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10.11.2017 | 2652 Aufrufe | 0 Kommentare | 1 Bewertungen Ø 7.0
"Ich bin auch nur 'n Mensch, weißt du?!"
Hasskommentare: die 3. Halbzeit!
Soziale Netzwerke, Kommentarfunktion, Doppelmoral und eine Bitte an die Fußballfans!

Heute vor 8 Jahren nahm sich Robert Enke das Leben. Schienensuizid. In Istanbul wurde er von seinen eigenen Fans mit Gegenständen beworfen. Doch unabhängig von Enkes Beweggründen: Hat sich seit dem 10.11.2009 im Umgang der Fußballfans mit den Profis etwas geändert? Ein viel zu kleiner Blog über eine viel zu mächtige Materie:

Ich möchte die Antwort vorwegnehmen: Nein! Das einzige, das sich gefühlt verändert oder gar verschlimmert hat, ist die 3. Halbzeit in den sozialen Netzwerken. Sie findet immer und überall statt.

Die sogenannten "Fußballfans" haben die Kommentarfunktion für sich entdeckt.

Wir schreiben den 28. Spieltag in der Saison 2014/2015: Der HSV verliert mit 0:2 gegen Wolfsburg. Nach Abpfiff nimmt André Schürrle seinen ehemaligen Teamkollegen aus gemeinsamen Mainzer Tagen, Lewis Holtby, in den Arm. Es menschelt zwischen millionenschweren Fußballprofis. Im Anschluss macht Holtby vor der Nordtribüne in Richtung eines Fans eine Kampfansage, bekennt sich zum HSV und brüllt: "Ich bin auch nur ´n Mensch, weißt du?!"

Dies denkt sich vielleicht auch Timo Werner, wenn er im Internet von den Usern wegen einer Schwalbe auf das Übelste beschimpft wird. Dass er RB Leipzig in die Champions League geballert hat, wird dabei völlig außer Acht gelassen. Mittlerweile knipst er ja auch schon für Deutschland. Halt, Stop! Jetzt erwische ich mich selbst dabei, wie ich seine sportliche Leistung als Maßstab nehme, um den Menschen an sich zu verteidigen.

Doch die Fans sind ebenfalls Menschen. Daher wird beim Sieg wird gefeiert, bei einer Niederlage ist man frustriert. Fans bilden sich Meinungen über die Spieler: Sie loben und kritisieren. Doch welche Art von Kritik ist angemessen, welche nicht? Ist es legitim, wenn ein vermeintlich ahnungsloser Fan sachliche Kritik über das taktische Verhalten übt? Wird der Spieler dadurch schon an den Pranger gestellt? Wer entscheidet darüber, was angemessen ist und was nicht?

Der Fan, der Timo Werner niemals beleidigen würde, versucht es mit Humor. Heiko Westermann weiß Bescheid. Ein bearbeitetes Bild von ihm und dem Ballon d'Or macht neben dem Best-Of-Video seiner Fehler aus Ajax-Zeiten im Internet die Runde.

Ja, auch das Bild von "HW4" habe ich schon weitergeschickt, aber keine Sorge: Die Fußballprofis verdienen dafür ja genug Geld. Ein beliebtes Argument der Internetrambos. Mario Basler spricht von "Schmerzensgeld". Recht hat er, denn es ist das Geld, das Timo Werner bekommt, während ein Rambo seine Mutter beleidigt.

Ich möchte die Fans nicht schlechter machen als sie sind. Auch die Spieler neigen zu Ausrastern. Insofern ist das sicher keine Einbahnstraße. Ich möchte hier nicht die Moralkeule schwingen. Das wäre verlogen. Es ist pervers genug, den Todestag von Robert Enke als Anlass zu nutzen, um einen Blog im Internet zu veröffentlichen. Ich persönlich würde versuchen, den Umgang mit den Fans unabhängig von Erfolg oder Misserfolg - im Zaum zu halten oder gar zu meiden. Aber dann identifiziere ich mich ja zu wenig mit dem Verein und die Rambos legen wieder los. Sachliche Kritik ist legitim. Letztlich verantwortet jeder Fan selbst, wo er die Grenze setzt. Leid und Freude liegen beim Fußball nah beieinander. Es ist eine Meisterleistung, vor einem Millionenpublikum Fußball zu spielen. Deshalb darf es auch keine Schande sein, einen Elfmeter in der 90. Minute zu verdaddeln.

Sicher wird durch diesen Blog die Welt nicht ansatzweise gerettet. Vielleicht denkt aber der Eine oder Andere beim nächsten Mal nach, bevor er sich an den Laptop setzt und den Menschen, Timo Werner, als Urensohn beschimpft.

- Michael K. -

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