Haben sie es wirklich durchgezogen?

Von Maurice Knseisel
Montag, 22.05.2017 | 08:19 Uhr
Jinder Mahal wurde 2014 entlassen und feierte am 1. August 2016 sein WWE-Comeback

Am Ende von Backlash fingen die WWE-Kameras zahlreiche entsetzte Gesichter in der Allstate Arena von Rosemont, Illinois ein: Jinder Mahal entthronte Randy Orton und ist neuer WWE Champion. Zuvor verteidigte Kevin Owens im Match des Abends seine United States Championship gegen AJ Styles und Shinsuke Nakamura feierte sein Main-Roster-Debüt mit einem Sieg über Dolph Ziggler.

Tye Dillinger vs. Aiden English (Kickoff Match)

Sieger: Tye Dillinger per Tye Breaker. Vor dem Match gab English ein Lied zu besten und beleidigte darin Chicago, was ihm erwartungsgemäß reichlich Buhrufe einbrachte. Im Match hatte er praktisch nur nach miesen Tricks Offensive, doch am Ende siegte natürlich die Perfect 10. Das Booking war somit sinnvoll, doch wirklich weiter bringt das Match erst mal keinen der beiden Männer. Aus Mangel an Alternativen wird die Fehde im Zweifel noch etwas weiter laufen.

Shinsuke Nakamura vs. Dolph Ziggler

Sieger: Shinsuke Nakamura per Kinshasa. Es sollte ein großes, würdiges Main-Roster-Debüt für den King of Strong Style werden und wurde es auch. Fangesänge vor und nach dem Match, Ziggler konzentrierte sich vom Ringgong weg auf das Bein des Mannes aus Kyoto und musste am Ende doch nach einem verpassten Superkick den Inverted Exploder Suplex sowie dessen legendären Bomaye-Finisher einstecken. Das Match war die perfekte Opener-Wahl, um mit fantastischer Stimmung in die weitere Show zu gehen. Shinsuke wird nun noch mindestens einen Monat mit einer Übergangsfehde verbringen, ggf. auch weiterhin gegen Dolph, bevor er sich allmählich Richtung Main Event bewegen und perspektivisch seine heiß erwartete Fehde gegen AJ Styles aufzubauen beginnen wird.

SmackDown Tag Team Champions The Usos vs. Breezango

Sieger & weiterhin SmackDown Tag Team Champions: The Usos nach einem Superkick von Jimmy gegen Fandango. Das Highlight des Matches war ohne Frage Tyler Breeze, der als Hausmeister verkleidet begann und sich später unter dem Ring als Großmutter verkleidete, was einen "Let's go Grandma"-Chant zur Folge hatte. Damit hatte die Fashion Police die Fans auf ihrer Seite, es zeigt aber zeitgleich auch, dass die beiden aus Sicht der Verantwortlichen weiterhin nur als Lachnummer funktionieren. Entsprechend wenig überraschend ist, dass die Titel bei den aktuell in Topform befindlichen Usos blieben. Breezango dienten lediglich als Übergangsgegner vor der anstehenden Usos vs. New Day-Fehde und können nur hoffen, dass sie nun nicht wieder komplett in der Bedeutungslosigkeit verschwinden werden, da sie enormen Unterhaltungswert besitzen.

Sami Zayn vs. Baron Corbin

Sieger: Sami Zayn per Helluva Kick. Ein Ergebnis, das so abzusehen war: Corbin dominierte und wurde zusehends frustrierter, da Zayn gewohnt unnachgiebig dargestellt wurde und trotz Beatdown um Beatdown aus jedem Cover kickte. Das Match endete, nachdem Baron einem Outside Dive auswich, indem er in den Ring zurück flüchtete, nur um dort direkt in Zayns Finisher zu rennen. Klar ist, dass diese Fehde weitergehen und der Lone Wolf sie letztlich für sich entscheiden wird. Man hat Großes vor mit Corbin, er soll perspektivisch World Champ werden - doch man muss aufpassen, ihn nicht zu häufig schwach, oder besser gesagt: dumm aussehen zu lassen. Denn Corbin dürfte bislang jede seiner Niederlagen durch Dispute mit dem Referee und andere Unachtsamkeiten kassiert haben. Mehr als jedem anderen Gimmick in der WWE kann man Barons mangelnde Ringintelligenz vorwerfen. Nicht, dass Vincent Kennedy McMahon eines Tages einmal wach wird und sich denkt "Man, that guy's an idiot!" Ach Vince, du alter Mark...

SmackDown Women's Champion Naomi, Charlotte Flair & Becky Lynch vs. Natalya, Carmella & Tamina (Six-Woman Tag Team Match)

Siegerinnen: Natalya, Carmella & Tamina, nachdem Natalya Becky Lynch im Sharpshooter zur Aufgabe zwang. Das Welcoming Committee wurde als harmonische Truppe dargestellt, die lange Zeit SmackDown Women's Champ Naomi dominierte, Tamina wurde insbesondere kurz vor der Entscheidung ungewohnt stark dargestellt. So baute man den Heel-Stable gut auf und stellte ihn gegenüber den deutlich stärker besetzten Faces als mindestens ebenbürtig dar. Das Ganze ist absolut sinnvoll, um in die kommenden Monate zu gehen, ohne (jetzt schon) Charlotte oder Becky turnen zu müssen. Natalya sollte nach dem Ergebnis erste Herausforderin auf Naomis Titel sein und wirkt durch die Unterstützung als echte Bedrohung, während die stark gebookte Tamina als nächstes auf Charlotte treffen könnte.

United States Champion Kevin Owens vs. AJ Styles

Sieger per Countout & weiterhin United States Champion: Kevin Owens. Niemand konnte erwarten, dass The New Face of America Styles clean besiegen würde, doch immerhin musste er auch keine Niederlage einstecken. Stattdessen klemmte er außerhalb des Rings Styles' Bein geschickt im Kommentatorenpult ein. Ein typisches KO-Move also, der als Kontrastprogramm zu Baron Corbin wieder mal durch die für ihn typische Ringintelligenz glänzen durfte. Dem vorangegangen war ein langes, fantastisches Match zweier der besten Worker auf diesem Planeten. Da KO seinen Gegner nach dem Matchende noch weiter attackierte, dürfte umso klarer sein, dass diese Fehde fortgeführt und weitere Wrestling-Highlights produzieren wird. Ob Styles letztlich den US-Titel gewinnen darf, bleibt dabei offen, da er in nicht allzu ferner Zukunft wieder Richtung WWE-Championship gehen soll.

Luke Harper vs. Erick Rowan

Sieger: Luke Harper per Discus Clothesline. Es war wenig überraschend, dass die beiden Ex-Wyatts-Brüder im Übergangsmatch zwischen den beiden Main Events ranmussten und nicht übermäßig viel Zeit bekamen. Sie machten in einem ausgeglichenen Match das Beste daraus, der Sieg für den deutlich talentierteren Harper war letztlich verdient. Da es nun 1-1 zwischen ihnen steht, erscheint nicht abwegig, dass man die Fehde noch kurze Zeit weiterführt und in einer der Wochenshows mit Match drei beenden wird. Harper sollte sich erneut durchsetzen, bevor er sich einem anderen Gegner zuwendet. Die Perspektive der beiden scheint generell unsicher nach dem Abgang von Bray Wyatt, doch zumindest Harper sollte ein Kandidat für das Money in the Bank-Match sein - für den Koffergewinn allerdings weniger.

WWE Champion Randy Orton vs. Jinder Mahal

Sieger & neuer WWE Champion: Jinder Mahal per The Khallas. Alle Leser, die sich an dieser Stelle fragen, was "The Khallas" sein soll, hatten beim Finish dieses Matches im Zweifel den gleichen Gesichtsausdruck, den die WWE-Kameras auch vielfach in der Allstate Arena einfingen: Offene Münder, Fassungslosigkeit, fast schon verzweifeltes Lachen. Ja, sie haben es wirklich durchgezogen, ein Jobber ist ernsthaft WWE World Champion und die anschließenden Szenen wirkten wie eine absurde Version des Streak-Endes. Dabei sollen gar nicht Mahals Einstellung und Arbeitseifer hinterfragt werden, die Triple H jüngst in einem Interview noch einmal explizit lobte. Doch einmal davon abgesehen, dass man durchaus hinterfragen darf, ob Jinders unglaubliche körperliche Entwicklung wirklich natürlicher Art ist, bleibt vor allem festzuhalten: Er wäre niemals auch nur in die Nähe eines World Titles gekommen, wenn er nicht indische Wurzeln hätte und McMahon & Co. diesen riesigen Markt mit immensem finanziellem Potential nicht unbedingt bedienen wollten. Anders gesagt, hätte man einen geeigneteren Kandidaten unter Vertrag gehabt, wäre Jinder nun nicht Champ - und stünde vielleicht nicht mal unter Vertrag. The Great Khali lässt grüßen. Doch nun hat Mahal den Titel, ist im Ring immer noch bestenfalls Durchschnitt und wurde natürlich auch nicht übermäßig stark dargestellt. Stattdessen griffen die Singh Brothers Mal um Mal aktiv in das Match ein, retteten Jinder aus dem Ring oder attackierten Randy. Die Entscheidung kam, als die Viper die Brüder per Double Hangman's DDT abfertigte und Mahal diese Ablenkung zu seinem Finisher nutzte. Klar ist, dass Orton ein Re-Match erhalten wird und auch Rusev, der zuletzt ein Titelmatch forderte, hat noch eine dicke Rechnung mit dem Neu-Champ offen. Das Titelrennen wirkt somit derzeit komplett offen, es bleibt spannend.

Fazit

Man kann nicht über Backlash sprechen, ohne als Erstes Mahals Titelgewinn zu erwähnen. Es ist eine der unglaublichsten Geschichten der WWE-Historie: 2014 entlassen, kehrte Jinder erst am 1. August 2016 bei Raw zurück, wurde, wie schon bei seinem ersten Run, monatelang als Jobber portraitiert, bevor er im Rahmen der Rusev-Storyline nicht nur erschreckend schnell Muskelmasse aufbaute, sondern auch erstmals so etwas wie Momentum. Nun, nicht einmal zehn Monate nach seinem Comeback, hält er den höchsten Titel der Company. Den Schockmoment hat man sich damit ohne Frage gesichert, dieses Ergebnis wird lange Zeit in Erinnerung bleiben... traurigerweise anders als Bray Wyatts armseliger kleiner Titlerun, der rückblickend betrachtet nur endete, damit Orton den Übergangs-Champ für Jinder spielen konnte. Die WWE-Pläne sollen Styles vs. Orton für den SummerSlam und Styles vs. Nakamura um den Titel für WrestleMania vorsehen - wie passt Jinder da rein, bzw. wie lange wird er den Gürtel überhaupt halten dürfen? Selbst ein schneller Wechsel zurück zu Randy in den kommenden Tagen oder Wochen scheint denkbar, falls man ausschließlich den Schockmoment kurz auskosten will. In jedem Fall bleibt es spannend, SmackDown wurde seinem "The Land of Opportunity"-Credo mehr als gerecht und die kommende Ausgabe ist absolutes Must-see TV. Die übrigen Ergebnisse boten wenig Überraschendes, Siege für Dillinger, Nakamura und Harper sowie die Titelverteidigung der Usos waren ebenso offensichtlich wie sinnvoll. Zayn durfte sich immerhin einen Sieg gegen Corbin sichern, bei den Frauen hat man vieles richtiggemacht. Das absolute wrestlerische Highlight der Nacht war selbstverständlich der Showstealer zwischen Owens und Styles inklusive der Vorfreude auf mindestens ein weiteres PPV-Match... und doch: wird man in Zukunft an Backlash denken, wird einem nicht als erstes dieses Wrestling-Feuerwerk in den Sinn kommen, sondern der Titelgewinn des Maharaja. Das ist einerseits absolut berechtigt und gleichzeitig auch ziemlich traurig.

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