24.04.2008 um 16:59 Uhr
Die Dämme sind längst gebrochen!
Letzten Donnerstag war es nun endlich soweit, gut sechs Monate nach dem frühzeitigen WM-Aus der All Blacks gegen Frankreich in Cardiff veröffentlichte die NZRFU (neuseeländischer Rugbyverband) den unabhängigen Bericht von Don Tricker und Rechtsanwalt Mike Heron, der das Scheitern der Kiwis überprüfte.

Einige Experten kritisierten den Bericht und die NZRFU, da dieser größtenteils nur Erkenntnisse wiedergebe, die schon längst bekannt wären. Außerdem bin ich der Meinung, dass das neuseeländische Rugby andere und viel schlimmere Probleme hat. Der Verband hält immer noch an seiner Politik fest, dass nur Neuseeländer für die Nationalmannschaft spielen dürfen, die auch in Neuseeland spielen. Dies soll verhindern, dass die Dämme brechen und es eine massive Auswanderung von Topspielern nach Europa gibt. Dabei übersehen die Funktionäre, dass die Dämme schon längst gebrochen sind. Der neuseeländische Superstar Daniel Carter soll von Toulouse insgesamt 800000 Euro für eine Saison angeboten bekommen haben. Das ist der dreifache Jahresverdienst, den Carter in seiner Heimat bekäme. Damit wäre er der weltweit teuerste Rugbyspieler.
Die NZRFU überlegt deshalb, ob Carter, falls er wechselt, dennoch weitere 18 Monate bei der NZRFU unter Vertrag steht, falls er zurückkommen will. Auf der Südhemisphere gibt es nämlich die Besonderheit, dass die Spieler nicht bei ihren Vereinen bzw. Provinzen unter Vertrag stehen, sondern direkt beim jeweiligen nationalen Verband.

Doch das wird auch nicht mehr reichen. Die Spieler werden nicht so schnell zurückkommen – mit Vertrag oder ohne, da ihnen einfach sehr viel Geld in Europa geboten wird. Entweder die NZRFU bekommt irgendwoher (z.B. Fernsehgelder) mehr Geld oder sie müssen sich komplett öffnen.

Das Beispiel Carter zeigt, dass die All Blacks langsam aber sicher ein riesen Problem mit der Abwanderung ihrer Spieler bekommen. Vor und nach der Weltmeisterschaft dachte man ja noch man könnte die Abgänge kompensieren, obwohl man schon damals sehen konnte, dass sogar viele Spieler, die sonst nachgerückt wären auch nach Europa gegangen sind (z.B. Greg Rawlinson, Sam Tuitupou, Rico Gear usw.). Aber nun wird es mit den Ausfällen der Zweiten-Reihe-Stürmer James Ryan und Keith Robinson und der Ausfall des Außendreiviertels Joe Rococoko ziemlich eng für den Kader, und sollten Jerry Collins, Dan Carter und Nick Evans nach 2008 gehen wäre dies ein weiterer herber Schlag. Für mich sind Evans und Carter fast gleichwertige Verbinder. Deswegen hoffe ich, dass einer der beiden seine Zukunft mindestens bis zur Weltmeisterschaft 2011 in Neuseeland sieht.
Mir geht es hier aber nicht so sehr um die Stars. Die könnte man ersetzen. Das Problem ist jedoch, dass die Nachwuchsspieler bzw. die Ersatzspieler der Stars auch abwandern, weil sie mehr Geld bekommen (siehe. Rawlinson, Tuitupou, Gear, McAlister, Tipoki). Dieses Element ist neu. Früher gingen die älteren und erfolgreichen Spieler oder die, die es nicht in den Kader bzw. als Stammspieler bei den All Blacks schafften. Heute gehen schon relativ junge Leute, die auch noch Stammspieler sind: Carl Hayman, Aaron Mauger, Chris Jack usw…
Der Ausschluss aus der Nationalmannschaft für neuseeländische Spieler, die in Übersee spielen wird man auf längere Sicht nicht mehr durchhalten können, außer die NZRFU bekommt einen unerwarteten Geldsegen. Dies haben auch die Südafrikaner verstanden, die diese Politik wieder abgeschafft haben.

Es liegt jedoch nicht nur am Geld. Zwar muss mehr Geld zur Verfügung stehen. Doch müssen auch die Bedingungen professioneller werden, was dann zwangsläufig auch zu mehr Geld führen könnte.

Muss sich Rugby in Neuseeland also weiter ändern?
Die Südhemisphäre hat heute das Problem, dass Rugby Union zwar jetzt seit 12 Jahren ein Profisport ist, jedoch hat man die alten Strukturen beibehalten. Das heißt, man hat es ironischerweise gerade in der Südhemisphäre, welche die Professionalisierung forciert hat, versäumt professionelle Ligastrukturen aufzubauen. In Australien gibt es noch immer keine landesweite Liga, das hat den Effekt, dass Rugby League mit seinen wöchentlichen Spielen noch immer beliebter ist. Die nationalen Ligen in Neuseeland und Südafrika erstrecken sich nur über ein paar Monate und Nationalspieler haben dort nur eingeschränkt Spiele.
Meiner Meinung nach müsste man die Meisterschaften der Südhemisphäre nach dem europäischen Modell umstrukturieren.
Der internationale Provinzwettbewerb der Südhemisphere mit Mannschaften aus Neuseeland, Australien und Südafrika, also vergleichbar mit der Fußball Championsleague, bietet zwar Weltklasserugby, ist aber bei weitem nicht so spannend wie etwa der europäische Pendant Heineken Cup. Es sind immer die gleichen Teams und da es keinen Auf- und Abstieg gibt, geht es in viel zu vielen Spielen nur um die goldene Ananas. Außerdem ist die Stimmung in den Stadien oft mau. Das Rugby ist super und wird mit mildem Applaus bedacht. Nicht gerade die beste Werbung, wenn bei League oder Aussie Rules mehr los ist.

Eine mögliche Lösung wäre eine Restrukturierung der Tri Nations und Super 14. Aus den Tri Nations könnte man z.B. ein Südhemisphären Five oder Six Nations machen (also mit Tonga Fidschi, Samoa), da es von vielen Fans und Experten als schlecht angesehen wird, dass die drei Großen in einer Saison 3x aufeinandertreffen (gemeint sind NZ, SA, AUS).
Deswegen sollte man auch darüber nachdenken, ob man nicht ein richtiges Pacific Five Nations veranstaltet (ohne SA) und ein seperates Turnier zwischen Südafrika und Argentinien. Was natürlich wiederum nicht optimal wäre, da die Südafrikaner wahrscheinlich nicht weniger Spiele haben wollen und weiterhin gegen NZ und die Aussies spielen möchten.

Die Super 14 sollte man wieder abschaffen und den Currie und Air New Zealand Cup stärken (nationale Meisterschaften von NZ und SA). Also Hin- und Rückspiele und die besten dieser Provinzen treffen sich in einer Art Südhemispheren Heineken Cup mit Gruppenspielen und KO-Runde.

Auf jeden Fall muss sich etwas gravierendes auf der Südhemisphäre verändern, wenn man mit Europa finanziell schritthalten will. Es besteht die Gefahr, dass die legendären All Blacks zu einer neuseeländischen C-Auswahl verkommen.
Aufrufe: 370 | Kommentare: 1 | Bewertungen: 1 | Erstellt:24.04.2008
ø 10.0
NEUESTE KOMMENTARE KOMMENTIEREN
Inch
30.04.2008 | 18:07 Uhr
Inch :
im Prinzip hast Du ja Recht. Nur finde ich es andrerseits bedenklich, dass in Europa mit der Ausschüttung dieser Supergagen super(reiche) Stars geschaffen werden.- Das wird irgendwann so enden we im Fußball. Und Rugby und einzelen Superstars... das passt für mich irgendwie nicht zusammen
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