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19.06.2009 um 13:00 Uhr
Löw und das Leistungsprinzip
"Wir stellen nicht nach Tattoos auf", sondern nach Leistung, stellt Jogi Löw klar. Doch manche Fälle zu seiner Amtszeit und auch zu der seines Vorgängers Klinsmann werfen zumindest Fragen auf.

Deutschland 2006: Kuranyi, Ernst und Wörns trotz guter Leistungen nicht im WM-Kader, dafür der Dauerverletzte Metzelder und der chronisch harmlose Torjäger Odonkor. Empörung machte sich breit, vor allem in Gelesenkirchen, aber auch bei Christian Wörns, der Jürgen Klinsmann vorwarf, nicht nach dem Leistungsprinzip zugehen. Böse Zungen behaupteten damals, die Beziehung der beiden sei seit der WM 1998 vorbelastet und Klinsmanns Wahl, Wörns nicht zu nominieren, sei von vorne rein klar gewesen. Die größte Überraschung war allerdings die Nominierung von David Odonkor, der bis dato nie für die Nationalmannschaft aufgelaufen war. Der Grund, warum sich kurze Zeit später niemand mehr darüber unterhielt, liegt auf der Hand: Metzelder spielte eine bärenstarke WM 2006, Odonkor entwickelte sich mit seiner Torvorlage im Vorrundenspiel gegen Polen zum absoluten Shootingstar.

Ob Joachim Löw diese Entscheidungen mitgetragen hat oder sich heraushielt, ist unklar. Klar jedoch ist, dass es auch unter Löw grenzwertige Fälle gibt. Da wäre zum einen der Fall Tim Wiese. Keiner der Kandidaten für die Torhüter Position bei der WM 2010 (Enke, Adler, Neuer, Weidenfeller) hat mehr vorzuweisen als der Bremer. Wiese spielt seit Jahren auf hohem europäischem Niveau und zeigte seine Klasse nicht nur in der Bundesliga, sondern auch in der Champions League und im Uefa-Cup. Enke zeigte sich in der Liga stark, durfte aber nie unter Beweis stellen, wozu er international fähig wäre - oder auch nicht. Sein Versuch, in Barcelona den großen Durchbruch zu schaffen, scheiterte. Adler und Neuer haben großes Talent, waren in der abgelaufenen Saison jedoch nicht fehlerfrei. Obendrein hat Adler keinerlei internationale Erfahrung vorzuweisen.
Der Grund, weshalb Wiese jedoch eher in der Rolle des Underdogs ist, ist unschwer zu erkennen: Löw passt die Art von Wiese nicht. Der Torhüter von der Weser, der seinen muskelbepackten Körper zeitweise in ein rosafarbenes Trikot steckte und mindestens 10 % seiner Jahresgage in Haargel investiert, ließ sich zusätzlich noch des Öfteren zu naiven Aussagen hinreißen.

Dass der DFB nicht nur auf die Leistung schaut, sondern von seinen Spielern eine gewisse Reife und einen anständigen Charakter fordert, ist äußerst lobenswert, doch erscheint es dem neutralen Fußballfan doch irgendwie komisch, dass jemand wie Wiese so lange auf seine Chance warten musste.

Ähnliches gilt für Kuranyi. Betrachtet man die Leistungen von Mario Gomez in den letzten Jahren, muss man zwangsweise zu der Einschätzung kommen, dass der Neu-Bayer der mit Sicherheit beste Deutsche Stürmer momentan ist. Dennoch ist die Kuranyi Kritik an Löw berechtigt, wenn er nach der EM-Vorrunde von Gomez behauptet, er hätte eine Chance verdient gehabt. Löw nahm zwar Gomez aus der Startelf, nicht jedoch Kuranyi dafür rein, stattdessen baute er das System um.
Dass sich noch so einer enttäuschen EM jemand wie Kuranyi zu seiner berühmt berüchtigten Flucht hinreißen ließ, ist menschlich und verständlich. Die Art und Weise war nicht fehlerfrei, das weiß er selbst, dennoch bekam er nicht zu Unrecht viel Zuspruch seitens der Fans und auch der Medien.
Kuranyi selbst kann man nur den Vorwurf machen, dass er nicht versucht, an seinem Auftreten zu arbeiten. Seine auf Hochglanz gestylten Haare, sein "etepete"-Bart und dazu seine sehr unsouveräne Art zu sprechen, machen ihn bei vielen Fans nicht unbedingt zum Sympathieträger.

Der letzte Fall der Kategorie "Löws Leistungsprinzip" ist Jermaine Jones. Selbst der Kicker (Link) zeichnete ihn als besten Deutschen Mittelfeldspieler im zentralen defensivem Mittelfeld aus, dennoch bekam er nie eine richtige Chance im DFB-Trikot. Während Löw behauptet, Jones hätte seine Chance nicht genutzt, poltert Jones, bei Löw ginge es nicht nach Leistung und das, was der Bundestrainer ihm mit auf den Weg gegeben hätte, seien "leere Worte" gewesen.
Die Chance, die er nicht genutzt habe, so Löw, sei das Freundschaftsspiel gegen England gewesen. Mit dieser Aussage hat sich Löw selbst ins Seitenaus katapultiert, denn damit zeigt er: Jones hatte nur dieses eine Spiel - wohlbemerkt Freundschaftsspiel -, um sich zu zeigen. Seine Konkurrenten (Hitzlsperger und Rolfes) durften in Pflichtspielen von Beginn an ran und das, obwohl sie nicht an das Niveau von Jones in der abgelaufenen Bundesliga-Saison herankamen - so die Experten des Kicker.

Dass Löw kurz vor der EM Marin, Helmes und Jones aussortiert hatte, war den Anhängern des DFB im Endeffekt egal, schließlich wurde Deutschland auch ohne die drei genannten Spieler Vizeeuropameister.

Was aber macht Löw, wenn sein mit Sicherheit sehr eigenes Leistungsprinzip einmal fehlschlägt - gar bei der WM 2010 in Südafrika?
Aufrufe: 1535 | Kommentare: 19 | Bewertungen: 7 | Erstellt:19.06.2009
ø 7.7
Löw  | Jones  | Wiese  | DFB  | Kuranyi  | WM 2010  | Gomez  | WM 2006  | Klinsmann  | Nationalmannschaft  |
KOMMENTARE
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cartman1
19.06.2009 | 13:10 Uhr
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cartman1 : 
19.06.2009 | 13:10 Uhr
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cartman1 : 
erster, auch wenn s nur ein blog ist aber super 'Blog !
phil376
19.06.2009 | 13:20 Uhr
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phil376 : 
19.06.2009 | 13:20 Uhr
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phil376 : 
Bisher hatte löw ja immer ein goldenes händchen aber im fall jones denke ich hat er schon den ersten fehler gemacht, ob jones sich durchgesetzt hätte werden wir wohl nie erfahren.

im hinblick auf die wm hoffe ich das er wieder so vorgeht wie 2006, nur sollte man es nicht übertreiben.
Siled
19.06.2009 | 13:21 Uhr
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Siled : 
19.06.2009 | 13:21 Uhr
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Siled : 
Schön zusammengefasster Blog, allerdings ist das Resultat für Löw wenn man es genau nimmt "DER ERFOLG GIBT IHM RECHT".

Ich denke gerade die personalie Jones darf man nicht nur von der Leistung abhängig machen, da ein Trainer bei so einem Tunier bei dem sich die Mannschaft wochenlang auf den Füßen steht auch auf die Zwischenmenschlichen Aspekte achten muss.
EIn Jones hat Aussagen getätigt die bei den Mitspielern sicher nicht gut ankommen...und zwar weil er sie nicht als Mitspieler sieht sondern deren Leistung schlecht redet.
Ein gutes Beispiel für ein Team war die EM 96. Dort war Deutschland bei weitem nicht die beste Mannschaft wenn man auf die Spieler blickt, aber sie hatten den besten Mannschaftsgeist und ers herrschte gute Harmonie...dadurch wurde man Europameister.

Man kann nur vermuten dass den Verantwortlichen bei Charakteren wie Wiese und Jones (die einfach zu oft ihr Gehirn in die Ecke werfen und losledern ohne Rücksicht auf Mitspieler) einfach dass Risiko zu groß ist, das wärend eines Tuniers Grabenkämpfe aufgemacht werden und das Gleichgewicht der Mannschaft gestört wird.

Im Prinzip sind solche Entscheidungen dann zum wohle des "Leistungsprinzips" der ganzen Mannschaft. Denn ein Team besteht nicht aus "Ich" sondern aus "Wir".
centercourt89
19.06.2009 | 13:23 Uhr
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19.06.2009 | 13:23 Uhr
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Ich finde dein Blog zeigt perfekt was Jogi Löw richtig macht:

Du sagst keiner hat verstanden, warum Metzelder und Odonkor noiniert wurden und Wörns und Ernst nicht.

Bei der WM haben dann aber beide bewiesen, dass ihre Nominierung absolut gerechtfertigt war.
Metzelder hat ein überragendes Turnier gespielt und Odonkors Nominierung hat sich allein wegen der Vorlage gegen Polen schon gelohnt.

Ernst und Wörns dagegen stehen sinnbildlich für alles was man eigentlich nichtmehr haben wollte in der N11.
Wörns war damals schon überaltet, langsam, technisch mit großen Mängeln.
Ernst mag ein sehr guter Abräumer sein, aber einen Pass in die Spitze spielt er praktisch nie, auch für einen Doppelpass ist er nicht zu gebrauchen.
Das ist aber genau der Fussball, den Klinsmann und Löw sehen wollten.
Außerdem hat man beim DFB sicher nicht vergessen, dass Ernst mit seinem Katastrophenfehler 04 gegen Holland unser Ausscheiden eingeleitet hat.

Was ich damit sagen werden:
Es wird immer Spieler geben, die in ihren Vereinen tolle Leistungen bringen, aber die man in der N11 aufgrund ihrer Spielweise trotzdem absolut nicht gebrauchen kann.
Bei Jones sehe ich das genauso.

Ich möchte nicht alles schönreden was Löw macht, auch ich bin mit einigen Entscheidungen absolut nicht einverstanden, u.A. die Nominierungen von Weis und Huth für die Asienreise, aber was Jones angeht bin ich auf Löw seiner Seite.
Rocky8
19.06.2009 | 13:49 Uhr
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Rocky8 : @ Siled
19.06.2009 | 13:49 Uhr
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Rocky8 : @ Siled
Ich stimme dir zu - der Erfolg gibt ihm Recht. Das habe ich ja auch gesagt, siehe:

"Dass Löw kurz vor der EM Marin, Helmes und Jones aussortiert hatte, war den Anhängern des DFB im Endeffekt egal, schließlich wurde Deutschland auch ohne die drei genannten Spieler Vizeeuropameister."

Aber hinzugefügt habe ich:
"Was aber macht Löw, wenn sein mit Sicherheit sehr eigenes Leistungsprinzip einmal fehlschlägt - gar bei der WM 2010 in Südafrika?"


Im Moment gibt er der Erfolg Recht, der Zweck heiligt alle Mittel. Aber wenn er der Erfolg ausbleibt, wird genau diese Kritik kommen, das hat auch schon das Beispiel Klinsmann gezeigt.



Edit: @all: vielen Dank für die Kritik.
EdHardy22
19.06.2009 | 13:53 Uhr
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EdHardy22 : 
19.06.2009 | 13:53 Uhr
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EdHardy22 : 
Da ich deine Blogs kenne wollte ich auch diesen lesen. Das Thema quält mich aber langsam.

Ich möchte nur eine Sache sagen und zwar, dass Jones eine gute Rückrunde hatte und Weis beispielsweise eine gute Hinrunde. Viele echauffieren sich darüber, dass letztgenannter nach Asien durfte und Jones nicht. Beide haben also Leistung gezeigt und Jones ist derjenige von ihnen, der gerade im Formhoch ist. Aber beide haben gezeigt zu was sie in der Lage sind. Nun ist es so dass Löw gerne junge Spieler einbaut und da Weis klar einen Vorteil hat. Des Weiteren hat Weis eindrucksvoll bewiesen, dass er in einem sehr laufintensiven System wie bei Hoffenheim gut funktionieren kann. Löw hat sich also gegen die Form und für das Potenzial entschieden. Eine wichtige Rolle spielt hier auch die Trainerausbildung im Raum Stuttgart, denn Rangnick, Löw, Adrion und Dutt sind sich sehr ähnlich. Löw wird nachgesagt, dass er gerne Hoffenheimer und Stuttgarter holt - das liegt bei ihm aber nicht an der regionalen Verbundenheit, sondern an seinem Konzept, welches diese Spieler schon ein Stück weit in ihrem Verein verinnerlicht haben. In Stuttgart geschieht dies bereits in der Jugend, bei Hoffenheim ist Rangnick derjenige, der diese Parallele herstellt im taktischen Konstrukt. Darauf greift Löw nur allzu gern zurück.

Ich entschuldige mich dafür, dass ich kreuz und quer und ohne wirklichen Faden geschrieben habe, aber wenn ihr was nicht verstanden habt, dann fragt mich einfach....

Edit:
Achso noch 2 Sachen:
8 Punkte für dich
Und ich bin mittlerweile gegen Löw. Ich finde er ist der schlechteste von den hier von mir genannten Trainern. Das Konzept, das er etablieren will, das könnten Dutt und Rangnick, genau wie Adrion wohl besser umsetzen. Zumal Rangnick es bereits teilweise mitentwickelt und verbessert hat.
Fehleinkauf
19.06.2009 | 14:30 Uhr
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19.06.2009 | 14:30 Uhr
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@EdHardy

Deine Argumentation ist wirklich super & schlüssig.

Gerade der Absatz hat es mir angetan:
Eine wichtige Rolle spielt hier auch die Trainerausbildung im Raum Stuttgart, denn Rangnick, Löw, Adrion und Dutt sind sich sehr ähnlich. Löw wird nachgesagt, dass er gerne Hoffenheimer und Stuttgarter holt - das liegt bei ihm aber nicht an der regionalen Verbundenheit, sondern an seinem Konzept, welches diese Spieler schon ein Stück weit in ihrem Verein verinnerlicht haben. In Stuttgart geschieht dies bereits in der Jugend, bei Hoffenheim ist Rangnick derjenige, der diese Parallele herstellt im taktischen Konstrukt. Darauf greift Löw nur allzu gern zurück.

Dem ist nichts hinzuzufügen!!
EdHardy22
19.06.2009 | 14:32 Uhr
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EdHardy22 : 
19.06.2009 | 14:32 Uhr
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EdHardy22 : 
Fehleinkauf - ich tue mein bestes. Da mir das Thema langsam zum Hals raus hängt, der Verfasser des Blogs aber bei mir eine gewisse Wertschätzung genießt wollte ich mir mal ein paar Gedanken machen und diese auch kund tun
Trentemoeller
19.06.2009 | 14:41 Uhr
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19.06.2009 | 14:41 Uhr
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Guter Blog, mit Jones hast du völlig recht, ebenso mit Odonkor.

Bei Wiese muss ich dir widersprechen, erstens hat er keinen "muskelbepackten" Körper und darüber hinaus hat er auch international immer wieder gezeigt, das er zu bösartigen Patzern in wichtigen Situationen immer zu haben ist. Siehe Turin, siehe Glasgow...

Die wohl größte Frechheit die sich Löw aber bisher erlaubt hat, ist die Nominierung von Träsch. Mir fallen mindestens 10 deutsche Fußballer ein, die wesentlich besser sind als Träsch und daher genauso gut auf die Bank gekonnt hätten.
Fehleinkauf
19.06.2009 | 14:51 Uhr
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19.06.2009 | 14:51 Uhr
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@Trentemoeller
Dann nenn doch mal bitte bessere RV als Träsch.

Aber wenn du jetzt Owomoyela oder Ochs sagen willst dann kannst dus auch gleich lassen, dann wird unsere Diskussion nämlich zu nichts führen

@Rocky
Wenn der Erfolg ausbleibt hat jeder Trainer der N11 ein Problem, auch Löw wird nicht zu halten sein, wenn wir 2010 in der Vorrunde ausscheiden...
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