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20.06.2017 | 4088 Aufrufe | 5 Kommentare | 2 Bewertungen Ø 10.0
Der erste Posterboy der Formel 1
François Cevert
Vergesst Hamilton, Hunt, Mansell. Cevert war der Erste.

Bevor Leute wie Lewis Hamilton, Nigel Mansell oder James Hunt mit schrillem Aussehen, ihrem Charakter oder ihren Taten neben der Rennstrecke für Aufsehen gesorgt haben, gab es einen Franzosen, der die Formel 1 Anfang der 1970er fast schon im Sturm eroberte. Der französische James Dean, le prince, Stewarts Lehrling: all diese Spitznamen treffen auf ihn zu. Ein potenzieller Weltmeister, ausgestattet mit Talent, gutem Aussehen und einer akribischen Einstellung zum Sport. Die Frauen liebten ihn, doch der ganz große Erfolg bleibt ihm auf der Strecke verwehrt. Er ist ein Teil der "Totenkette", welche ihr Ende in Jackie Stewart findet.

François Cevert wird am 25.Februar 1944 in Paris geboren. Seine Eltern sind nicht verheiratet, jedoch bekommt er den Nachnamen seiner Mutter Huguette Cevert, da sein Vater jüdischer Abstammung ist. Schon früh zeichnet sich sein Interesse für den Motorsport ab: mit 13 fährt er bereits mit dem Wagen seines Vaters, mit 17 fährt er bei einem Motorradrennen mit und sein Vater muss ihm die Teilnahme an einem Automobilrennen untersagen, weil er noch minderjährig ist.

Nach seinem Militärdienst wird er auf einer privaten Schule zum Automobilrennfahrer ausgebildet. In der französischen Formel 3 legt er die Grundlage durch einen Sieg 1968. Dadurch öffnen sich für ihn die Türen zur Formel 1- und zu Jackie Stewart.

Stewart und Cevert- mehr als nur Freundschaft

Stewart kannte Cevert noch bevor die beiden Teamkollegen wurden. In einem Formel 2-Rennen überholt Cevert Stewart in einem Rennen in der letzten Kurve, um sich den Sieg zu sichern. Daraufhin empfiehlt Stewart Tyrell den Franzosen und ein Jahr später zeigte Stewart Cevert bei seinem ersten Formel 1-Training die gefährlichen Stellen der Rennstrecke. In diesen drei Jahren bringt Stewart Cevert alles bei, was er weiß: Richtige Linie, Fahrwerksabstimmung, Strategie innerhalb des Rennens. Stewart und Cevert tauschen sich ständig miteinander aus, vergleichen Erfahrungen auf der Strecke und werden beste Freunde neben der Strecke. Cevert würde später sagen: "Jackie und ich haben alles geteilt. Er hat für mich mehr getan als ein Bruder."

Über das Privatleben des attraktiven Cevert wird sehr viel berichtet. Die französischen Medien drehen wegen ihm durch, fast täglich wird über sein Privatleben berichtet. Sein Freundeskreis besteht aus Leuten aus dem Showbusiness, was ihm zusätzliche Bekanntheit gibt. Die Fans lieben Cevert aufgrund seiner Art neben der Strecke, seine blauen Augen zogen die Frauen fast schon magisch an. Größen wie Stewart, Fittipaldi oder Peterson werden neben ihn fast schon zu Nebendarstellern. Jo Schlesser fragte sogar nach Ceverts Apotheker mit den Worten: "Ich will auch diese blauen Augen haben. Er soll mir die Tabletten dafür geben, damit ich mehr Erfolg bei den Frauen habe." Für Stewarts Frau ist Cevert ein Bruder und Cevert warf ihr einen Handkuss zu, bevor er 1973 in Watkins Glen auf die Strecke ging. "So war François eben.", sagt Jackie Stewarts Frau 28 Jahre später.

Der Start- Höhen und Tiefen

Jedoch verläuft die Karriere des Franzosen in seinen ersten drei Saisons eher holprig. Zunächst wollte Ken Tyrell, Gründer und Teamchef von der Tyrell Racing Organisation, ihn nicht für den zurückgetretenen Johnny Servoz-Gavin ersetzen. Der Hauptsponsor elf, sowie Stewart, Jack Brabham und Jean-Pierre Beltoise überzeugten ihn jedoch, sodass Cevert in Zandvoort 1970 erstmalig in einem Formel 1-Wagen saß. Cevert erlebt dort die Höhen und Tiefen des Rennsports: 1971 dominiert er mit Stewart den Sport, 1972 dominieren die Lotus den Sport, während Cevert entweder nicht ins Ziel kommt oder sich weit hinter Stewart platziert. Erste Zweifel setzen bei ihm ein, neben den Problemen in der Formel 1 erreicht er parallel in der Formel 2 kaum Erfolge. Zum Ende des Jahres erreicht er mit Stewart beim großen Preis der USA einen Doppelsieg. Für das neue Jahr beschließt er fast alle Motorsportaktivitäten parallel zur Formel 1 einzustellen, da er neben der Formel 1 auch in der Formel 2, bei Le Mans und bei der amerikanischen CanAm-Serie unterwegs war.

Die Saison 1973 sollte die erfolgreichste Saison von Cevert werden. Der zuvor schwer zu fahrende Wagen aus dem Jahre 1972 wurde mit dem von Stewart aus dem gleichen Jahr ersetzt. Desweiteren werden kleinere Veränderungen vorgenommen, um Cevert den größtmöglichen Erfolg zu ermöglichen. Im Laufe der Saison erreicht Tyrell drei Doppelsiege, Cevert wird insgesamt sechsmal Zweiter. Bei jedem dieser drei Doppelsiege vermeidet Cevert ein Überholmanöver gegen Stewart, in Deutschland war er deutlich schneller als Stewart.

Stewart sagt nach dem GP von Deutschland Folgendes: "Cevert hätte eigentlich gewinnen müssen. Er war deutlich schneller als ich. Er hätte mich überholen können, wenn er gewollt hätte." Im Laufe dieser Rennen denkt Stewart über einen Rücktritt aus dem Geschäft nach und beschließt diesen. Tyrell wählt Cevert für die kommende Saison als neuen ersten Fahrer aus. Doch dazu sollte es nie kommen.

Unfall in Watkins Glen

Im letzten Rennen in Watkins Glen will Cevert Tyrell zeigen, dass er die zukünftige Nummer 1 im Team sein möchte. "Cevert war auf einer Höhe mit mir. Er hatte das Talent und den Hunger. Mir war klar, dass er schon sehr bald Weltmeister werden wird", so Stewart. Watkins Glen war auch der Ort, bei dem Cevert in den vergangenen zwei Jahren einen Sieg und einen zweiten Platz errang und im Training kämpfte er mit Ronnie Peterson um die Pole Position. Vor dem Training tauscht sich Cevert ein letztes Mal mit Stewart aus und bespricht das Fahren im ersten Sektor: die legendären Esses. Eine schwer zu fahrende Stelle, bei dem das Tempo hoch, der Asphalt unruhig und die Streckenbreite nicht sonderlich hoch ist. Hier ist der Austausch über diese Stelle im Wortlaut:

Stewart: "Die Rechtskurve fährst du im vierten Gang. Wenn du im nächsten Teil den dritten Gang einlegst... Wo willst du den dritten Gang denn einlegen?"

Cevert: "Direkt nach der zweiten Rechtskurve zwischen der zweiten Rechts und den Esses."

Diese Aussage stammt wohl aus dem Jahr 1971, da auf den Videoaufnahmen, die dieses Gespräch darstellen, zeigen, dass es sich bei dem Fahrzeug, in dem Stewart sitzt, wohl nicht um den Tyrell aus dem Jahre 1973 gehandelt hat. Nichtsdestotrotz merkte Stewart Jahre nach dem Unfall an, dass diese Passage und die Wahl des Ganges ein sehr kontroverses Thema war. Stewart bevorzugte den vierten Gang und somit die sichere Wahl, weil durch die niedrigeren Drehzahlen das Auto in den Esses stabiler und somit leichter zu handhaben war. Cevert hingegen bevorzugte den dritten Gang, um mehr Geschwindigkeit mitnehmen zu können; unter dem Risiko, dass er durch die zu hohen Drehzahlen die Kontrolle über den Wagen verliert. Es schien zwei Jahre lang funktioniert zu haben, durch unter dem Druck machte Cevert den Fehler, den Stewart befürchtete.

"Ich war auf dem Weg zu den Esses, als ich die gelben Flaggen gesehen habe. Ich wusste, wer auch immer in den Esses verunfallen würde, dass es ein sehr schwerer Unfall sein muss. Ich habe den Wagen sofort verlangsamt und habe nur noch das hintere Ende des Tyrells über den Leitplanken gesehen." Das ist die Aussage von Emerson Fittipaldi, der ein Jahr zuvor Weltmeister wurde. Jody Scheckter und Chris Amon, zu dem Zeitpunkt Fahrer des dritten Wagens von Tyrell, erreichen das Wrack sofort. Scheckter steigt aus, versucht Cevert aus dem Wagen zu helfen, als er die Ausmaße des Unfalls bemerkt. Chris Amon fährt langsam vorbei, betrachtet die Unfallstelle dabei genau. Angeblich soll er versucht haben, Stewart davon zu überzeugen, dass er sich die Unfallstelle erst gar nicht ansehen sollte. Stewart fuhr an der Stelle vorbei, hielt an, steigte aus und sah Cevert noch im Wagen liegen. "Sie ließen ihn nach dem Unfall noch drin. Er war so offensichtlich tot." Scheckter würde 40 Jahre später bei einem Interview anfangen zu weinen, als er Cevert erwähnt.

Niki Lauda, der in der Saison 1973 für B.R.M an den Start ging, hat Jahre später den Unfall Ceverts analysiert: "Cevert geriet zu weit nach außen. Er berühte die äußere rechte Leitplanke der Esses, drehte sich, überschlug sich und knallte mit dem Wagen auf die Leitplanke. Dort wurde das Auto aufgerissen." Diese Erklärung ist übereinstimmend mit den Bildern, die nach dem Unfall gemacht wurden, auf denen diverse Reifenspuren zu sehen sind, die mit der Erklärung Laudas vereinbar sind.

Die Schwere des Unfalls wird schnell deutlich. Normalerweise würde ich von den Beschreibungen der Verletzungen absehen, aber in diesem Fall zeigen diese die Schwere: Cevert wurde in Brusthöhe aufgeschlitzt. Man kann also von einer Zweiteilung sprechen. Cevert war sofort tot. Normalerweise würde die Stewarts zu dieser Zeit die Gurte lösen, gelbe Flaggen schwenken und mit der Räumung der Teile beginnen. Cevert wurde im Wagen gelassen, nicht mal die Rettungskräfte holten ihn aus dem Wrack. (Ich entschuldige mich, wenn einige Leser dieses Bild verstören sollte und werde es entfernen, wenn zu viele Beschwerden eingehen.) Stewart und Amon fuhren den GP nicht mehr, nachdem Stewarts Frau Ken Tyrell bat, die Fahrzeuge zurückzuziehen. Stewart würde seinen 100. GP nicht mehr fahren, 28 Jahre nach seinem Unfall bricht Stewarts Frau in Tränen aus, als sie davon erzählt. Die Formel 1 verlor ihren ersten Superstar und Liebling der Fans auf die brutalste Art und Weise.

Durch diesen tragischen Unfall wird erneut deutlich, wie gefährlich der Sport zu dieser damaligen Zeit ist. Cevert wird der Teil einer Todeskette, die mit dem Rücktritt Stewarts endet: Sie beginnt mit Wolfgang Graf Berghe von Trips, der den verstorbenen Ascari zum Grab trägt. Trips Sarg wird von Carel Godin de Beaufort zum Grab getragen, Beauforts Sarg wird von Joakim Bonnier getragen. Cevert trägt den Sarg von Bonnier und Stewart küsst den Sarg von Cevert. Stewart würde nie wieder ein Rennen fahren.

40 Jahre nach dem Unfall lebt die Legende von Cevert weiter: Jean-Eric Vergne, zu diesem Zeitpunkt Fahrer von Toro Rosso, bringt ein spezielles Helmdesign mit, dass an das Design von Cevert erinnern soll. Es sei ein Tribut an einen "besonderen französischen Rennfahrer".

ø 10.0
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KOMMENTARE
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Kunstschtze
20.06.2017 | 00:23 Uhr
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20.06.2017 | 00:23 Uhr
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Hier ist ein Link, auf dem ihr diverse Bilder zu dem Unfall seht:

http://the-fastlane.co.uk/cpdb/crashphotos_view.php?editid1=310

Auf dieser Website wird ausdrücklich davor gewarnt, sich diese Bilder anzuschauen. Ich poste es trotzdem für die Schaulustigen. Einige Bilder besitzen gute Qualität, andere wiederum sind noch grau und etwas unscharf (darunter auch diese, die Cevert im Wrack zeigen). Ihr schaut euch diese Bilder auf eigene Gefahr an.

Ich bitte wie immer um Kritik, Verbesserungsvorschläge und fleißige Bewertungen.
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Kunstschtze
20.06.2017 | 00:26 Uhr
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20.06.2017 | 00:26 Uhr
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https://www.youtube.com/watch?v=A9WJiqgtedw

Hier der Link, der zu Beginn den Austausch der beiden Fahrer zeigt.
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ohneWitz
20.06.2017 | 09:08 Uhr
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ohneWitz : 
20.06.2017 | 09:08 Uhr
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ohneWitz : 
Schöner Blog!

man kennt oft nur noch die Weltmeister von damals.
ist gut auch mal so eine tragische Person zu beleuchten
vielleicht hätte man noch etwas mehr auf die vorherigen jahre eingehen können
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Gibraldo
21.06.2017 | 21:52 Uhr
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Gibraldo : mansell?
21.06.2017 | 21:52 Uhr
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Gibraldo : mansell?
was bitte war an mansell schrill? der schnautzer?

eddie irvine gehoert in die liste.
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Kunstschtze
22.06.2017 | 00:05 Uhr
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Kunstschütze : gibraldo
22.06.2017 | 00:05 Uhr
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Kunstschütze : gibraldo
Mansell war einer der kontroversesten Fahrer auf und neben der Strecke. Ständig wurde über ihn geschrieben, er wurde verspottet. Die Tifosi liebte ihn, James Hunt hasste ihn und er spielte regelmäßig Golf nach den Trainings. In den 90ern hat er fast die meisten Schlagzeilen abgeliefert, wobei 90% negativ waren, weil er von Piquet verspottet, von Hunt beleidigt, von Prost dominiert, von Senna geschlagen wurde und das Pech ihn zusätzlich verfolgte. Und natürlich gönnte er sich auch den ein oder anderen Schluck Alkohol.
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