05.10.2012 um 18:36 Uhr
Handspiel – ja, nein, vielleicht
Handspiel oder kein Handspiel? Elfmeter oder kein Elfmeter? Diese Entscheidung hatte am Mittwochabend der tschechische Schiedsrichter Pavel Kralovec beim Aufeinandertreffen von Manchester City und Borussia Dortmund in der Champions-League beim Stande von 0:1 zu treffen – in der 89. Spielminute. Er entschied auf Elfmeter. Aber lag hier wirklich ein regelwidriges Vergehen vor? Die offiziellen FIFA-Regeln geben hierüber nur wenig Aufschluss.
Neven Subotic kniete ungläubig und die Hände vors Gesicht geschlagen im Etihad Stadium von Manchester. Nur noch zwei Minuten waren zu spielen als Manchesters Sergio Aguero den Ball im Strafraum Richtung Tor beförderte und den dabei nur wenige Zentimeter hinter ihm stehenden Subotic am rechten Arm traf. Referee Pavel Kralovec entschied auf Handspiel und damit auch auf Elfmeter für Manchester City und sorgte so für großes Entsetzen bei den Dortmunder Spielern und Anhängern. Der an diesem Abend außerordentlich starke Roman Weidenfeller konnte den von Deutschland-Schreck Mario Balotelli getretenen Strafstoß nicht abwehren und so musste sich die Borussia nach starkem Spiel im Glauben des sicheren Sieges letztlich mit nur einem Punkt begnügen.
Eine zweifelhafte Schiedsrichter-Entscheidung nahm also maßgeblich Einfluss auf den Ausgang dieses Spiels. Nicht zum ersten Mal wirkt sich so ein Urteil, ob Handspiel oder nicht, grundlegend auf das Resultat eines Spiels aus. Im Viertelfinale der WM 1986 in Mexiko etwa erzielte Diego Maradona mit Hilfe der „Hand Gottes" ein wichtiges Tor – die Pfeife des Schiedsrichters blieb stumm. Thierry Henry nahm in der Verlängerung des Playoff-Rückspiels zur WM-Qualifikation 2010 die Hand zur Hilfe, um das entscheidende Tor für die Franzosen einzuleiten – auch hier blieb die Pfeife des Referees stumm. Beides waren Fehlentscheidungen wie Maradona und auch Henry wenig später zugaben und auch die offiziellen FIFA-Regeln zumindest nahelegen:
„Ein Handspiel liegt vor, wenn ein Spieler den Ball mit seiner Hand oder seinem Arm absichtlich berührt. Der Schiedsrichter achtet bei der Beurteilung der Situation auf
die Bewegung der Hand zum Ball (nicht des Balls zur Hand),
die Entfernung zwischen Gegner und Ball (unerwartetes Zuspiel),
die Position der Hand (Das Berühren des Balls an sich ist noch kein Vergehen.)."
Sowohl Henrys als auch Maradonas Hand bewegten sich in den jeweiligen Aktionen zum Ball, sodass hier abgepfiffen hätte werden müssen. So eindeutig ist die Sachlage jedoch nur in den seltensten Fällen. In Sekundenbruchteilen muss ein Schiedsrichter entscheiden, ob ein Spieler die Hand mit Absicht und aktiv zum Ball bewegt. Das Urteil des Schiedsrichters hat bisweilen maßgebende Bedeutung für den Ausgang eines Spiels. Kann eine solche Entscheidung überhaupt dem Ermessen eines Schiedsrichters überlassen werden? Oder sollte möglicherweise auch hier über einen Videobeweis nachgedacht werden?
Fakt ist zumindest, dass eine Entscheidung für oder gegen ein Handspiel immer eine subjektive Entscheidung des Schiedsrichters ist. Daran würde auch ein Videobeweis nichts ändern können, denn wie soll grundsätzlich bestimmt werden, ob ein Spieler den Ball absichtlich, d.h. willentlich mit der Hand gespielt hat. Das mag in einigen Fällen zwar tendenziell eher möglich sein als in anderen, eine eindeutige, unbestreitbare Entscheidung kann so jedoch auch nicht erzielt werden. Um also eine eindeutige Regel bezüglich des Handspiels im Fußball formulieren zu können, müsste unweigerlich auf den Aspekt der Absicht verzichtet werden. Würde aber jedes Berühren des Balles mit der Hand oder dem Arm vom Schiedsrichter geahndet, würden die Spieler gerade im Strafraum wohl ganz gezielt versuchen, ihrem Gegenspieler an die Hand oder den Arm zu schießen.
Es ist also fragwürdig, ob es bessere Alternativen zur aktuellen Regelung oder zumindest Optimierungsmöglichkeiten gibt, die das Spiel zudem nicht grundlegend verändern. Festzuhalten ist, dass die Regeln der FIFA in Sachen Handspiel sehr schwammig sind. Das hat zur Folge, dass es immer wieder zu Schiedsrichter-Entscheidungen kommt, die unter den Spielern, den Fans und in der Presse heiß diskutiert werden. So wie etwa der Elfmeterpfiff von Pavel Kralovec, der dem BVB nach dem vermeintlichen Handspiel von Neven Subotic, den Sieg vor der Nase wegschnappte. Sowohl die Tatsache, dass die Hand des Serben sich nicht zum Ball bewegte als auch die geringe Entfernung zwischen Ball und Spieler lassen im Übrigen vermuten, dass es sich nicht um ein absichtliches Handspiel handelte. Da die Entscheidung über ein Handspiel jedoch stets eine subjektive ist und die Regeln in Sachen Handspiel bislang nicht eindeutig sind, werden sich auch in Zukunft immer wieder Trainer und Fans benachteiligt fühlen, Kommentatoren befinden, „dass der Arm dort eigentlich nichts zu suchen hat" und Spieler beteuern, sie hätten die Hand gar nicht mehr wegziehen können.
Aufrufe: 9305 | Kommentare: 80 | Bewertungen: 14 | Erstellt:05.10.2012
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KOMMENTARE
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09.10.2012 | 11:08 Uhr
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ThierryHenry :
sehr guter blog, wollte selbst mal etwas darüber schreiben, aber das thema ist so komplex und schwierig, da habe ich die passenden worte auch noch nicht gefunden. aber du beschreibst es ganz gut! mal sehen, wie sich das alles noch weiter entwickelt ...
09.10.2012 | 12:21 Uhr
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rodman :
Guter Blog!Wobei hier aber mE nach das Handspiel von Alaba gegen Real letztes Jahr noch ein viel besseres Beispiel wäre. Auch die Konsequenz der daraus resultierenden Sperre für Alaba ist viel gravierender.
Und die Frage ob die Bayern dann mit Alaba das Finale gewonnen hätten, lässt sich zumindest diskutieren!
09.10.2012 | 12:29 Uhr
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In Subotic's Fall treffen die Punkte 1 und 2 keinesfalls zu, nur beim dritten Punkt könnte es abweichende Meinungen geben (wobei ich aber klar der Meinung bin, dass die Handbewegung nur zu Stabilisierung diente).
In solchen Fällen würde ich aber immer nach der Regel urteilen lassen: im Zweifelsfalle kein Elfmeter. Spiele, bei denen der Schiedsrichter ein Spiel entscheidet sollten so weit wie möglich vermieden werden. Diesen Grundsatz sollte die FIFA in ihr Regelwerk aufnehmen.
09.10.2012 | 12:31 Uhr
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b2bmk77 :
die Entscheidungen und auch "Fehl"entscheidungen sind Part of the Game, wie Markus Merk das letztens sehr schön formulierte. Der Fußball lebt davon und ich finde die Schiedsrichter werden immer besser. Es gibtt auch Ausnahmen, spanische Schiedsrichter pfeiffen viel zu kleinlich und oft zu einseitig - aber das ist wohl ein anderes Thema.
Fakt ist, trotz Videobeweis, wird in anderen Sportarten immer noch Fehlentscheidungen getroffen, am ende entscheidet wieder ein "Mensch".
Das vermeidliche Handspiel von Subotic ist da relativ einfach zu bewerten, die Hand verhinderte einen Schuß "aufs" ich wiederhole "AUFS" Tor.
Der Schiedsrichter hätte eventuell anders bewerten können, doch dazu fehlen die Argumente, wenn du der Heimmanschaft diesen Elfmeter verwehrst. Das der Ball an die Hand ging kann ja keiner abstreiten.
Wenn das so für Dortmund gepfiffen werden würde, mekert auch keiner - oder ?
09.10.2012 | 12:37 Uhr
+1
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Eben die Feststellung, dass jede Handentscheidung faktisch auf der subjektiven Sicht des Schiris beruht, ist für mich eine absolut unbrauchbare Grundlage. Von daher wäre ich für die o.g. ursprüngliche Regelung, das schafft klarere Verhältnisse.
Bei Maradonna und Henry lag im Übrigen zwar eindeutig Absicht vor, aber die Schirs haben das Handspiel an sich nicht gesehen. Wenn der Schiri auf dem Platz es nicht sieht, wird er auch nicht abpfeifen - egal bei wievielen Zeitlupen man im Nachgang absichtliches Handspiel erkennt.
09.10.2012 | 12:42 Uhr
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mrpunk :
Gute Blog zu einem schwierigen Thema.Zunächst muss des Handspiel absichtlich sein. (Regel 12)
Der Unterschied von Subotic zu Maradona und Henry ist, dass es bei den beiden letzt genannten eindeutige, böswillige Handspiele waren.
Die Regel ist hier eindeutig.
Problematisch ist es immer wenn es um die natürliche Handhaltung und den Abstand zum Schützen geht.
Muss ein Verteidiger die Hände aktiv aus der Schusslinie bewegen? Muss der Verteidiger die Hände evtl. hinter dem Rücken halten? Oder ist ein Spieler für das absichtliche Anschießen des Gegners evtl. zu bestrafen? (So eine Regel gibt es nicht)
Sowas hat auch Auswirkungen auf die Art wie gespielt wird. Machen sich die Spieler breit oder müssen sie sich 'dünn' machen?
Und vor allem gelten für Angreifer andere Regeln als für Verteidiger?
Laut Regel hätte der Schiedsrichter den Elfmeter gegen den BVB nicht geben dürfen. Allein schon unter Berücksichtigung des Abstands und des Fehlens einer aktiven Bewegung der Hand. Trotzdem ist es nicht unüblich diese Elfmeter zu geben, leider.
09.10.2012 | 12:49 Uhr
+1
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mrpunk :
@b2bmk77 Ich finde im Regelwerk keine Absatz in dem Steht: Fehlentscheidungen sind Teil des Spiels.
Ich halte diese aussage für totalen Quatsch. Klar sind Fehler Teil des Lebens und sollten einem Schiedsrichter nicht dauerhaft vorgeworfen werden.
Aber hier geht es doch nicht um Fehlentscheidungen einer eindeutigen Regel, sondern darum ob die Regel richtig ausgelegt wird und ob die FIFA die Auslegung evtl. anpassen muss.
@mehrfussball
Was heißt hier ein Schiri darf das Spiel nicht entscheiden. Natürlich nicht, aber dass kann er auch in dem er nicht pfeift.
Wenn er ein Foul, ein Handspiel usw. sieht, dann muss er das Bewerten und sanktionieren. Damit entscheidet er kein Spiel. Das macht immer noch der Übeltäter der Foul spielt.
09.10.2012 | 12:51 Uhr
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b2bmk77 :
wenn du beim Baskettball oder Beim Handball den Ball mit dem Fuß spielst wird es sofort abgepfiffen - egal ob Absicht oder nicht.Selbst wenn der Gegner einem den Ball voll in die Füße knallt, spielkt das keine Rolle
die Nähe zum Gegenspieler kann ne Rolle spielen aber was ist den mit der Nähe zum Tor ? Wenn da die Hnad net gewesen wäre, ist der mMn drin.
wir reden hier von höchstens 2 Meter Enfernung zum Tor.
Ich will hier net auf teufel komm raus Elmeter fordern, es war sehr unglücklich. Hätte auch andeers bewertet werden können. Aber ich kann die Entscheidung verstehen.
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