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Von: PJE
29.07.2018 | 10003 Aufrufe | 2 Kommentare | 5 Bewertungen Ø 7.2
Rassismuskeule oder ernstgemeinte Gesellschaftskritik?
Der özilsche Whataboutism
Mesut Özil übt sich in Whataboutism. Mit Erfolg!

Ein überaus geschickter Schachzug, keine Frage. Anstatt das Fehlverhalten des eigenen Schützlings schönzureden setzte die özilsche PR-Maschinerie auf Offensive. Und das bedeutet in Fall von Mesut Özil die Rassismus-Karte zu spielen und sich in die Opferrolle zu begeben. Als Ziel wurde ein gesellschaftlich geächtetes, per Definition der Korruption und Patriarchalismus und seit Sonntag eben auch dem Rassismus verdächtiges Individuum, ausgewählt: Der Sportfunktionär. Umso besser noch, wenn dieser sich in seiner Zeit als MdB nicht mit voller Kraft dem Multikulturalismus verschrieben hat. So wandelte sich Özil innerhalb von Stunden vom lustlos kickenden Quertreiber dem eine Mitschuld am blamablen Vorrundenaus zugeschrieben werden kann, zum Opfer einer von Rassismus zerfressenen Gesellschaft. Der Erfolg der özilschen PR-Strategie war trotz amateurhafter Ausführung (drei ellenlange Texte, die über mehrere Stunden gestreckt, veröffentlicht wurden) schon nach wenigen Stunden auf Twitter zu erkennen. Innerhalb kürzester Zeit hat sich die Social-Media-Intiligenzija von Fußballromantiker Philipp Köster über Ulknudel Shahak Shapira bis zur fleischgewordenen Moral des Internets Sophie Passmann auf die Seite des Mittelfeld-Ass geschlagen. Hinzu kommen Millionen Fanboys- und Girls weltweit, die ihrem Star den Rücken stärken.

Das sportliche Dilemma

Dass die Wahrheit auf dem Platz eine andere ist dürfte jedem klar sein der selbst Mal gegen das runde Leder getreten hat oder zumindest mit einem Auge das Geschehen auf dem grünen Rasen auch in den Monaten verfolgt, in denen keine WM oder EM aus Fußballverweigerern, Experten für ballorientierte Raumdeckung werden lässt. Professionelle Fußball-Teams funktionieren weder über eine gemeinsame kulturelle Identität noch über kulturelle Vielfalt, sondern über persönliche Beziehungen unter den Spielern, die sich temporär auf gemeinsame Ziele einigen können, um die eigene Karriere zu beschleunigen und die aufgrund der Druck- und Konkurrenzsituation in den meisten Fällen recht instabil sind. Instabilität kann in einem Mannschaftsgefüge durch interne und externe Faktoren entstehen, die für Außenstehende häufig kaum nachvollziehbar sind. Ohne Zweifel darf das Foto von Gündogan und Özil mit Erdogan als ein Faktor betrachtet werden, der zu Destabilisierung eines Mannschaftsgefüges beitragen kann. Es bleibt bei Betrachtung der Sachlage nach wie vor unklar warum so erfahrene Entscheidungsträger wie Grindel, Bierhoff und Löw nicht schon unmittelbar nach Veröffentlichung des Fotos die Notbremse zogen und die beiden England-Legionäre in den Sommerurlaub schickten. In den Fällen Kruse, Großkreutz oder Kuranyi hatte es sich bewährt, Spieler auszusortieren, bevor Unruhe im Umfeld der Mannschaft entstehen konnte. Auch der Fall Nikola Kalinic bei der WM in Russland könnte als Musterbeispiel herangezogen werden, wie man Probleme schon während ihrer Entstehung bekämpft. Kroatiens Trainer Zlatko Dalic sortierte den Stürmer vom AC Mailand nach dessen Weigerung sich in den letzten Minuten des ersten Gruppenspiels einwechseln zu lassen aus, bevor in der Heimat eine Diskussion über die Rolle des Stürmers entstehen konnte. Kroatien wurde Vize-Weltmeister und nach Kalinic kräht kein Hahn mehr. Vielleicht ist im wehmütigen Blick der DFB-Funktionäre nach Zagreb die Erklärung für das stillose, aber nicht rassistische Nachtreten, in Richtung Özil zu finden, welches das Spielfeld für die offensive Verteidigungsstrategie des gebürtigen Gelsenkircheners öffnete. Umso unverständlicher, dass der DFB selbst nach der Weigerung Özils am Medientag Pressevertretern Rede und Antwort zu stehen, keinen Anlass sah, das Theater zu beenden und Özil aus dem Kader zu streichen. Während also die anderen DFB-Spieler, inklusive Ilkay Gündogan, einen wertvollen Tag der WM-Vorbereitung damit verbrachten, das Thema, welches zu diesem Zeitpunkt vom DFB schon mehrfach für beendet erklärt wurde, mit Journalisten zu besprechen, konnte Mesut Özil einen entspannten Tag verbringen. Besonders tragisch an dieser Entscheidung des Trainerteams ist, dass einer der Erfolgsfaktoren des DFB-Teams unter der Führung von Joachim Löw bis dahin war, dass keinem Spieler Sonderrechte eingeräumt wurden. Damit unterschied sich der DFB entscheidend von Brasilien und Argentinien beim Titelgewinn 2014, in deren Teams internationale Topspieler zu Wasserträgern zweier Weltstars degradiert wurden.

Die Erklärung, die keine ist.

Özil, der sich auf Englisch erklärt, beziehungsweise erklären lässt, verteidigt das Foto, in dem er auf seine türkischen Wurzeln verweist. Seine Mutter habe ihn gelehrt niemals seine Herkunft zu vergessen. Das mag ja stimmen und erscheint auch sehr löblich, aber was genau hat das mit dem Erdogan Foto zu tun? Sich zu seinen türkischen Wurzeln zu bekennen, ja zwei Herzen in einer Brust zu haben, geht nicht einher mit der Verpflichtung Wahlwerbung für einen Autokraten zu machen. Im Idealfall wäre das Gegenteil wünschenswert. In Deutschland sozialisiert, in Madrid und später in London alle Vorzüge einer liberalen Gesellschaftsordnung auskostend, müssten Özil, aber auch Gündogan, der den türkischen Präsidenten als den seinen bezeichnete, in Sorge sein um die Entwicklungen im Land ihrer Eltern. Zudem dürfte selbst Özil nicht entgangen sein in welch beleidigender Weise sich Erdogan über das Land, für dass das andere Herz in seiner Brust schlägt, geäußert hat. Stattdessen gibt er den unwissenden und unpolitischen Vorlagengeber, der sich zum Zwecke der Selbstverteidigung auf eine Ebene mit der britischen Premierministerin Theresa May selbsterhöht und lockt damit seine Verteidiger in der deutschen Politik- und Medienlandschaft in die Falle des Rassismus der gesenkten Erwartungshaltung. Es stellt sich ohnehin die Frage, wie eben jene zahlreichen Verteidiger reagiert hätten, wenn Bernd Leno neben Putin posiert hätte. Mesut Özil jedenfalls ist es gelungen eine Debatte loszutreten, die zwar berechtigt ist, aber mit seinem Fehlverhalten herzlich wenig zu tun hat und ihm erlaubt, sich nach einer dritten WM-Teilnahme aus der Affäre zu stehlen, bevor im Herbst die EM-Qualifikation gegen international zweitklassige Gegner beginnt. Größe hätte er beweisen können, in dem er vor Beginn der WM, seinen Fehler einräumend, den Rücktritt erklärt und die ohnehin kränkelnde Mannschaft von dem Ballast der Diskussion um das Foto befreit hätte. Dazu war augenscheinlich die Aussicht mit einem zweiten WM-Titelgewinn, der Ökonomie des Profifußballs folgend, den eigenen Marktwert vor Einbruch des dritten und somit letzten Abschnitts einer Spielerkarriere nochmals zu steigern, zu verlockend. Zumindest für Mesut Özil und seine Berater.

KOMMENTARE
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Darmzotte
04.08.2018 | 08:56 Uhr
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Darmzotte : 
04.08.2018 | 08:56 Uhr
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Darmzotte : 
Die Frage ist ja auch auf welchem Platz für Mesut Özil die Wahrheit liegt. Auf dem realen Fussballfeld oder dem digitalen der Playstation?
Wenn ich sehe, dass es einem Nationalspieler wichtiger ist seine Playstation mit zu den Spielen zu nehmen, als Leistung zu zeigen, ist alles gesagt.
Es ist ja auch ziemlich klar, welcher Spieler hauptsächlich betroffen war vom Abstellen des Internets in Watutinki.
Liest man jetzt Neuers Statements ist klar, wen ER, ein absoluter Vollprofi, kritisiert.
Das Schweigen der überwiegenden Mehrheit der Spieler zum Özil-Rücktritt ist frappierend und zeigt Özils Stellenwert im Teamgefüge. Auch die Aussagen von Giroud über Özils Verhalten im Training nach dem WM Titel sind entlarvend.
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goblin
07.08.2018 | 13:39 Uhr
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goblin : 
07.08.2018 | 13:39 Uhr
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goblin : 
Wenn es nur so einfach wäre. Da gibt es wesentlich mehr zu sehen. Was aber ein seinem Statements amateurhaft sein soll wird mir ein Rätsel bleiben. Das ist seine Meinung, wie man sie so oder so ähnlich erwarten durfte. Ist halt auch nicht zu ende gedacht.
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