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20.09.2012 um 09:43 Uhr
4-2-3-Podolski
DFB-Auswahl: Der Prinz auf neuen Wegen?

Lukas Podolski als einzige Sturmspitze. Undenkbar. Schwachsinn. Utopisch. Was auf den ersten Blick absurd klingen mag, ist bei genauerer Betrachtung gar nicht so abwegig. Welche Gründe dafür sprechen, und warum die Sturm-Alternativen keine bessere Lösung sind, das versuche ich in diesem Blog zu erörtern.

Die Alternativen von Joachim Löw

Die Möglichkeiten im deutschen Sturm beschränken sich auf Klose, Gomez - und bedingt Müller und Reus. Deutsche Mittelstürmer sind rar gesät. Neben den Genannten gibt es noch Kießling, Helmes, Kuranyi und Schieber.

Stefan Kießling ist ein Potpourri der anderen Stürmerkollegen. Er kann von allem ein bisschen, aber nichts besser als seine Kollegen. Ein guter Bundesligastürmer, aber dem Anspruch eines Weltranglisten-Zweiten nicht genügend.

Patrick Helmes bringt das Potential zwar mit, wird jedoch zu häufig durch Verletzungen zurück geworfen. Zudem passt Helmes deutlich besser in einem System mit zwei Sturmspitzen. Eine Variante, die es in Löws typischem 4-2-3-1 nicht gibt.

Kevin Kuranyi, der vielleicht kompletteste deutsche Stürmer. Er bringt alles mit, was die einzige Sturmspitze im 4-2-3-1 braucht. Jedoch: Kuranyi spielt seit Oktober 2008 in den Überlegungen Löws keine Rolle mehr. Der Grund: Während der Halbzeitpause des wichtigen WM-Qualifikationsspiels gegen Russland verließ er eigenmächtig das Dortmunder Stadion. Eine Disziplinlosigkeit, die ein Bundestrainer nicht durchgehen lässt.

Dem Dortmunder Julian Schieber fehlt es an Erfahrung, Spielpraxis und Konstanz. Ferner stagniert seine Entwicklung ein wenig. Der Durchbruch muss kommen und das wird schwierig. Schieber ist derzeit nur Ersatzmann für den glänzend aufgelegten Robert Lewandowski.

Was bleibt ist folgendes: Die einzig wirkliche Konstante im Sturm der Nationalelf ist Miroslav Klose. Der erfahrene Stürmer von Lazio Rom erlebt momentan in Italien seinen zweiten Frühling, wird als Torgarant gefeiert. Allerdings ist Miroslav Klose inzwischen 34 Jahre alt und deutlich häufiger verletzt, als noch vor einigen Jahren. Kloses Stärken sind das Kopfballspiel und das Zusammenspiel mit den Teamkollegen. Er ist deutlich passsicherer als Mario Gomez. Aber die Zeiten, in denen Klose unermüdlich nach hinten geackert hat und sich die Bälle an der Mittellinie zurückeroberte, sind offenbar vorbei.

Als Vollstrecker sucht Mario Gomez seinesgleichen. Es gibt weltweit wenige Stürmer, die einen derartig effektiven Torriecher haben. Trotzdem ist er nicht die Ideallösung in der Nationalmannschaft, denn sein Passspiel ist eher zweitklassig. Der moderne Fußball wird immer dynamischer. Der Spielertyp Gomez ist ein Modell vergangener Tage.

Marco Reus und Thomas Müller können zwar in der Sturmmitte spielen, fühlen sich aber auf den Außenbahnen deutlich wohler.

Was also spricht nun für Lukas Podolski?

In erster Linie die Erfahrung. Wettbewerbsübergreifend hat Lukas Podolski bereits über 400 Spiele bestritten und über 160 Tore erzielt. Und das im besten Fußballeralter von 27 Jahren. Auf die Spielminuten gerechnet kickte Podolski den Ball alle 179 Minuten in die Maschen. Er traf also in mindestens jedem zweiten Spiel seiner Karriere. Heutzutage ist ein Stürmer nicht nur Vollstrecker, sondern auch Mitspieler. Podolskis 91 Torvorlagen unterstreichen seine Teamplayer-Fähigkeiten.

Weiter sprechen ein gutes Passspiel und eine exzellente Technik für den gebürtigen Polen. Seine gute Ballkontrolle und ein strammer Schuss ermöglichen dem Stürmer Variabilität. Podolski kann am Kombinationsspiel teilnehmen oder den Torwart durch einen präzisen Distanzschuss überraschen. In dieser Saison erzielte der Arsenal-Neuzugang alle seine Tore aus relativ zentraler Position vor dem Tor. Dabei fiel vor allem die Gelassenheit und Ruhe im Eins-gegen-Eins gegen den Torhüter auf.

Ferner spricht für Podolskis Wechsel in den Sturm, dass es auf seiner ehemaligen Position im linken offensiven Mittelfeld ein Überangebot an hochtalentierten Spielern gibt: Marco Reus, Andre Schürrle, Mario Götze und das Schalker-Küken Julian Draxler, das behutsam an die Mannschaft herangeführt wird. Die vier jungen Spieler verfügen im direkten Dribbling über deutlich mehr Raffinesse.

Podolski sollte also fortan nicht mehr im Mittelfeld eingesetzt werden, sondern im Sturm. Es bedarf keiner großen Umschulung. Podolski kennt diese Position aus seiner Zeit beim Kölner FC aus dem Effeff. Arsène Wenger, 62-jähriger Trainer des FC Arsenal, äußerte sich wie folgt über den ehemaligen Kölner: „Lukas ist physisch stark, und er ist ein fantastischer Vollender." Assistenz-Coach Steve Bould legte bei BBC-Sports sogar noch eine Schippe drauf: „Ich habe noch nicht viele Vollstrecker gesehen, die so gut sind wie er". Nach einem etwas schwächeren Auftritt im ersten Ligaspiel gegen Sunderland überzeugt Prinz Poldi nun mit Toren und Torvorlagen. Die Fans intonieren den bisherigen Van-Persie-Song aus tausenden Kehlen in neuer Fassung: „Lukas Podolski, he scores when he wants". Die englische Presse feiert den 27-jährigen inzwischen als Superstar. Wenger, seit 1996 Trainer der Gunners, setzt Podolski in einem defensiven 4-3-3 System als Sturmspitze und Linksaußen ein. Auf dem Spielfeld rotiert Podolski viel mit seinen Sturmkollegen Giroud und Gervinho. Die Angriffe sind für die gegnerische Mannschaft schwerer auszurechnen. Eine simple Variante, die auch das deutsche Angriffspiel variabler machen würde. Das 4-2-3-1 System braucht Löw dabei nicht zu verändern. Auf den offensiven Außenbahnen agieren mit Reus und Müller zwei Akteure, die auch in die Sturmspitze rücken können.

Das Länderspiel gegen Österreich war aus deutscher Sicht wenig überzeugend. Trotz eines knappen 2:1 Sieges. Von Spielfreude und Kreativität keine Spur. Podolski kam in der 75. Minute, eingewechselt für einen blassen Klose. In einer Phase, in der die deutsche Elf mit Ach und Krach das eigene Tor verteidigte. Überfallartige Konter über die schnellen Müller, Götze und Podolski wurden durch Ungenauigkeit im Aufbauspiel und beherzt kämpfende Österreicher bereits im Keim erstickt. Podolski bekam gar nicht erst die gewünschten Bälle.

Trotzdem könnte es funktionieren. Ein quirliger, robuster, spielsicherer, schneller und schussgewaltiger Podolski in der Sturmspitze. Schwächen im Kopfballspiel? Das stimmt. Doch im modernen Fußball steht Kombinationsfußball über unermüdlichen Flankenläufen und einem Brecher als Sturmtank. Und so sieht es auch Joachim Löw, wenn seiner Philosophie Glauben geschenkt werden darf.

Das Wichtigste ist jedoch, dass der Trainer es schafft, genau dieses Können aus Podolski rauszukitzeln. Dass die Veranlagung vorhanden ist, hat Lukas Podolski bewiesen. Nun liegt es an Ihnen, Herr Bundestrainer. Also Herr Löw, geben Sie sich einen Ruck!
Aufrufe: 5678 | Kommentare: 62 | Bewertungen: 19 | Erstellt:20.09.2012
ø 7.7
KOMMENTARE
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funkbarrio
21.09.2012 | 11:34 Uhr
+4
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funkbarrio : 
21.09.2012 | 11:34 Uhr
+4
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funkbarrio : 
Podolski mal im Sturm spielen zu lassen wäre einen Versuch wert... Aber wie mit dem generell umgegangen wird ist eh schon fragwürdig. Auch wenn er gerne mal etwas schleißig seine Defensivarbeit verrichtet, kann man durchaus mehr aus ihm herauskitzeln und vor den meisten muss er sich meiner Meinung nach nicht verstecken...

Ob allerdings ganz vorne und als alleinige Spitze das Wahre ist, das bezweifel ich!
Zyrock
21.09.2012 | 11:35 Uhr
+5
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Zyrock : 
21.09.2012 | 11:35 Uhr
+5
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Zyrock : 
Netter Blog mit einer interessanten Idee, da Poldi im Verein aktuell auch wieder mehr in dieser Position agiert. Wenn da nicht der grobe Patzer mit "FC Arsenal London" drin wäre, wäre das Ding sogar richtig gut.

/edit:

@funkbarrio

Das Märchen von der schlechten Defensivarbeit nach der EM und dem Saisonstart noch immer zu propagieren, ist doch nur noch Gewohnheit. Da ist nichts dran, absolut gar nichts!
krido
21.09.2012 | 12:03 Uhr
+1
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krido : 
21.09.2012 | 12:03 Uhr
+1
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krido : 
viel wahres dran. aber für eine einzige sturmspitze im 4 2 3 1, 4 3 3 oder vma 4 1 4 1 finde ich lukas persoenlich (noch) viel zu unflexibel. kopfballspiel, rechter fuss?
O_Lympus
21.09.2012 | 12:07 Uhr
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O_Lympus : 
21.09.2012 | 12:07 Uhr
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O_Lympus : 
@ Zyrock:
Du hast natürlich Recht. Da habe ich wohl geschlafen.
Entweder FC Arsenal (offiziell) oder, wie im deutschen Sprachgebrauch üblich Arsenal London. Die Form "FC Arsenal London" wird nicht benutzt. Danke!
zynx79
21.09.2012 | 12:10 Uhr
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zynx79 : 
21.09.2012 | 12:10 Uhr
+2
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zynx79 : 
So so Märchen von schlechter Defensivarbeit. Ich bleibe dabei. Podolski ist Defensiv schwach. Was allerdings auch daran liegt, dass er zu lange in Köln war, wo er absolut überzogen verehrt wurde. Das er alles mitbringt um ein Topspieler zu sein ist unbestritten aber er ist es eben nur bedingt. Ich hätte ihn gern mal unter Klopp gesehen. Allerdings glaube ich auch, dass Wenger und Arsenal für seine Entwicklung gut sind. Wobei ich mich nicht vom Saisonstart blenden lasse, sondern Konstanz erwarte.
Ich glaube auch Löw plant ihn für 2014 eher auf der MS Position, da er für die Außen eben, außer einem guten Schuss nicht das mitbringt was seine jüngere Konkurrenz in die Waagschale werfen kann.
Sheepchief
21.09.2012 | 12:29 Uhr
+1
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Sheepchief : zynx
21.09.2012 | 12:29 Uhr
+1
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Sheepchief : zynx
Hast nicht gerade viele Spiele vom FC gesehen oder?
Gerade hier in Köln, hat Podolski sehr viel nach hinten gearbeitet.

Alle berufen sich dabei auf die Nationalmannschaft aber bedenken nicht, dass er auch ständig wechselnde Partner auf der Position des Linksverteidigers hatte.

Als alleinigen MS würde ich ihn auch nicht aufstellen.
Eher auf die Position von Özil, da er da mit mehr Geschwindigkeit und Wucht in den 16er eindringen kann. Würde dem deutschen Spiel auch mehr Durchschlagskraft verleihen.
Aber glaube kaum, dass Löw das überhaupt in Betracht zieht.
dattelpalme
21.09.2012 | 12:30 Uhr
0
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dattelpalme : Interessanter Gedanke
21.09.2012 | 12:30 Uhr
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dattelpalme : Interessanter Gedanke
... der mir auch schon gekommen ist.

Bei Diskussionen mit Freunden kam dann aber auchch oft die Reaktion : "Was willste denn mit dem vorne drin erreichen?"

Aber wie du bereits geschrieben hast, ist Klose zwar immer noch gut, aber dieses "zurückfallen an die Mittellinie" kommt bei ihm auch nicht mehr. Das Alter lässt sich eben nicht leugnen.

Gomez ist ein überragender Vollstrecker, vor allem wenn er richtig eingesetzt wird.

Podolski wäre vom Typus her der Nachfolger für Klose im Sturmzentrum. Die Schwächen im Kopfballspiel finde ich nicht so wild. ( Stichwort: deutsche Ecken) und dass er seinen rechten Fuß nur hat um nicht umzufallen ist nunmal leider so.
Kritik wirds immer geben, egal wer vorne drin spielt.

Ich bin auf jeden Fall dafür, das auszuprobieren, oder man fängt an das System auf Gomez auszurichten. Ist zwar leichter zu durchschauen, aber nur so funktioniert ein Gomez richtig.


TreuerHusar
21.09.2012 | 12:36 Uhr
+2
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TreuerHusar : Podolskis Defensivarbeit
21.09.2012 | 12:36 Uhr
+2
-2
TreuerHusar : Podolskis Defensivarbeit
@zyrock:
Ganz genau! Schaut man sich die aktuellen Probleme der Nationalelf im Defensivverbund an (vor allem links!), kann das, was Poldi über Jahre auf links geleistet hat ja nicht so verkehrt gewesen sein.
GoTch4
21.09.2012 | 12:41 Uhr
+4
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GoTch4 : Mal schauen
21.09.2012 | 12:41 Uhr
+4
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GoTch4 : Mal schauen
O_Lypmus, richtig guter Blog und auch gut geschrieben. Mir sind dabei nur einige eigene Überlegungen gekommen. Ich als Arsenal-Fan hab diese Saison 2 Spiele komplett live geschaut und die anderen beiden in 15min-Zusammenfassungen.

Dabei fällt auf, dass Podolski in den ersten beiden Spielen bei Arsenal tatsächlich in der Sturmmitte aufgestellt wurde. In beiden Spielen, sowohl Sunderland als auch Stoke machte er kein besonders großes Spiel (ob das jetzt positionsbedingt oder dem fehlenden PL-Rythmus geschuldet war, sei mal dahingestellt).

Danach hat ihn Wenger auf den linken Flügel beordert und schon lief es wie am Schnürchen. Das Ding ist, es fehlt in der Nationalmannschaft ein richtig guter LV. Schmelzer, Aogo, Badstuber etc. wer da alles ausprobiert wird sind zu schlecht dafür.
Mit Gibbs zusammen wirbelt er die komplette linke Seite auf und kombiniert mit ihm perfekt, sodass er auch die Absicherung und den Raum hat, mal in die Mitte zu ziehen und dort schon mit einem gestandenen MS wie Giroud sich weiter durchkombinieren kann.

Die Frage ist halt nur, inwiefern würde der Arsenal-Poldi in der Nationalmannschaft funktionieren? Mit Müller und Reus müsste er verdammt viel rotieren, damit Poldi in vorderster Front noch einen Anspielpartner findet. Wenn er auf dem linken Flügel aufgestellt wird, wäre diese Seite teilweise sehr schlecht verteidigt, da er sich dann wieder nach innen orientieren würde.

Wenn Löw es hinkriegt, dass Podolski so funktioniert wie in London, wäre es perfekt. Ansonsten würde ich wohl eher noch ne weile auf Gomez setzen, bis sich jemand aus dem Nachwuchs herauskristallisiert hat. Denn Podolski in komplett vorderster Front ging (zumindest bisher) auch noch nicht bei Arsenal ganz gut.

Trotzdem teile ich weiterhin deine Meinung und find es auch gut, dass es so ein Blog gibt. ;)
Styline
21.09.2012 | 12:47 Uhr
+1
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Styline : GoTch4
21.09.2012 | 12:47 Uhr
+1
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Styline : GoTch4
Du hast mir die Worte aus dem Mund genommen, Poldi fühlt sich nicht wohl als vorderste Spitze, was man in den ersten beiden Arsenal Partien gut erkennen konnte... Nicht umsonst hatte er in Köln Novakovic, N11 Klose usw. Ich hoffe Yesil wird schnell integriert, Klose wird das dann schon machen mit dem ;)
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