

Womöglich der letzte und ultimative Versuch, Barcelonas Vorherrschaft zu brechen, war im letzten Sommer die Verpflichtung des frischgebackenen Champions-League-Siegers José Mourinho, der gemeinhin als der beste Trainer der Welt gilt. Und vor allem gilt er als das personifizierte Gegengift gegen Barcelona, der vom "El traductor" zum größten Gegner und Rivalen der Katalanen aufstieg und in seiner Karriere mit den Cules schon mehrfach erfolgreich die Klingen kreutze.
Die Verpflichtung von Mourinho war für Real Madrid auch eine Neuerfindung: Waren es früher immer die Superstars, die für das Image des Klub sorgten und die wichtigsten Personen waren, während der Trainer lediglich eine untergeordnete Rolle als Hütenaufsteller zugewiesen bekam, jedoch für den Misserfolg immer den Kopf hinhalten musste, so hat Madrid momentan zwar viele Stars, aber nur einen Superstar: Und das ist José Mourinho. Kein anderer Trainer der Welt hätte ein solches Standing wie Mourinho, er ist die personifizierte Hoffnung auf bessere Zeiten.

Doch anfangs des Jahres schien es, als würde es so weitergehen wie in den letzten Jahren. Barca fegte Madrid 5:0 aus dem Camp Nou. Doch Mourinho wäre nicht Mourinho, würde er vor einer solche Schmach kapitulieren. Vielmehr dürfte er seit diesem denkwürdigen Tag jede freie Sekunde damit verbringen, zu überlegen, wie Real Madrid Barcelona schlagen kann. Kein anderes Ziel hat er, und diesem Ziel wird er alles unterordnen. Ein Mourinho verliert nicht zweimal 5:0.

Und der Spielplan (sowie natürlich auch die eigenen Leistungen) meinte es günstig mit den Madrilenen: Innerhalb von wenigen Wochen stehen 4 Clasicos auf dem Programm, das relativ bedeutungslose Rückspiel in der Liga, das sich fast zum Experimentieren eignet, dann das prestigeträchtige Finale der Copa des Rey, ein Entscheidungsspiel über 90 oder eben 120 Minuten, in dem man Selbstbewusstsein für das ultimative Aufeinandertreffen bekommen kann: Die zwei Begegnungen des Champions-League Halbfinales, zuerst im Santiago Bernabeu, das Rückspiel im Camp Nou.

In diesen vier Partien steht für beide Vereine viel auf dem Spiel, mehr noch für Madrid als für Barcelona. Die ultimative Niederlage für Real wäre es gewesen, wenn sie wieder nur zuschauen könnten, wie Barcelona alle Titel gewinnt, die es zu gewinnen gibt, also sowohl in der Liga, als auch im Pokal wie auch in der Champions-League triumphiert.
Und für Barcelona wäre es besonders bitter, wenn es ausgerechnet Real Madrid wäre, das zwei der möglichen Titel, darunter den wichtigsten, den Gewinn der Champions-League gewinnt, die nach katalanischem Selbstverständnis doch eigentlich den Katalanen selbst zustünden. Denn dann wäre die Meisterschaft plötzlich nur noch eine Erwähnung wert, während die Vorherrschaft Barcelonas gebrochen schiene und Real der große Sieger wäre.

Barcelona gegen Real Madrid, das war schon immer ein Duell der Gegensätze, oft mit geradezu politischer Bedeutung: Historisch bedingt die Franco-Gegner gegen die Franchisten, die "Aufständischen" gegen die "Königstreuen", das nach Autonomie dürstende Katalonien gegen Rest-Spanien.

Früher war Real Madrid für viele deutsche Fans das Feindbild schlechthin, wobei auch hier viele Vorurteile mitschwangen: Arrogant, größenwahnsinnig, chronisch Pleite, am Leben gehalten durch König und Staat, aber mit legendär hohen Transferausgaben. Barcelona, das war für viele der Gegenentwurf, die ehemals von Franco Unterdrückten, die nicht mit dem großen Geld um sich warfen, sondern auf eine hervorragende Jugendarbeit nach holländischem Vorbild setzten und die Übermacht des madrilenischen Geldes mit Philosophie und Sachverstand bekämpften.

Doch dieses Bild hat sich in den Augen vieler gewandelt: Barcelona, das ist nicht mehr der Underdog, der vernünftig mit seinem Geld umgeht, sondern der hohe Favorit, dem die Schulden bis zum Hals stehen. Ein Verein, der den Transferwahnsinn mitmacht, Ibrahimvic für zig Millionen kauft, um ihn ein Jahr später wieder zu verkaufen. Ein Verein, dessen Spieler nicht mehr bescheiden-sympathisch erscheinen, sondern von arrogantem Sendungsbewusstsein geprägt im Wissen, sie seien die besten Fußballer. Und: Ein Verein, der nicht verlieren kann, vielleicht weil er es verlernt hat, ein Verein, der die Sprengleranlage anstellt, um die gegnerische Feier zu unterbinden, ein Verein, dessen Spieler dann Stilmittel wie Schwalben, Schauspielerei und Lamentieren bevorzugen.

Man kann also sagen, dass sich Barcelona dem früheren Image von Real Madrid annähert, während Real gerade in den letzten Jahren doch Demut gelehrt bekam.

Doch seit dieser Saison tritt in dieses historische Duell ein weiterer Gegensatz hinzu: Dieser Gegensatz heißt Mourinho. Es spielt plötzlich nicht mehr der beste Klub der Welt gegen einen der Top8-Klubs, sondern der beste Klub der Welt gegen den besten Trainer der Welt, der gleichzeitig der Intimfeind ist. Der, der einst Übersetzer war, von Barcelonafans jetzt als Übersetzer verspottet wurde, damals angelernt von Sir Bobby Robson und Louis van Gaal in die große Fußballwelt auszog und einer, wenn nicht der erfolgreichste Trainer wurde, den die Welt je gesehen hat.
Doch seine Kritiker werfen ihm vor, zu einem wahrhaft großem Trainer fehle ihm ein Titeln übergeordnetes Ziel, wie etwa eine Vereinsphilosophie wie die des FC Barcelona über Jahre zu entwickeln und zu prägen.
Doch Mourinho scheint seine Berufung in letzter Zeit gefunden zu haben:
Barcelona zu besiegen, und nicht nur die Mannschaft Barcelonas in einem Spiel zu besiegen, sondern den Verein zu besiegen, seine Philosophie zu besiegen. Dieses Ziel ist von destruktiver Natur, deswegen muss man Mourinho nicht mögen. Aber gerade solche Antagonismen machen den Fußball aus, und auch der Destruktive muss konstruieren, um letztlich zerstören zu können.

Mourinho gegen Barcelona, das ist das Duell des Weltfußballs in den vergangenen Jahren.


Wie Real und Mourinho den Pokal gewannen, lest ihr hier
Aufrufe: 1388 | Kommentare: 1 | Bewertungen: 2 | Erstellt:21.04.2011
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Brian_Clough
21.04.2011 | 12:17 Uhr
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21.04.2011 | 12:17 Uhr
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