05.Dezember 2008
25.01.2008 um 22:33 Uhr
Karneval der Untoten
Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich für die EM in Norwegen erwärmen konnte. Der vergangene Donnerstag aber hat mir die Augen geöffnet.
Die WM in Deutschland vor einem Jahr war ein Märchen. EM in Norwegen - das ist Handball back to its roots. Weniger Glamour, erdiger, Turnhallenatmosphäre statt Karneval in der Arena.
Es war der letzte Spieltag der Hauptrunde mit den Endspielen um zwei verbliebene Halbfinal-Tickets. Deutschland gegen Schweden und Kroatien gegen Norwegen. Das sechste Spiel am achten Turniertag. Spätestens da war jener Zustand erreicht, der fast jedes Handball-Großereignis prägt.
Dieser Zustand, wenn die Spieler und ihre Mannschaften nicht mehr von gemeinsamen Zielen und taktischen Konzepten zusammengehalten werden, sondern von Klebestreifen und Heftpflastern. Der ganz normale Zustand einer Sportart, in der die verantwortlichen Instanzen die Athleten von einer Tortur zur nächsten hetzen.
Aber ich will hier nicht der x-te sein, der Kritik am übervollen Terminkalender der Spitzenhandballer übt, sondern das Turnier oder vielmehr einen Spieler abfeiern. Also los!
Meine heimliche Lieblingsmannschaft sind die Kroaten. Ganz einfach, weil sie die Fertigsten unter den Fertigen sind. Kein anderes Team auf Topniveau macht rein äußerlich einen derart desolaten Eindruck, wenn sich ein Turnier seinem Höhepunkt nähert.
Nehmen wir Petar Metlicic. Der ist 30 Jahre alt, sieht aber aus wie 38. Als er am Donnerstag in der zweiten Halbzeit in Jonny Jensens Eisenfaust lief, hatte er die 40 längst überschritten. Mit blutendem Cut unter dem linken Auge trottete er vom Parkett, um wenig später mit trombosestrumpfbraunem Pflaster im Gesicht und um Jahre gealtert wirkend wieder auf der Platte zu stehen.
Oder Igor Vori. Der überaus haarige, überaus unrasierte und überaus riesige Kreisläufer ist nach drei Minuten schon immer komplett verwüstet. Markus Baur könnte 48 Stunden am Stück spielen und sähe nicht halb so mitgenommen aus wie Vori.
Am allerfertigsten kommt aber Ivano Balic daher. Tief liegen die dunklen Augen in noch dunkleren Höhlen. Der blasse Teint, der tiefschwarze Bartschatten, die von einem Stirnbändchen mühsam gebändigte Fransenmatte und das Pflaster über dem Auge lassen ihn eher wie einen sozial Gestrandeten denn wie den Handball-Superstar des 21. Jahrhunderts erscheinen.
Er sieht aus, als hätte ihn jemand zwei Minuten vor dem Spiel aus einer Kneipe geholt, an deren Tresen er selig geschlummert hatte.
Es ist Donnerstag, kurz nach acht.
"Ivano! Ivano! Komm, wir spielen gleich."
"Ich kann nicht."
"Ivano, bitte. Wir brauchen dich. Wenn wir das heute geschafft haben, dann ist auch erstmal Pause. Pause, Ivano."
"Wie lange Pause?"
"40 Stunden oder 43 oder so."
"43 Stunden... Okay, ich komme."
"Schön."
"Eine Frage noch, Trainer."
"Hm?"
"Wie viele Tore? Reichen fünf?"
"Zehn, Ivano. Nur um sicher zu gehen. Du weißt, Petar ist nicht der Frischeste und Mirza ist diesmal gar nicht dabei, falls dir das schon aufgefallen ist."
"Sagen wir acht? Ich kann nicht mehr."
"Acht ist gut. Acht ist in Ordnung, Ivano."
"Gegen wen eigentlich?"
"Norwegen, du weißt schon. Ein Unentschieden reicht."
"Unentschieden. Okay, mach ich."
Und wie er machte. Balic erzielte sogar neun Tore gegen Norwegen. Es wurde ein Unentschieden, und die Kroaten lösten das letzte Halbfinalticket.
Balic war überragend, auch wenn man Angst haben musste, dass er beim nächsten Hit durch einen der Hünen aus dem norwegischen Mittelblock einfach zerbröselt wäre wie eine Salzlette. Aber er hat sich durchgebissen.
Balic steht bei mir in einer Verehrungskategorie mit Michael Jordan und Zinedine Zidane. Er ist outstanding. Auch wenn er sich kaum auf den Beinen halten kann, ist er den anderen immer noch einen Schritt voraus. Schneller, cleverer, einfach besser.
Es ist Samstag, kurz vor halb vier.
"Ivano, komm, wir spielen gleich!"
"Gegen wen, Trainer?"
"Frankreich. Halbfinale, du weißt schon."
"Frankreich?! Oh Gott, ich kann nicht."
"Ich weiß. Wir alle müssen sehr tapfer sein."
"Wie viele Tore, Trainer. Reichen acht?"
"Zehn, Ivano."
"Zehn??"
"Oder besser 15. Nur um sicher zu gehen."
Mein Kopf sagt mir, dass Frankreich zu stark, zu robust, zu brutal ist, um nicht ins Finale einzuziehen. Mein Kopf sagt auch, dass Dänemark vielleicht den Tick frischer und besser in Form ist als Deutschland.
Mein Bauch sagt aber: Deutschland gegen Kroatien wäre ein prima Finale. Balic zaubert, dass einem die Tränen kommen, und Deutschland gewinnt mit einem Tor...
Die WM in Deutschland vor einem Jahr war ein Märchen. EM in Norwegen - das ist Handball back to its roots. Weniger Glamour, erdiger, Turnhallenatmosphäre statt Karneval in der Arena.
Es war der letzte Spieltag der Hauptrunde mit den Endspielen um zwei verbliebene Halbfinal-Tickets. Deutschland gegen Schweden und Kroatien gegen Norwegen. Das sechste Spiel am achten Turniertag. Spätestens da war jener Zustand erreicht, der fast jedes Handball-Großereignis prägt.
Dieser Zustand, wenn die Spieler und ihre Mannschaften nicht mehr von gemeinsamen Zielen und taktischen Konzepten zusammengehalten werden, sondern von Klebestreifen und Heftpflastern. Der ganz normale Zustand einer Sportart, in der die verantwortlichen Instanzen die Athleten von einer Tortur zur nächsten hetzen.
Aber ich will hier nicht der x-te sein, der Kritik am übervollen Terminkalender der Spitzenhandballer übt, sondern das Turnier oder vielmehr einen Spieler abfeiern. Also los!
Meine heimliche Lieblingsmannschaft sind die Kroaten. Ganz einfach, weil sie die Fertigsten unter den Fertigen sind. Kein anderes Team auf Topniveau macht rein äußerlich einen derart desolaten Eindruck, wenn sich ein Turnier seinem Höhepunkt nähert.
Nehmen wir Petar Metlicic. Der ist 30 Jahre alt, sieht aber aus wie 38. Als er am Donnerstag in der zweiten Halbzeit in Jonny Jensens Eisenfaust lief, hatte er die 40 längst überschritten. Mit blutendem Cut unter dem linken Auge trottete er vom Parkett, um wenig später mit trombosestrumpfbraunem Pflaster im Gesicht und um Jahre gealtert wirkend wieder auf der Platte zu stehen.
Oder Igor Vori. Der überaus haarige, überaus unrasierte und überaus riesige Kreisläufer ist nach drei Minuten schon immer komplett verwüstet. Markus Baur könnte 48 Stunden am Stück spielen und sähe nicht halb so mitgenommen aus wie Vori.
Am allerfertigsten kommt aber Ivano Balic daher. Tief liegen die dunklen Augen in noch dunkleren Höhlen. Der blasse Teint, der tiefschwarze Bartschatten, die von einem Stirnbändchen mühsam gebändigte Fransenmatte und das Pflaster über dem Auge lassen ihn eher wie einen sozial Gestrandeten denn wie den Handball-Superstar des 21. Jahrhunderts erscheinen.
Er sieht aus, als hätte ihn jemand zwei Minuten vor dem Spiel aus einer Kneipe geholt, an deren Tresen er selig geschlummert hatte.
Es ist Donnerstag, kurz nach acht.
"Ivano! Ivano! Komm, wir spielen gleich."
"Ich kann nicht."
"Ivano, bitte. Wir brauchen dich. Wenn wir das heute geschafft haben, dann ist auch erstmal Pause. Pause, Ivano."
"Wie lange Pause?"
"40 Stunden oder 43 oder so."
"43 Stunden... Okay, ich komme."
"Schön."
"Eine Frage noch, Trainer."
"Hm?"
"Wie viele Tore? Reichen fünf?"
"Zehn, Ivano. Nur um sicher zu gehen. Du weißt, Petar ist nicht der Frischeste und Mirza ist diesmal gar nicht dabei, falls dir das schon aufgefallen ist."
"Sagen wir acht? Ich kann nicht mehr."
"Acht ist gut. Acht ist in Ordnung, Ivano."
"Gegen wen eigentlich?"
"Norwegen, du weißt schon. Ein Unentschieden reicht."
"Unentschieden. Okay, mach ich."
Und wie er machte. Balic erzielte sogar neun Tore gegen Norwegen. Es wurde ein Unentschieden, und die Kroaten lösten das letzte Halbfinalticket.
Balic war überragend, auch wenn man Angst haben musste, dass er beim nächsten Hit durch einen der Hünen aus dem norwegischen Mittelblock einfach zerbröselt wäre wie eine Salzlette. Aber er hat sich durchgebissen.
Balic steht bei mir in einer Verehrungskategorie mit Michael Jordan und Zinedine Zidane. Er ist outstanding. Auch wenn er sich kaum auf den Beinen halten kann, ist er den anderen immer noch einen Schritt voraus. Schneller, cleverer, einfach besser.
Es ist Samstag, kurz vor halb vier.
"Ivano, komm, wir spielen gleich!"
"Gegen wen, Trainer?"
"Frankreich. Halbfinale, du weißt schon."
"Frankreich?! Oh Gott, ich kann nicht."
"Ich weiß. Wir alle müssen sehr tapfer sein."
"Wie viele Tore, Trainer. Reichen acht?"
"Zehn, Ivano."
"Zehn??"
"Oder besser 15. Nur um sicher zu gehen."
Mein Kopf sagt mir, dass Frankreich zu stark, zu robust, zu brutal ist, um nicht ins Finale einzuziehen. Mein Kopf sagt auch, dass Dänemark vielleicht den Tick frischer und besser in Form ist als Deutschland.
Mein Bauch sagt aber: Deutschland gegen Kroatien wäre ein prima Finale. Balic zaubert, dass einem die Tränen kommen, und Deutschland gewinnt mit einem Tor...
Aufrufe: 560 | Kommentare: 3 | Bewertungen: 10 | Erstellt:25.01.2008
ø 9.6
NEUESTE KOMMENTARE KOMMENTIEREN
26.01.2008 | 14:28 Uhr
BigBen : Exquisit!
Sehr, sehr feines blog. Balic spielen zu sehen ist einfach ein Ereignis! Ich hätte auch gerne die Kroaten im Finale! 29 Assists von Balic, aber wir gewinnen 30:29!
BigBen : Exquisit!
Sehr, sehr feines blog. Balic spielen zu sehen ist einfach ein Ereignis! Ich hätte auch gerne die Kroaten im Finale! 29 Assists von Balic, aber wir gewinnen 30:29!
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Girardi : Köstlich!
Du hast ja so Recht mit dem, was du schreibst. Alles Zombies da oben in Norwegen. Auch ein geiles Bild war, wie Roggisch an der deutschen Bank vorbei humpelte, auf der gerade die Überreste von Mimi Kraus zusammengeflickt wurden. So macht echter Sport Spaß!