20.07.2011 um 16:11 Uhr
Das Sommermärchen –Ein Rückblick
Dieser Moment war die Initialzündung für den nun endgültig ins Rollen kommenden Motor der Turniermannschaft schlechthin. 22 Akteure plus Trainerstab und Delegierte auf der einen, 82 Millionen euphorisierte Deutsche auf der anderen Seite beflügelten und inspirierten sich gegenseitig und ritten auf einer Welle des fußballerischen und stimmungsmäßigen Überschwangs über Ekuador und Schweden hinweg.
Nicht den Hauch einer Chance besaßen die Südamerikaner in dem vom gegen Polen noch torlos gebliebenen Sturmduo realisierten 3:0-Erfolg. Schweden hingegen im Achtelfinale besaß nicht nur keine Chance, sondern wurde von der deutschen Elf schlichtweg an die Wand gespielt. Dass ein gefühltes 6:0 sich nicht auch auf der Anzeigetafel niederschlug, verdankten die Skandinavier einzig ihrem überragenden Torwart Isaakson sowie der mit Ausnahme Podolskis vor dem Tor fahrlässig mit Großchancen schludernden deutschen Spieler.
Wie es sich für ein ordentliches Märchen gehört, müssen irgendwann auch die Antagonisten, die Bösewichte mit ins Spiel kommen.
Dies geschah im nun anstehenden Viertelfinale: Deutschland gegen Argentinien; ein Klassiker, zweimaliges WM-Finale, Kampf der Fußballkulturen, Gastgeber gegen Turnierfavorit, das Duell der bis dato wohl besten Mannschaften des Turniers, für viele das vorweggenommene Endspiel.
Nach 120 hart umkämpften Minuten, in denen erwartungsgemäß nicht die spielerische Klasse ausschlaggebend war und beiden Seiten verdientermaßen jeweils ein Tor gelang, durften sich die Mannschaften in ihrer Paradedisziplin üben. Weder Deutschland noch Argentinien hatten jemals ein Elfmeterschießen bei einer Weltmeisterschaft verloren.
Die überbordende Spannung entlud sich nach Lehmanns zweitem gehaltenen Elfer von Cambiasso in überschwänglicher Freude auf deutscher und hässlichen Attacken auf argentinischer Seite. Leandro Cufres Tritt in Per Mertesackers Unterleib war der unrühmliche Höhepunkt einer Reihe von Tätlichkeiten seitens der Gauchos, in die sich leider auch Thorsten Frings eingliederte, dessen Wangenwischer gegen Cruz ihn letztlich das Halbfinale gegen Italien kostete.
Einen Bösewicht hatte man eliminiert, der zweite folgte sogleich: Italien, Deutschlands ewiger Angstgegner, das für seinen taktisch brillanten Ergebnisfußball nicht minder berühmt ist als für die Schwalben der Inzaghis, und - man frage die Australier - Grossos. Mittels dessen unsportlicher Flugeinlage im Achtelfinale gegen Australien und einer gehörigen Portion Glück hatte sich die Squadra Azzura überhaupt erst ins Semifinale gemogelt.
Doch, Überraschung, so böse gerierten sich die Italiener gar nicht, im Gegenteil. Unglücklicherweise erwischte die Mannschaft um die überragenden Buffon und Cannavarro gegen Deutschland ihren besten Turniertag und trug auch offensiv zu einem mitreißenden Spiel bei, mit zahlreichen Chancen hüben wie drüben und dem glücklichen, aber nicht unverdienten Sieg des späteren Weltmeisters.
Der böse Wolf Italien hatte also Kreide gefressen und seine tiefe "Catennaccio-Stimme" in einen wohlklingenden, offensiv harmonischen Tenor verwandelt.
Das deutsche Team jedoch, keineswegs ängstlich oder lammfromm spielend, war ausgeschieden, ein Traum geplatzt, ein ganzes Land im Tal der Tränen.
Doch das Märchen war keineswegs zu Ende.
Es gehört zu den größten Leistungen Jürgen Klinsmanns und Joachim Löws, die Spannung angesichts eines sportlich minderwichtigen Spiels um Platz drei aufrecht zu erhalten. Es gehört zu den größten Leistungen der Spieler um einen grandiosen Oliver Kahn, dem sein wohlverdienter Abschied gewährt wurde, und einen Bastian Schweinsteiger, der den Terminus Weitschuss offenbar neu zu definieren versuchte, das starke Portugal fulminant mit 3:1 zu besiegen. Es gehört zu den größten Leistungen des ohnehin großartigen Publikums, eine junge, spielstarke, hoffnungsvolle Mannschaft, nicht nur in Stuttgart und Berlin, millionenfach ob ihres begeisternden Turniers zu feiern, als hätte sie ihr "Projekt" tatsächlich bis hin zum Weltmeistertitel vervollkommnet.
Die Nation verweilte einen Monat lang im Ausnahmezustand, entkrampfte gar ein wenig ihr problematisches Verhältnis zu sich selbst; die ganze Welt war zu Gast bei Freunden, und fühlte sich auch dementsprechend, der Himmel hatte die sonst obligatorischen Wolken freundlicherweise einen Monat lang suspendiert und das liebste Kind…war nur da ganz Kind, wo es spielt, Fußball spielt - nicht arbeitet, attraktiv - nicht hausbacken. Es gab Lob und Anerkennung von den Engländern!
Wahrlich märchenhaft.
Zurück zum ersten Teil
Nicht den Hauch einer Chance besaßen die Südamerikaner in dem vom gegen Polen noch torlos gebliebenen Sturmduo realisierten 3:0-Erfolg. Schweden hingegen im Achtelfinale besaß nicht nur keine Chance, sondern wurde von der deutschen Elf schlichtweg an die Wand gespielt. Dass ein gefühltes 6:0 sich nicht auch auf der Anzeigetafel niederschlug, verdankten die Skandinavier einzig ihrem überragenden Torwart Isaakson sowie der mit Ausnahme Podolskis vor dem Tor fahrlässig mit Großchancen schludernden deutschen Spieler.
Wie es sich für ein ordentliches Märchen gehört, müssen irgendwann auch die Antagonisten, die Bösewichte mit ins Spiel kommen.
Dies geschah im nun anstehenden Viertelfinale: Deutschland gegen Argentinien; ein Klassiker, zweimaliges WM-Finale, Kampf der Fußballkulturen, Gastgeber gegen Turnierfavorit, das Duell der bis dato wohl besten Mannschaften des Turniers, für viele das vorweggenommene Endspiel.
Nach 120 hart umkämpften Minuten, in denen erwartungsgemäß nicht die spielerische Klasse ausschlaggebend war und beiden Seiten verdientermaßen jeweils ein Tor gelang, durften sich die Mannschaften in ihrer Paradedisziplin üben. Weder Deutschland noch Argentinien hatten jemals ein Elfmeterschießen bei einer Weltmeisterschaft verloren.
Die überbordende Spannung entlud sich nach Lehmanns zweitem gehaltenen Elfer von Cambiasso in überschwänglicher Freude auf deutscher und hässlichen Attacken auf argentinischer Seite. Leandro Cufres Tritt in Per Mertesackers Unterleib war der unrühmliche Höhepunkt einer Reihe von Tätlichkeiten seitens der Gauchos, in die sich leider auch Thorsten Frings eingliederte, dessen Wangenwischer gegen Cruz ihn letztlich das Halbfinale gegen Italien kostete.
Einen Bösewicht hatte man eliminiert, der zweite folgte sogleich: Italien, Deutschlands ewiger Angstgegner, das für seinen taktisch brillanten Ergebnisfußball nicht minder berühmt ist als für die Schwalben der Inzaghis, und - man frage die Australier - Grossos. Mittels dessen unsportlicher Flugeinlage im Achtelfinale gegen Australien und einer gehörigen Portion Glück hatte sich die Squadra Azzura überhaupt erst ins Semifinale gemogelt.
Doch, Überraschung, so böse gerierten sich die Italiener gar nicht, im Gegenteil. Unglücklicherweise erwischte die Mannschaft um die überragenden Buffon und Cannavarro gegen Deutschland ihren besten Turniertag und trug auch offensiv zu einem mitreißenden Spiel bei, mit zahlreichen Chancen hüben wie drüben und dem glücklichen, aber nicht unverdienten Sieg des späteren Weltmeisters.
Der böse Wolf Italien hatte also Kreide gefressen und seine tiefe "Catennaccio-Stimme" in einen wohlklingenden, offensiv harmonischen Tenor verwandelt.
Das deutsche Team jedoch, keineswegs ängstlich oder lammfromm spielend, war ausgeschieden, ein Traum geplatzt, ein ganzes Land im Tal der Tränen.
Doch das Märchen war keineswegs zu Ende.
Es gehört zu den größten Leistungen Jürgen Klinsmanns und Joachim Löws, die Spannung angesichts eines sportlich minderwichtigen Spiels um Platz drei aufrecht zu erhalten. Es gehört zu den größten Leistungen der Spieler um einen grandiosen Oliver Kahn, dem sein wohlverdienter Abschied gewährt wurde, und einen Bastian Schweinsteiger, der den Terminus Weitschuss offenbar neu zu definieren versuchte, das starke Portugal fulminant mit 3:1 zu besiegen. Es gehört zu den größten Leistungen des ohnehin großartigen Publikums, eine junge, spielstarke, hoffnungsvolle Mannschaft, nicht nur in Stuttgart und Berlin, millionenfach ob ihres begeisternden Turniers zu feiern, als hätte sie ihr "Projekt" tatsächlich bis hin zum Weltmeistertitel vervollkommnet.
Die Nation verweilte einen Monat lang im Ausnahmezustand, entkrampfte gar ein wenig ihr problematisches Verhältnis zu sich selbst; die ganze Welt war zu Gast bei Freunden, und fühlte sich auch dementsprechend, der Himmel hatte die sonst obligatorischen Wolken freundlicherweise einen Monat lang suspendiert und das liebste Kind…war nur da ganz Kind, wo es spielt, Fußball spielt - nicht arbeitet, attraktiv - nicht hausbacken. Es gab Lob und Anerkennung von den Engländern!
Wahrlich märchenhaft.
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Aufrufe: 2975 | Kommentare: 13 | Bewertungen: 26 | Erstellt:20.07.2011
ø 8.5
KOMMENTARE
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22.07.2011 | 17:39 Uhr
+1
0
Toll formuliert und vom Inhalt her ebenfalls einwandfrei !
Meiner Meinung nach beinhaltet der Text jedoch zu viele komplexe Formulierungen, was den Lesefluss etwas stört.
Beispiel: "...hyperbolischen Schlagzeilenhäscherei boulevardesker Medien..."
Da wäre meines Erachtens nach weniger mehr.
Aber das ist nur ein persönlicher Eindruck ;)
Auf alle Fälle bist du ein talentierter Schreiber, also würde ich in Zukunft gerne noch mehr von dir lesen!
9 Punkte
22.07.2011 | 19:51 Uhr
+1
0
Rex :
das war eine richtig gute zeit mit vielen positiven erinnerungen danke für den lesegenuss
22.07.2011 | 21:38 Uhr
0
0
Meike32 :
Ich stimme Oceansize zu, was die Formulierungen betrifft, ansonsten große Klasse, dieser Blog!Deshalb verdiente 10 Punkte, allein schon für die Mühe! Leider wurde der Blog bisher noch nicht genug gewürdigt, wenn ich auf die Aufrufe gucke. Schade!
23.07.2011 | 15:40 Uhr
0
0
Sätze, die mehr als 30-40 Wörter enthalten, machen das Lesen teilweise anstrengend. Man muss sich schon sehr konzentrieren, um einige Passagen nicht 2,3 Mal lesen zu müssen.
Als Beispiel nehme ich mal diesen Satz. "Beispielsweise wurde die bis dato nicht existente Position des Teammanagers installiert, in der Oliver Bierhoff - nach Völler und Klinsmann dritter die titelreichen 90er-Jahre signifikant prägender Stürmer - das Produkt Nationalmannschaft so geschickt zu vermarkten vermocht hat, dass sich das Interesse am bundesdeutschen Fußball mittlerweile nicht nur über Milieu- sondern gar über Geschlechtergrenzen hinweg erstreckt."
Aber nach einem Blick auf deine anderen Blogs weiß man, dass es halt deine Art zu Schreiben ist - und das ist auch völlig in Ordnung. Deshalb trotzdem 9 Punkte
23.07.2011 | 20:49 Uhr
+1
-2
Bin immer noch der Meinung, das wir mit Frings Italien besiegt hätten. Bester Turnierspieler.
24.07.2011 | 12:02 Uhr
+2
0
tonigol :
ich glaub dir ja, dass du intelligent bist. aber schreib mal bisschen weniger kompliziert und versuch nicht auf biegen und brechen deine elaoborierte sprache unterzubringen. ein punkt an der richtigen stelle ist auch ein zeichen von qualität!
24.07.2011 | 19:41 Uhr
+1
0
Webatz :
netter blog, sprachlich irgendwie (wohl gewollt) übertrieben und somit schwer zu lesen, aber ansprechend, reicht nicht für die 10 leider. da muss ich tonigol voll recht geben... hohes sprachliches niveau gut und schön aber bitte nicht mit der brechstange unterbringen, das hat dich den 10er gekostet.zur wm:
geil geil geil... auch wenn ich die meinung vertrete dass deutschland gar nicht so überragend gespielt hatte wie immer dargestellt.... aber spannender hätts nicht sein können, theoretisch ist das turnier stimmungstechnisch ja perfekt gelaufen.
hoher auftaktsieg, last minute treffer in einem wichtigen spiel, elfmeterschiessen, 2 klassiker, vermeintlichen geheimfavorit an die wand gespielt, umstrittene entscheidungen usw.
natürlich war die wm für den "neuen" spielstil deutschlands entscheidend, aber wie gesagt: hurrafussball war das nur gegen schweden, der rest irgwie doch mehr glücklich als weltklasse. aber eben begeisternd ;)
bitte liebes deutschland, bewerbt dich bald wieder ;-D
24.07.2011 | 20:37 Uhr
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Was sich während der WM entwickelt hat kann man kaum beschreiben, denn die neue Identifikation mit der Mannschaft un auch dem eigenen Land, waren wichtig un auch nötig.
Schöne Idee nochmal auf dieses Tunier zurückzublicken. Eine WM, die mir noch lange in Erinnerung bleiben wird, weil seitdem einfach viele Fußballfeste gefeiert wurden un der Nationalmannschaftsfußball wieder komplett anders gesehen wird!
24.07.2011 | 20:49 Uhr
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BartP :
Diese WM damals war das schlimmste was passieren konnte...Deswegen habe ich die Frauen-WM in diesem Jahr auf eine gewisse Art und Weise sehr gefeiert. Ich denke, man hat gemerkt worum es bei diesem Schwachsinn geht und wenn Deutschland im Weitwichsen erflogreich wäre, wären die Fanmeilen auch voll und das Volk würde zusammen Party machen.

Ansonsten war, ist und bleibt es NUR eine WM, die historisch gesehen und für das nationale Ego irgendwas bedeutet, aber nicht gut für den Sport ist.
Aber der Fußball wird diesen massenwirksamen Vorzeige-Müll alle 4 bzw. 2 Jahre überleben und ich denke, so langsam ist das Rad auch überdreht und die von mir sehr gefeierte Vergabe der WM 2022 an Katar und die bereits erwähnte Frauen-WM haben ein paar Leuten die Augen geöffnet und es werden immer mehr dazu kommen.
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Selbst bei Vertretern des weiblichen Geschlechts, war der Fussball sogar "in".
Damit man sich nicht ausgegrenzt hat, fuhr man selbst mit Fahnen am Auto durch die Städte. Bundesliga, Championsleague wurde niemals geschaut, aber bei jeder Wm Party war und ist man dabei.
Stört es mich? Nein. Weil nur die Liebhaber des runden Leders in den Genuss der alltäglichen "Routine" kommen. Und wer in einer Beziehung steckt, weiss das nicht die Highlights den Tag bestimmen, sondern das alltägliche.
Die Begeisterung wurde geweckt. Und die WM 2006 war geil. Auch ich war einer der unsäglichen Autokorsofahrer. Ich hatte den Verlust meiner Hupe zu beklagen. Und die Fahnen waren noch bis zum Winter an meinem Auto.
Zum Text. Wenn sich jemand viel Mühe gibt, dann bekommt er automatisch 10 Punkte von mir. Hast mir nen schönen Rückblick beschert. Danke fürs schmunzeln.