27.04.2008 um 21:18 Uhr
Der Bayern-Jäger
TuS Koblenz, Erzgebirge Aue, Wehen Wiesbaden und die Frage, was diese Teams für einen Mann wie Uli Hoeneß interessant machen könnte.
Einfache Antwort: Gar nichts.

Die Bayern wollen nächstes Jahr in der Champions League groß angreifen, allzu großes Spielerpotenzial werden sie wohl daher bei den meisten Zweitligisten nicht finden.
Damit könnte man dann die ganze Sache eigentlich ad acta legen, wenn der Manager der Münchner Bayern nicht doch von einem "interessanten Projekt in der zweiten Fussballbundesliga" gesprochen hätte, dessen Entwicklung er mit "großem Interesse" verfolgt.
Gemeint war mit diesem interessanten Projekt wohl die TSG 1899 Hoffenheim, nach ihrer 5:0 Galavorstellung gegen Jena ganz heißer Kandidat für den Aufstieg in die Beletage des deutschen Fussballs.

Die Turn- und Sportgemeinschaft aus dem beschaulichen 3300 Einwohnerdorf Hoffenheim bei Sinsheim hat in den letzten Jahren einen unbeschreiblichen Weg mit rekordverdächtiger Geschwindigkeit in Richtung bezahlten Profifussball begangen.
Die Hintergründe hinter dem Märchen "Hoffenheim" tragen einen Namen und erregen deshalb selbst beim Manager des deutschen Rekordmeisters enorme Aufmerksamkeit - Dietmar Hopp, SAP-Gründer und Hauptaktionär, geschätzte 6,3 Milliarden Euro schwer.
Hopp ist Mäzen und größter Fan zugleich und sollte seine TSG dieses Jahr tatsächlich den Sprung in Liga Eins schaffen, dürften viele interessanten Debatten aufbrechen.

Beispiele gefällig? "Kaufbarer Erfolg", "Tradition gegen Kapitalismus und Moderne" oder um es einfach einmal mit einer ganz frechen Frage auf den Punkt zu bringen:

Überflügelt der Provinzclub aus dem Kraichgau in absehbar Zeit die Bayern aus der Millionenmetropole München?



EIN ÜBERBLICK:


Geschichte/Tradition:
Die TSG ist ja bei allen Vorwürfen nicht gerade ein Jungspund des Fussballs, existiert sie wie der Name schon sagt seit immerhin über 60 Jahren. Um aber die wirkliche Geschichte der Hoffenheimer als ernstzunehmender Fussballverein zu erzählen, genügt es, die letzten 18 davon etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.
Vor 18 Jahren, 1989 um genau zu sein, verlor die TSG ein Relegationsspiel und stieg in die A-Klasse ab.
Zur Verdeutlichung: Es benötigt 7 Aufstiege um aus diesen Niederungen des deutschen Amateurfussballs in die erste Bundesliga zu klettern.

An diesem Tag hat Hopp wohl für sich entschieden, sein große Liebe Hoffenheim zu unterstützen. Zunächst wurden für circa 10.000 DM Bälle und Ausrüstung gekauft, danach in Sachen Jugendausbildung investiert. Um die Talente jedoch dauerhaft halten zu können, war die Spielklasse der Hoffenheimer einfach zu niedrig, nach und nach wanderten sämtliche Jugendspieler zu größeren Vereinen in der Umgebung ab.

Für den Unternehmer Hopp ein Unding und damit wohl auch der Beginn einer im deutschen Fussball einzigartigen Geschichte.


Hopp beginnt eine Zukunftsvision für seine TSG Hoffenheim zu entwickeln und ist auch bereit, sich diese Vision einiges Kosten zu lassen.
20 Millionen Euro für die Jugendarbeit wären da zum Beispiel fällig, 40 Millionen für das neue Stadion an der Autobahn A6 bei Sinsheim und auch das neue Trainingsgelände "TSG-City" dürfte nicht einfach so aus dem Boden gewachsen sein. Die TSG heisst nun nicht mehr nur noch "TSG Hoffenheim", ein 1899 wurde eingeschoben, klingt moderner.

Hoffenheim schafft also Strukturen, genauer gesagt schafft sie Dietmar Hopp, aber Hopp ist Hoffenheim. So einfach ist das.
Denn die TSG beginnt durch die finanzielle Unterstützung des gebürtigen Heidelberges ihren Weg nach oben. Mal langsamer, mal schneller, aber immer kontinuierlich und konstant. Im Jahr 2007 sind sie angekommen im bezahlten Fussball und auch jetzt ist die Vision des Mäzens noch nicht abgeschlossen, dazu fehlt noch ein Aufstieg, der in Liga Eins, seine TSG gegen die Bayern, Bremen oder Stuttgart, dass wärs dann sicher. Das Einzige was bei Hopp jedoch sicher zu sein scheint ist, dass bei ihm nicht sicher ist.


Umfeld:
Die ersten größeren Investitionen Hopps verschluckte die Jugendarbeit der TSG 1899 Hoffenheim, mit vollem Erfolg könnte man meinen. Die A-Junioren spielen in der Bundesliga Süd, die B-Junioren ebenfalls, die C-Junioren würden es wahrscheinlich auch, wenn dort ligatechnisch nicht schon früher Schluss wäre.

Das hochmoderne Jugendzentrum im Nachbarort Zuzenhausen wird geleitet von Bernhard Peters, dem Nachwuchskoordinator den Klinsmann zwar wollte, der DFB aber nicht. Die jungen Spieler sollen vom "Fussballprofessor" Rangnick ins Team integriert werden, dem Bundesliga-Rangnick, der der schon mal erfolgreich auf Schalke das Zepter geschwungen hatte, um dann zu der TSG in die Regionalliga zu wechseln.

Auch um dessen Ansprüchen gerecht zu werden wird die "TSG-City" gebaut, ein 5000 qm großes, hochmodernes Trainingszentrum nach dem Vorbild eines gewissen FC Arsenal London, immerhin 13-maliger englischer Meister und Symbol für erfolgreiche Jugendarbeit.

Letzte Baustelle: Stadion
"Wo sind denn die ganzen Zuschauer?" soll Stürmer Ba gefragt haben, als er das erste Mal im gut 5000 Zuschauer fassenden Hopp-Stadion gespielt hat. Erfreut dürfte der Senegalese gewesen sein, er als erfahren hatte, dass 35.000 in das neue Stadion an der Autobahn A6 passen werden. Auch hier wird natürlich wieder nur das Beste vom Besten gebaut, schließlich zahlt Hopp und Hopp will Qualität, Qualität zeichnet ihn aus, damit hat er sein Vermögen gemacht, Hoffenheims Kapital wenn man so will.

Das Umfeld steht also, die Jugendarbeit sowieso, an der Infrastruktur wird gefeilt, in Hoffenheim entsteht ein Bundesligist, ohne Zweifel.

Die Frage ist nur: Ist Begeisterung ebenso planbar wie ein Bauprojekt?


Fanpotenzial:
Zwingerclub nennt sich der bisher größte Fanclubs der TSG Hoffenheim, ganze 75 Mitglieder hat er Stand August 2007. 75.

Eine Zahl symptomatisch für ein Problem der Turn- und Sportgemeinschaft, vllt. des EINEN Problems. 3300 Einwohner stehen einem Stadion gegenüber, dass 35.000 Leute fassen soll. Da stellt sich die Frage, wer dieses Stadion füllen wird.

Die Zahl der Sympatisanten steigt, selbst für ein Spiel wie das gegen Jena gibt es keine Karten mehr, Leute aus den Großstädten Heidelberg und Mannheim beginnen sich zu interessieren, schließlich haben sie lange genug auf einen Erstligisten aus der Region gewartet.
Aber reicht das?



Ob die TSG Hoffenheim tatsächlich einmal den Bayern gefährlich werden kann, steht wohl in den Sternen. Dass die Visionen des Mäzens aber selbst nicht mit einem Aufstieg in die Bundesliga enden dürften, nicht.
Ob er sich Spieler wie Drogba oder Ballack bei der TSG vorstellen könnte, wurde Hopp vor Kurzem gefragt.

"Ja", soll der ehemalige Linksaußen geantwortet haben, "dass könnte ich mir vorstellen."


Ob Hoeneß das mitbekommen hat, ist bisher nicht bekannt, gefallen dürften ihm diese Worte aber wohl nicht...
Aufrufe: 2725 | Kommentare: 55 | Bewertungen: 20 | Erstellt:27.04.2008
ø 9.9
Bayern  | Hoffenheim  | Hopp  | Investor  | Hoeneß  |
NEUESTE KOMMENTARE KOMMENTIEREN
Mba13
28.04.2008 | 14:46 Uhr
Mba13 : @batigoal
Auszuschließen ist das natürlich nicht...

Mir ist in Sachen 50+1 Regel eigentlich nur Hannover bekannt, das sich ganz extrem gegen diese Regelung ausgesprochen hat. Ob sich da jetzt auch noch andere Vereine explizit dagegen ausgesprochen haben, weiß ich leider nicht. Hannover hat aber soweit ich weiß auch schon mit einer Klage gedroht.
Anscheinend haben sie schon einen Investor in der Hinterhand...
batigoal74
28.04.2008 | 14:50 Uhr
batigoal74 : @Mba13 :
Wenn Hannover erfolgreich ist, werden ganz schnell noch andere Vereine von einem Investor Gebrauch machen. Ich glaube, da es sich hier um ein heikles Thema handelt, halten sich andere Vereine bedeckt -Trittbrettfahrer-Mentalität.

yoman
28.04.2008 | 14:53 Uhr
yoman :
um jetzt auch noch was sinvolles zu schreiben - der blog hat es ja, wie barclays bereits gesagt hat, wirklich verdient:
ich verfolge das mit hoffenheim auch seit geraumer zeit. muss aber ehrlich gestehen, erst seitdem die möglichkeit des aufstiegs in die 1. liga besteht. war also nicht wirklich so stark informiert. dank dieses spitzen blogs (!!), bin ich nun auch etwas erleuchteter. ich findes es zum beispiel sehr verwunderlich aber zu gleich toll, dass hoffenheim noch derart starke jungendmanschaften hat. desweiteren wurden auch die größeren investitionen zu anfang dieser saison mit bedacht gemacht. das sind alles sehr junge spieler mit sehr viel potential. alles dinge die man nicht vergessen sollte, wenn man darauf schimpft, dass der hopp da seine millionen reinbuttert. ich persönlich hoffe, dass hoffenheim aufsteigt. dieses thema spaltet einfach die meinungen und es wird dann nächste saison sicher noch einige aussagen diesbezüglich geben. und nicht nur das macht die ganze liga wieder attraktiver. auch sportlich gesehen, kann hoffenheim einiges dazu beitragen, wenn sie in geraumer zeit oben mitmischen. das traue ich ihnen aufjedenfall zu. wenn sie dann international spielen und uns gut vertreten und klasse spieler in die bundesliga locken, kann ich mich nur freuen.
Mba13
28.04.2008 | 15:21 Uhr
Mba13 : @batigoal
Das ist sicherlich eines der heikelsten Themen, dass in Zukunft auf uns zukommen wird, ohne Frage. Da wird ja auch schon bei DFL und DFB heftigst diskutiert. Soweit ich weiß, verstößt diese Regel gegen Europarecht und wird deswegen in absehbarer Zeit einige Aufmerksamkeit auf sich ziehen...


Aber noch einmal zu Hopp:

Ganz ausschließen kann man natürlich nicht, dass Hopp irgendwann mal Rendite verlangt. Wie immer wenn ein menschlicher Faktor mit im Spiel ist.

Ich halte es aber doch für ziemlich unwahrscheinlich.
Zum einen bin ich davon überzeugt, dass die TSG wirklich eine Herzensangelegenheit für ihn ist, er investiert ja nicht nur in Sport, sondern auch in soziale Dinge in Hoffenheim. (Kirche, Gemeindezentrum usw.)

Zum anderen, und dass halte ich für entscheidend, dürfte auch bei ihm immer im Hinterkopf mitschwingen, dass der Aufstieg von Hoffenheim immer mit dem Name Hopp in Verbindung gebracht werden wird.
Auch wenn dass vllt. erst in den letzten 2-3 Jahren absehbar wurde und er am Anfang noch nicht mit dem Gedanken spielte, Hopp "erschafft" sich mit der TSG ein Denkmal.
Und ich denke nicht, dass er sich das durch den Abzug von für ihn unerheblichen Geldmengen mit dem Hintern einreissen will...
giovane
28.04.2008 | 15:34 Uhr
giovane :
das dürfte (auch) richtig sein. er gestaltet seinen verein, seinen ort - also seine heimat. wenn er das schafft, und daran zweifle ich nicht, wird ihm die genugtuung über das erreichte das höchste der gefühle sein.........
ein unternehmen wie sap aufzubauen und hoffenheim in deutschland (und vllt auch in der übrigen fußballwelt) bekannt zu machen, das könnten seine beweggründe sein.
kohle hat er genug - ein denkmal nicht........
batigoal74
28.04.2008 | 15:50 Uhr
batigoal74 : Das mit dem Denkmal ist richtig.
Aber, auch schon jetzt wird er seinen persönlichen Nutzen aus der Vereinsarbeit ziehen können. Sponsoring kann man steuerlich geltend machen.

Bei einem so erfolgreichen Unternehmen wie SAP stellt die TSG sicherlich eine konvenable Sparmethode da. Das ist aber o.K., weil mit diesen Geldern Arbeitsplätze geschaffen werden und nicht die Diäten erhöht.

Wie yoman sagte, haben die Spieler, die geholt wurden, viel Potential. Ich denke, dass sie Ihren Wert noch steigern können...
Mba13
28.04.2008 | 15:59 Uhr
Mba13 : Naja,
Hopp ist sicherlich nicht auf den Kopf gefallen... :)

Der Großteil der Hoffenheimer Spieler dürfte noch enormes Entwicklungspotenzial haben.
Gustavo und Eduardo sind jeweils 20, Obasi 21, Ba und Compeer 22.
Fünf Beispiele für Stammspieler bei der TSG, die sicherlich noch nicht ihr komplettes Potenzial entfaltet haben dürften...
Bryson
28.04.2008 | 16:54 Uhr
Bryson : hopp
ich hab die karriere von hopp so ein kleines bisschen verfolgt. also eins ist sicher: er hat wohl nicht angefangen zu investieren, weil er sich eine große rendite aus diesem verein versprochen hat. aber ich denke, er plant schon ein bisschen voraus, d.h. je höher die liga, umso mehr geld muss reingesteckt werden. das stadion fuer 35.000 wird er nicht einfach so hingestellt haben. da hat schon emal einer vorher mit einem gutachten nachgerechnet, wieviel potential da auch recht kurzfristig da sein wird.
wie gesagt, es wird sich nicht unbedingt rentieren muessen, aber hopp ist wohl doch etwas anders gestrickt als abramowitch
batigoal74
28.04.2008 | 17:50 Uhr
batigoal74 :
Das wichtigste ist, dass der Verein irgendwann so aufgestellt ist, dass er nicht mehr von Hopp abhängig ist.
yoman
28.04.2008 | 18:28 Uhr
yoman :
so ist es! wenn das der fall ist, ist es auch nur förderlich für den deutschen fußball! wenn ich an manschaften wie cottbus oder rostock denke..... da wird nie was großes draus werden!
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