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26.12.2016 | 15032 Aufrufe | 1 Kommentare | 0 Bewertungen Ø 0.0
Kein Ende in Sicht
Der Wahnsinn geht weiter
Die heile Welt beginnt zu bröckeln. Weil die Fans begreifen, was vor sich geht...

Was für ein Jahr... Nicht nur politisch war 2016 mit vielen schon jetzt historischen Ereignissen gespickt. Auch in der Welt des Fußballs hat sich einiges getan.

Es war das Jahr der Rekorde. Die Zahlen, die durch die Medien und sozialen Netzwerke kursierten, wurden immer höher, immer imposanter, immer unglaublicher.

Die Bundesliga verzeichnete einen neuen Rekord: Allein durch die nationalen TV-Erlöse für die nächsten vier Jahre nahm die Deutsche-Fußball-Liga (DFL) knapp fünf Milliarden Euro ein. Das bedeutet ein Wachstum von 85 Prozent. Das ist Geld, das die Vereine in neue, vor allem aber in teurere Spieler investieren können.

Entsprechend hoch waren die Zahlen, die durch Spielertransfers umgesetzt wurden. 464 Millionen Euro haben die Bundesligaklubs im Sommer eingenommen - und mehr als 557 Euro für neue Spieler ausgegeben.

Die Zahlen aus der englischen Premier League sind noch beeindruckender. Weit über eine Milliarde Euro sind 2016 in neue Spieler investiert worden. Der Saldo der Premier League weist ein Defizit von 831 Millionen Euro auf.

Höhere Summen, neue Verträge, bessere Strategien all das klingt faszinierend. Tatsächlich aber sind das Zahlen, die für den normalen Fußballfan nicht mehr nachvollziehbar sind. Die Menschen hören die Summen, staunen kurz und schütteln verständnislos den Kopf. Der Fußball ist ein riesiges Monopolyspiel geworden.

Bestes Beispiel: Die Rekordablösesumme für Paul Pogba. Der Mittelfeldspieler wechselte im Sommer von Juventus Turin für sagenhafte 105 Millionen Euro zu Manchester United. Nie zuvor hat ein Verein so viel Geld für einen Spieler ausgegeben.

Tatsächlich aber scheint das Ende dieser irren Entwicklung noch lange nicht erreicht. "Wenn ein Spieler wie Pogba 105 Millionen Euro kostet, dann sollte Dortmund 150 Millionen für Aubameyang bekommen", sagte kürzlich TV-Experte Lothar Matthäus über Borussia Dortmunds Stürmer, der bei Real Madrid im Gespräch ist.

Ist das Prinzip so einfach? Schaut man einfach, wie viel ein ähnlicher Spieler mal gekostet hat und setzt dann einen Wert an?

Die heimlichen Nutznießer der gigantischen Transfersummen sind die Spielerberater.

"Der Spiegel", der 2016 mehrfach durch investigative Sportberichterstattung Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, berichtete im Dezember, wie Spielerberater von hohen Käufen beziehungsweise Verkäufen profitieren. Mino Raiola beispielsweise, Berater von Henrikh Mkhitaryan, nervte im Sommer die Verantwortlichen von Borussia Dortmund so lange, bis diese den Spielmacher für etwa 40 Millionen Euro an Manchester United, also in die Premier League, wo das ganz große Geld fließt, verkauften. Raiola kassierte ein Transferhonorar von etwa 2,5 Millionen Euro. Aber: Der eigenwillige Berater hätte auch persönlich profitiert, wenn Mkhitaryan nicht verkauft worden wäre. Raiola hatte sich vertraglich einen Gewinn zugesichert, wenn der BVB seinen Spieler behalten hätte. "Hätte Borussia Dortmund das Angebot aus Manchester abgelehnt und darauf gepocht, dass Mkhitaryan seinen Vertrag erfüllt, hätte der Klub Raiola mit einem Millionenbetrag entschädigen müssen", schreibt der "Spiegel", der zahlreiche Daten aus dem Weltfußball von "Football Leaks" erhalten und ausgewertet hat.

Dortmunds Geschäftsführer ist Hans-Joachim Watzke. Er gilt als harter Verhandlungspartner. Mit den Transfers von Mats Hummels, Henrikh Mkhitaryan und Ilkay Gündogan nahmen die schwarz-gelben etwa 100 Millionen Euro im Sommer ein. Und das, obwohl alle drei nur noch eine Vertragslaufzeit von einem Jahr hatten. Raiola aber ist nicht nur Mkhitaryans Berater, sondern auch von egozentrischen Superstars wie Paul Pogba und Mario Balotelli. Er verhandelte bereits mit mächtigen Männern wie Silvio Berlusconi vom AC Mailand und Florentino Pérez, dem Präsidenten von Real Madrid. Einer wie er lässt sich von Watzkes Verhandlungsgeschick nicht beeindrucken. Das Beispiel zeigt, wie Transfers und die Ablösesummen zustande kommen.

An Weihnachten wurde der Wechsel von Julian Draxler bekannt gegeben. Einst als größtes Talent des deutschen Fußballs gefeiert, stagnierte Draxlers Entwicklung in Wolfsburg. Nun wechselt der 23-jährige für rund 40 Millionen Euro zu Paris Saint-German. Inwiefern sein Berater Roger Wittman profitiert, lässt sich nur erahnen. Als Draxler 2015 vom FC Schalke zu den Wölfen ging, damals für 36 Millionen Euro, wanderten mehr als fünf Millionen Euro in Wittmans eigene Tasche.

Auf dem Cover der Spiegel-Ausgabe 50 des Jahres 2016 ist das Bundesliga-Logo zu sehen. Allerdings in abgewandelter Form. Denn der Spieler ist dort nur eine Marionette, die Strippenzieher sind andere - die Berater.

Fußball ist längst zu einem Milieu geworden, das mit der normalen Welt nichts mehr zu tun hat.

Gehälter und Ablösesummen sind in Sphären vorgedrungen, die nicht mehr greif- und begreifbar sind.

Jüngstes Beispiel: China. Die Volksrepublik will im Fußballgeschäft aufholen. Ehemalige Superstars und Trainer sind bereits im Reich der Mitte tätig. Sie werden angelockt mit viel Geld. Der Brasilianer Oscar wechselte kürzlich vom FC Chelsea nach Shanghai. Dafür wurde eine Ablösesumme von über 70 Millionen Euro fällig. Das allein ist schon eine gigantische Summe. Noch erstaunlicher aber wird der Deal, wenn man sich das Gehalt des Spielers anschaut: Oscar wird in China 470.000 Euro verdienen - wöchentlich. Oscars Landsleute in Brasilien verdienen im Durchschnitt etwa 260 Euro - monatlich.

Wayne Rooney, Englands einstiger Superstar, erlebt bei Manchester United gerade seinen sportlichen Niedergang. Nun hat auch er laut Medienberichten schmackhafte Angebote aus China bekommen. Chinesische Klubs locken Rooney mit einem Wochengehalt von 820.000 Euro. Das entspräche einem Jahresgehalt von 40 Millionen Euro.

Das System hat groteske Züge angenommen. Stimmen die Zahlen aus China tatsächlich, würde Rooney mehr verdienen als Superstar Cristiano Ronaldo. Der Portugiese verdient derzeit bei Real Madrid etwa 32 Millionen Euro jährlich.

Damit nicht genug: Der mehrmalige Weltfußballer gilt derzeit als der Sportler auf der Welt, der am meisten verdient Dank gut dotierter Werbeverträge. Rund 78 Millionen Euro verdient Ronaldo laut dem US-Magazin "Forbes".

Allerdings ist es gerade bei den Superstars schwer, die tatsächlichen Jahresgehälter zu ermitteln, denn die Summen lassen sich aufgrund von Tor- und Siegprämien nicht immer eindeutig bestimmen.

Über das Gehalt von Lionel Messi vom FC Barcelona kursieren verschiedene Angaben. Es dürfte etwas unter dem von Ronaldo liegen. Angeblich legt der Portugiese großen Wert darauf, der bestbezahlte Fußballer zu sein. Jedoch könnte dieser gewünschte Sonderstatus bald Geschichte sein. Barca bereitet für Messi einen neuen Vertrag vor mit einem Jahresgehalt von über 36 Millionen Euro. Und einer abschreckenden Ausstiegsklausel von 250 Millionen Euro.

Peter Sloterdijk sprach kürzlich mit der ZEIT über zynischen Fußball und merkte an: "Was mich frappiert ist, ist die Großzügigkeit seitens der Zuschauer, die nichts dabei finden, junge Männer in die Sphäre von zweistelligen Millionengehältern davonschweben zu lassen, und das ohne jedes Ressentiment. Dass man Sportlern Einkünfte gönnt, die denen von Oligarchen entsprechen ist das nicht merkwürdig?" Der sportbegeisterte Philosoph prophezeit: "Die Götterdämmerung kommt."

Wie sich diese Gelder moralisch noch rechtfertigen lassen, ist eine komplexe Frage. Aber dass das Prinzip Fußball trotz der immer weiter steigenden Summen problemlos funktioniert, ist unstrittig.

Fußball verläuft antizyklisch. Man könnte auch sagen, das Fußballgeschäft zeigt sich stets unbeeindruckt von dem, was sonst in der Welt passiert.

In Spanien war in den Fußballarenen nichts zu sehen von einer Wirtschafts- und Finanzkrise. In England sind die Stadien, trotz horrender Ticketpreise, voll. Auch hierzulande herrscht seit der Heim-WM 2006 eine scheinbar ungebremste Fußballbegeisterung.

Denn gerade wenn es den Leuten schlecht geht, wenn die Welt im Chaos zu versinken droht, - und das war 2016 häufig genug der Fall - wollen sich die Menschen durch Fußball ablenken lassen. Brot und Spiele - ein 2000 Jahre altes Prinzip.

Doch die heile Fußballwelt beginnt zu bröckeln. Weil die Fans merken, dass es nicht gut ist, wenn die schönste Nebensache der Welt sich immer mehr in einem eigenen Universum bewegt.

Irgendwie müssen die gigantischen Gehälter finanziert werden. Und die Fans bekommen das zu spüren.

Eine Karte für das Champions-League-Achtelfinale zwischen Barcelona und Paris? 280 Euro. Im obersten Rang wohlgemerkt, weit weg vom Spielgeschehen auf dem Rasen.

Ein Trikot des FC Bayern? 99,95 Euro. Und mit den neuen Verträgen, die die DFL mit den TV-Sendern ausgehandelt hat, reicht auch ein einfaches sky-Abo nicht mehr, um alle Spiele sehen zu können.

Das Fußballmagazin "11 Freunde" prophezeite im November den Untergang des Fußballs.

Überraschende Indizien führten zu dieser provokanten These: Im Herbst 2016 verkaufte der FC Bayern erstmals beim Heimspiel gegen Ingolstadt noch Karten an der Abendkasse. Im fußballbegeisterten Mainz waren beim Europa-League-Spiel gegen St. Etienne, einem durchaus attraktiven Gegner, noch zahlreiche Plätze frei. Bei Bastian Schweinsteigers letztem Spiel für die Nationalmannschaft wurden mehrere Tausend Karten nicht verkauft. Und auf Dortmunds Südtribüne wurde die Internationalisierungsstrategie des BVB per Transparent kritisiert: Watzke: "Viele Worte keine Taten - Identitätsverlust auf Raten".

Aus der Fußballbranche wird das keiner bestätigen. Man redet sein eigenes Geschäft nicht kaputt. Und trotzdem ist eine Entfremdung zwischen Fans und Fußball nicht zu leugnen.

"11 Freunde" haben ausführlich analysiert, dass der sportliche Wettbewerb kaum noch funktioniert. Die Vereine, die sich die hohen Gehälter und Ablösesummen leisten können, machen die Titel unter sich aus. Die Finanzstärke und die sportlichen Erfolge sind in einem Zeitraum von zehn Jahren deckungsgleich. Überraschungen? Fehlanzeige. Die letzte gab es 2004, also der FC Porto die Champions League gewann. Es war eine Sensation, nach der heute viele lechzen. Allein, es fehlt der Glaube an eine Wiederholung.

Reaktionen auf diese Entfremdung gibt es bereits. Fans gründen ihre eigenen Vereine als Zeichen gegen die zunehmende Kommerzialisierung. Sie wollen keine Klubs, die als reine Wirtschaftsunternehmen agieren.

Als 2005 Austria Salzburg von Red Bull übernommen wurde, sahen die Anhänger des Klubs, wie sich Stück für Stück alles veränderte. Auf die Vereinsgeschichte wurde keine Rücksicht genommen, das Wappen wurde verändert, ebenso wie die Vereinsfarben. Es war jetzt der Klub von Dieter Mateschitz, dem mächtigen Unternehmens-Chef, aber nicht mehr das Austria Salzburg, wie es die Fans kannten.

Also gründeten sie den SV Austria Salzburg neu. Mit den alten Vereinsfarben und Spielern aus der eigenen Fankurve.

Inzwischen hat sich Red Bull in Leipzig mit viel Geld ein neues Standbein errichtet. Das Hauptaugenmerk des Brauseherstellers liegt nun auf der deutschen Bundesliga.

Die Fans sind trotzdem nicht zurückgekommen zur alten Austria.

Ähnliche Projekte gibt es auch in England. Weil die Abneigung gegen den Fußball, wie wir ihn kennen, weiter zunimmt.

Das "11 Freunde"-Magazin skizzierte zwei Versionen für die Zukunft: "Eine glitzernde, voller Stars, für ein globales Publikum. Und eine zweite, nahbare, für ein lokales Publikum."

Der Fußball steht vor einer Zeitenwende. Wie radikal sie ausfallen wird, ist unklar.

Dass die Berichterstattung aber auch im nächsten Jahr von spektakulären Transfers und unfassbaren Zahlen geprägt sein wird, daran besteht keinen Zweifel. Der Wahnsinn wird weitergehen. Ein Ende ist nicht in Sicht.

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keyser
31.12.2016 | 09:44 Uhr
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keyser : 
31.12.2016 | 09:44 Uhr
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keyser : 
Was ist denn eigentlich so schlimm an der Entwicklung? Dem Fussball als Sportart hat es nicht geschadet. Er ist in der letzten Zeit noch attraktiver geworden. Das Tempo ist höher die Taktik ausgereifter geworden Die Spieler können sich nichr mehr erlauben so unprofessionell zu verhalten wie früher. Müssen intelligenter trainieren nehr auf Ihre Gesundheit achten. Den Fans denen die Entwicklung nicht gefällt können doch gern weiter Amateurfußball gucken. Denen war das drumherum ja eh stets wichtiger als der Sport an sich. Biertrinken, singen zusammen feiern... mir ist das alles herzlich egal ich freue mich über den wesentlich attraktiveren und proessionalisierteren Sport.
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