05.Dezember 2008
03.01.2008 um 17:00 Uhr
Imaginäre Kabinettstückchen
Frauen-WM. Titelverteidigung. Große Emotionen. Eine Torfrau, die zum Star wird. Theo Zwanziger, der den Glückskeks salonreif macht. Und eine Nation, die zwei Dutzend Frauen ekstatisch abfeiert und zwei Wochen später schon wieder vergessen hat.
Keine Frage: Neids Mädels waren gut, sehr gut sogar. Das DFB-Team ist verdient Weltmeister geworden und der DFB-Präsident darf immer noch feuchte Augen bekommen, wenn er daran zurückdenkt.
Aber das Ausmaß, in dem das dreiwöchige Event einmal durch den medialen Hype-Wolf gedreht wurde und die extreme Art, in der die übertragenden Sender die tatsächliche Leistung der DFB-Frauen überzeichneten, hat mir den Restfunken Spaß am Thema Frauen-Fußball genommen.
Ich habe genau ein Spiel dieser WM über die vollen 90 Minuten gesehen - das "hart umkämpfte" 11:0 im ersten Gruppenspiel gegen Argentinien. Ich bin wahrlich kein Feind des Frauen-Fußballs, aber eine umgestürzte Bierbank hätte an diesem Tag sicherlich nicht mehr Bälle vorbei gelassen als die Torfrau der Gauchos (oder Gauchas?).
Vielleicht war's die Aufregung, vielleicht aber auch schlichtes Unvermögen. Die deutschen Mädels um Renate Lingor wurden dennoch abgefeiert, als hätten sie gerade die wahre Albiceleste zweistellig vom Platz geschossen. Die Männer, versteht sich.
Eine schwierige Situation für die Mädels, ganz klar. Wenn ein koffeindurchtränkter Reporter, mit einem Mikrophon fuchtelnd, aufgeregt vor einem auf und ab hüpft und staccatoartig Fragen vor sich hin blubbert - soll man sich davon einfach anstecken lassen und die seltene mediale Aufmerksamkeit einfach nur genießen oder den debil grinsenden Journalisten in einem Nebensatz vielleicht doch darauf hinweisen, dass ein deutscher (Frauen!-)Zweitligist die Argentinierinnen an diesem Tag wohl auch richtig abgestraft hätte?
Das gequälte 0:0 gegen England und das mühsame 2:0 gegen Japan im abschließenden Gruppenspiel waren prompt eine Wohltat, weil plötzlich niemand mehr nach einem zweiten Sommermärchen geschrien haben wollte und es einigen Journalisten kurzzeitig dämmerte, dass eine Frauen-WM in China vielleicht doch nicht so cool und trendy ist wie eine Männer-WM im eigenen Land. Und dann wurde es plötzlich noch viel schlimmer.
Die Damen spielten stark, hatten ein bisschen Glück, die nötige Durchschlagskraft im Sturm und eine wirklich herausragende Torfrau zwischen den Pfosten. Das reichte, um Nordkorea, Norwegen und Brasilien zu bezwingen und den WM-Titel einzufahren. Und es reichte, um die Realitätssensoren einiger Berichterstatter vollends durchbrennen zu lassen.
Durchschnittlich 9,05 Millionen Zuschauer erlebte das 2:0 im Finale gegen Brasilien vor dem Fernseher mit und mussten mitanhören, wie eine einfache Körpertäuschung zum Kabinettstückchen, und ein simpel herunter gefangener Flankenball zur Glanzparade hochstilisiert wurde.
Der Sender hatte seinen Triumph. Doch irgendwie fühlte man sich als kritischer Zuschauer leicht verschaukelt. Wenn der Sinn für Realitäten verloren geht, gelangt man irgendwann zu einem Punkt, an dem man sich vom Gesehenen abkehrt. Das geht einem Krimi mit miesem Drehbuch genau so. Mittlerweile kicken die Spielerinnen wieder in der Bundesliga, selten vor mehr als 2000 Zuschauern. Das mediale Interesse beschränkt sich auf kurze Spielberichte im Dritten, nur einmal fand das Spitzenspiel Potsdam gegen Frankfurt Platz in der Sportschau am Samstagabend.
Gestern, am 2. Januar, wurden die DFB-Frauen noch einmal in den Fokus gerückt. Unter dem Titel "Die besten Frauen der Welt" hat Britta Becker eine sehenswerte Dokumentation verfasst, die die ARD allerdings im Vorabend-Programm versteckte. Vielleicht, weil der gelungene Blick von innen so gar nicht zu der eigenen Berichterstattung im September passte.
An der Qualität des Films lag es nicht - die Kritiken waren nach der Kino-Premiere im Dezember durchwegs positiv ausgefallen. "Glücklicherweise hat man es vermieden, einfach eine Frauenvariante des schwarz-rot-geilen Märchens zu basteln. Warum sollte man diesen Film nun sehen? Weil er nicht nervt. (…) Weil er ohne Sportkitsch auskommt. Weil er eine deutsche Mannschaft porträtiert, aber auf anbiedernden Patriotismus verzichtet", schrieb "Spiegel-Online" beispielsweise. Und das wird dem Frauen-Fußball allemal mehr gerecht, als ein "fantastischer Übersteiger", der eigentlich nur ein Stolperer war.
Keine Frage: Neids Mädels waren gut, sehr gut sogar. Das DFB-Team ist verdient Weltmeister geworden und der DFB-Präsident darf immer noch feuchte Augen bekommen, wenn er daran zurückdenkt.
Aber das Ausmaß, in dem das dreiwöchige Event einmal durch den medialen Hype-Wolf gedreht wurde und die extreme Art, in der die übertragenden Sender die tatsächliche Leistung der DFB-Frauen überzeichneten, hat mir den Restfunken Spaß am Thema Frauen-Fußball genommen.
Ich habe genau ein Spiel dieser WM über die vollen 90 Minuten gesehen - das "hart umkämpfte" 11:0 im ersten Gruppenspiel gegen Argentinien. Ich bin wahrlich kein Feind des Frauen-Fußballs, aber eine umgestürzte Bierbank hätte an diesem Tag sicherlich nicht mehr Bälle vorbei gelassen als die Torfrau der Gauchos (oder Gauchas?).
Vielleicht war's die Aufregung, vielleicht aber auch schlichtes Unvermögen. Die deutschen Mädels um Renate Lingor wurden dennoch abgefeiert, als hätten sie gerade die wahre Albiceleste zweistellig vom Platz geschossen. Die Männer, versteht sich.
Eine schwierige Situation für die Mädels, ganz klar. Wenn ein koffeindurchtränkter Reporter, mit einem Mikrophon fuchtelnd, aufgeregt vor einem auf und ab hüpft und staccatoartig Fragen vor sich hin blubbert - soll man sich davon einfach anstecken lassen und die seltene mediale Aufmerksamkeit einfach nur genießen oder den debil grinsenden Journalisten in einem Nebensatz vielleicht doch darauf hinweisen, dass ein deutscher (Frauen!-)Zweitligist die Argentinierinnen an diesem Tag wohl auch richtig abgestraft hätte?
Das gequälte 0:0 gegen England und das mühsame 2:0 gegen Japan im abschließenden Gruppenspiel waren prompt eine Wohltat, weil plötzlich niemand mehr nach einem zweiten Sommermärchen geschrien haben wollte und es einigen Journalisten kurzzeitig dämmerte, dass eine Frauen-WM in China vielleicht doch nicht so cool und trendy ist wie eine Männer-WM im eigenen Land. Und dann wurde es plötzlich noch viel schlimmer.
Die Damen spielten stark, hatten ein bisschen Glück, die nötige Durchschlagskraft im Sturm und eine wirklich herausragende Torfrau zwischen den Pfosten. Das reichte, um Nordkorea, Norwegen und Brasilien zu bezwingen und den WM-Titel einzufahren. Und es reichte, um die Realitätssensoren einiger Berichterstatter vollends durchbrennen zu lassen.
Durchschnittlich 9,05 Millionen Zuschauer erlebte das 2:0 im Finale gegen Brasilien vor dem Fernseher mit und mussten mitanhören, wie eine einfache Körpertäuschung zum Kabinettstückchen, und ein simpel herunter gefangener Flankenball zur Glanzparade hochstilisiert wurde.
Der Sender hatte seinen Triumph. Doch irgendwie fühlte man sich als kritischer Zuschauer leicht verschaukelt. Wenn der Sinn für Realitäten verloren geht, gelangt man irgendwann zu einem Punkt, an dem man sich vom Gesehenen abkehrt. Das geht einem Krimi mit miesem Drehbuch genau so. Mittlerweile kicken die Spielerinnen wieder in der Bundesliga, selten vor mehr als 2000 Zuschauern. Das mediale Interesse beschränkt sich auf kurze Spielberichte im Dritten, nur einmal fand das Spitzenspiel Potsdam gegen Frankfurt Platz in der Sportschau am Samstagabend.
Gestern, am 2. Januar, wurden die DFB-Frauen noch einmal in den Fokus gerückt. Unter dem Titel "Die besten Frauen der Welt" hat Britta Becker eine sehenswerte Dokumentation verfasst, die die ARD allerdings im Vorabend-Programm versteckte. Vielleicht, weil der gelungene Blick von innen so gar nicht zu der eigenen Berichterstattung im September passte.
An der Qualität des Films lag es nicht - die Kritiken waren nach der Kino-Premiere im Dezember durchwegs positiv ausgefallen. "Glücklicherweise hat man es vermieden, einfach eine Frauenvariante des schwarz-rot-geilen Märchens zu basteln. Warum sollte man diesen Film nun sehen? Weil er nicht nervt. (…) Weil er ohne Sportkitsch auskommt. Weil er eine deutsche Mannschaft porträtiert, aber auf anbiedernden Patriotismus verzichtet", schrieb "Spiegel-Online" beispielsweise. Und das wird dem Frauen-Fußball allemal mehr gerecht, als ein "fantastischer Übersteiger", der eigentlich nur ein Stolperer war.
Aufrufe: 608 | Kommentare: 1 | Bewertungen: 4 | Erstellt:03.01.2008
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20Legend : Kann man
sehen,wie man will.Aber dafür,dass der Frauenfußball über Jahrzehnte eigentlich nur belächelt wurde und manche es auch heute noch machen, kann man den Frauen den etwas überspitzten Hype eigentlich nur gönnen,finde ich. Außerdem wurden sie dann ja auch Weltmeister. Wie man das bewertet,ist jedem selbst überlassen,aber unsere Männer haben schon lange nichts mehr geholt und werden trotzdem immer gefeiert,als wären sie die beste Mannschaft der Welt.