No Way Out 2012 – das Roundup

Das halbe Wunder von Milwaukee

Von Maurice Kneisel
Montag, 20.02.2012 | 10:58 Uhr
Santino Marella brachte sich in bester Rocky-Manier in Form
© 2012 wwe, inc. all rights reserved.

No Way Out lieferte zwar große Spannung, aber keine Titelwechsel. CM Punk setzte sich in der ersten Elimination Chamber durch, während Chris Jericho im Rahmen eines Injury Angles ausschied. Santino Marella stand kurz vor der großen Sensation, bevor Daniel Bryan ihn zur Aufgabe zwang. Im Main Event schickte John Cena Kane Richtung Krankenhaus.

WWE-Champion CM Punk vs. Chris Jericho vs. Dolph Ziggler vs. The Miz vs. R-Truth vs. Kofi Kingston (Eliminition Chamber-Match)

Die erste Überraschung lieferte gleich zu Beginn des Pay-per-Views die Card: während üblicherweise SmackDown! die Show eröffnet, stand dieses Mal zum Auftakt der WWE-Champion-Titel auf dem Spiel. Die Anzeichen sprachen dabei von Anfang an gegen den neuerdings glatt rasierten CM Punk, der gegen Kofi Kingston startete. Chris Jericho hatte sich bekanntlich bereits im Vorfeld bei RAW den sechsten Startplatz gesichert und würde somit als letzter aus der Kammer kommen. Nach einem harten Sturz auf den Stahlboden außerhalb des Rings sellte der Champ früh eine Hüftverletzung, konnte aber den an Nummer vier ins Match gekommenen R-Truth per Flying Elbow Drop ausschalten.

Wenig später sorgte Kingston für ein absolutes Highlight, als er in feinster Spiderman-Manier die Käfigwand hochkletterte und sich von dort auf die Schultern des Showoffs stürzte, um ihm einen Swinging DDT auf den knallharten Boden zu verpassen. Es folgte die Zeit des Chris Jericho, der zunächst per Codebreaker Ziggler und wenig später via Walls of Jericho Kingston ausschaltete. Die Schocker-Szene folgte prompt im Anschluss: Jericho prügelte weiter auf den Ghanaer ein und schickte ihn aus der Käfig-Struktur. Ein plötzlicher Tritt von Punk beförderte auch Jericho nach draußen, wo der wahre Best in the World gegen einen Kameramann geschleudert wurde und bewusstlos liegen blieb. Die Referees entschieden daraufhin, dass er nicht weitermachen könne.

CM setzte sich im Anschluss wenig überraschend per GTS im finalen Duell gegen The Miz durch. Bei seinem Weg aus der Halle blieb Punk stehen, um seinen kommenden WrestleMania-Gegner, der weiterhin seine Verletzung sellte, zu betrachten. Auf diese Weise ist es der WWE geschickt gelungen, das seit langem gehypte Match perfekt zu machen, ohne den Titel in der Kammer wechseln oder Jericho durch ein Pin beziehungsweise eine Aufgabe schwach aussehen zu lassen.

Wir können fest davon ausgehen, dass der Ayatolla of Rock-and-Roll-a bei RAW nicht nur wieder hellwach sein, sondern auch auf Rache sinnen wird. Erwähnenswert bleibt zudem die starke Darstellung von Kofi Kingston, der im Vorfeld als klarer Underdog galt und sich hier für größere Aufgaben empfehlen konnte. Sieger und weiterhin WWE-Champion: CM Punk.

WWE Divas Champion Beth Phoenix vs. Tamina Snuka

7:16 Minuten Zeit für ein Diven-Match - und dann auch noch für ein gutes! Sensationell angesichts der Tatsache, dass die WWE den Damen nach dem ersten Abflauen der Divas-of-Doom-Storyline zuletzt wieder kaum Beachtung schenkte und sie eher in peinlichen Segmenten (Natalya lässt grüßen) verheizte.

Der Push von Tamina kam ebenso unvermittelt wie erfrischend, ebenso wie die Tatsache, dass sie mittlerweile durch die Nennung des Nachnamens Snuka verstärkt auf ihren Status als Tochter einer waschechten WWE-Legende bauen darf. Nachdem Beth ihrer Gegnerin zu Beginn anbot, den Ring und die Halle gleich wieder zu verlassen, was diese sensationellerweise ausschlug, dominierte die Glamazone zunächst. Tamina kam mit ihrem Finisher, dem Superfly Splash zurück, zum Sieg reichte dieser aber nicht. Nach weiterer Offensive der Herausforderin konnte Phoenix den Spieß rumdrehen und machte via GlamSlam die Titelverteidigung klar.

Auch wenn man als Fan von Frauen-Wrestling in der WWE sicherlich niemals voll auf seine Kosten kommen wird, war dieses Match ein positives Signal und lässt hoffen, dass Tamina nicht gleich wieder fallen gelassen wird. Solange Kharma nicht wieder regulär in den Ring zurückkehrt und Natalya wöchentlich gedemütigt wird, ist sie der einzige Hoffnungsschimmer im Herausforderinnenkreis. Siegerin und weiterhin Divas-Championesse: Beth Phoenix.

World-Heavyweight-Champion Daniel Bryan vs. Big Show vs. Randy Orton vs. Cody Rhodes vs. Wade Barrett vs. The Great Khali (Eliminition Chamber-Match)

Was wurde im Vorfeld nicht alles spekuliert: Santino als Ersatz für den verletzten Randy Orton in die SmackDown!-Chamber zu packen, konnte doch nur ein schlechter Scherz sein. Die Internet Wrestling Community war sich sicher: da kehrt ein vermeintlich Verletzter zurück und schaltet das Milan Miracle auf dem Weg zum Ring aus, in feinster Edge-Manier, der so 2009 Kofi Kingstons Platz einnahm und sich später den World-Heavyweight-Titel sicherte.

Dazu Promos des Italo-Kanadiers, der sich zur "Rocky"-Filmmusik auf das vielleicht größte Match seiner Karriere vorbereitete. Zu allem Überfluss tweetete dann auch noch kurz vor Showbeginn ausgerechnet Edges alter Kumpel Christian "Liebesgrüße aus Milwaukee". Die Sache schien klar - denkste! Stattdessen schloss sich der ehemalige Captain Charisma vor dem Match mit Alberto Del Rio und Mark Henry zusammen und sprach sich für die Absetzung Teddy Longs und die permanente Einsetzung von John Laurinaitis als GM beider Shows aus. Das Ende des Brand-Splits dürfte damit auf den Weg gebracht worden sein. Anschließend erreichten sämtliche sechs Teilnehmer heil ihre Kammern. Und so kam es, wie es (mittlerweile) kommen musste: Big Show eliminierte Monster-Counterpart Khali, nur um selbst von Cody gepinnt zu werden, der anschließend - ebenso wie Barrett - allen Ernstes von Santino ausgeschaltet wurde. Die Halle kochte mittlerweile und war klar auf Seiten Marellas, der nach einem verfehlten Diving Headbutt von Bryan tatsächlich die Cobra durchbrachte. Eins, Zwei, NEIN! Der Champion kam mit dem LeBell Lock zurück, in dem Santino zwar lange durchhielt, letzten Endes aber aufgeben musste. Das Starke an dem Match war, dass man sich im Vorfeld derart auf ein Eingreifen von außen eingestellt und deshalb Santino komplett abgeschrieben hatte.

Leider musste die WWE mal wieder des Guten zu viel machen und Michael Cole dessen Teilnahme als Aschenputtel-Märchen völlig überhypen lassen, so dass der Matchverlauf letzten Endes weniger überraschend kam. Zudem muss man sich fragen, was diese Entwicklung auf lange Sicht bringt - im Zweifelsfall gar nichts. Hat man einen jungen Superstar nach vorne gebracht? Nein! Wird Santino dadurch längerfristig in den Main Event gepusht? Nein! Bringt der finale Sieg Bryan sonderlich over? Aufgrund des Gegners: Nein! Zudem musste er nach dem Match noch ein Celtic Cross durch Sheamus einstecken, der sich somit ebenso wortlos wie wenig überraschend entschied, den SmackDown!-Champ bei WrestleMania zu fordern. Es war im Großen und Ganzen ein netter Feel-Good-Moment, mehr aber auch nicht. Sieger und weiterhin World-Heavyweight-Champion: Daniel Bryan.

United-States-Champion Jack Swagger vs. Justin Gabriel

Es war zu erwarten, dass noch ein fünftes Match auf die Card kommen würde. Im Zweifelsfall ein Auftritt von Sheamus, um diesen knapp einen Monat vor seinem großen Auftritt bei WrestleMania noch mal weiter over zu bringen. Doch dafür sollte wohl der Kurzauftritt zuvor reichen, stattdessen durfte ein anderer, weitaus nervigerer Ire in die Halle: Hornswoggle. Der kleine Leprechaun, der zuletzt NOCH NIE witzig war, begleitete aus irgendeinem unerfindlichen Grund Gabriel zum Ring und sollte dadurch wohl den Ausgleich zu Swaggers Managerin Vickie Guerrero darstellen. Die Frage nach dem Sinn ist ebenso berechtigt wie die, wodurch sich Gabriel eigentlich ein Titelmatch verdient hat.

Fast genauso unnötig war das Filler-Match an sich, in dem der All-American American gerade mal 3:07 Minuten brauchte, um seinen südafrikanischen Gegner im Ankle Lock zur Aufgabe zu zwingen. Liebe WWE, wenn ihr schon unbedingt noch einen Lückenbüßer in die Card rein quetschen müsst, dann doch bitte nicht jedes Mal auch noch als vorletztes Match. Das Einzige, was dadurch erreicht wird, ist, dass man die Stimmung vor dem Main Event killt; und das will doch eigentlich keiner sehen, ebenso wenig übrigens wie Horny. Sieger und weiterhin US-Champion: Jack Swagger.

John Cena vs. Kane (Ambulance-Match)

Eines vorweg: wer hätte das kommen sehen? John Cena gewinnt das Ambulance-Match einen Monat vor seinem großen WrestleMania-Match gegen The Rock. Noch un-überraschender waren nur die Buh-Rufe vor, während und nach seinem Auftritt sowie seine obligatorisch wenig überzeugende Ich-bin-besorgt-Mimik auf der Rampe. Sei's drum, im Ring (und drum herum) wurde eine zünftige Schlägerei geboten, bei der Wrestling bestenfalls eine untergeordnete Rolle spielte.

Dabei kamen unter anderem das Interieur des Krankenwagens sowie ein Rollstuhl und allen Ernstes auch diverse Laptops - braucht man nach dem Totschweigen des Anonymen RAW GMs ja nicht mehr - zum Einsatz. Erfreulicherweise verlagerte sich der Kampf zwischendurch auch ins Publikum, John fand sogar die Zeit, Booker T zu fragen, ob er es mittlerweile in dessen "Fave Five" geschafft habe - großartig! SuperCena überstand sogar einen Chokeslam durch das Kommentatorenpult, bevor die beiden Noch-Erzfeinde auf dem Krankenwagen landeten, von wo die Big Red Machine ihm erneut seinen Finisher verpassen wollte. Cena konterte, schickte ihn stattdessen per Attitude Adjustment nach unten und stopfte ihn anschließend in die Karre, womit der Drops gelutscht war. Man bekam, was man erwartet hatte: ein für heutige WWE-Verhältnisse ordentliches Hardcore-Match mit einigen krassen Spots und einem Sieger, den sicher die Meisten auf dem Zettel hatten.

Etwas schade war, dass man nach den Rückblicken vor dem Match komplett auf einen Auftritt von Zack Ryder oder Eve verzichtete. Diese Storyline dürfte Cena nun wohl in den Wochen bis zu WrestleMania beschäftigen, seine Fehde gegen Kane sollte sich hingegen, was schon aufgrund der Matchwahl im Vorfeld klar war, endgültig erledigt haben. Sieger: John Cena.

Fazit

Es ist definitiv nicht so, dass No Way Out nicht zu unterhalten wusste. Vor allem die RAW Elimination Chamber hatte einige echte Highlights zu bieten und erhielt - ebenso wie das SmackDown!-Pendant - ausreichend Zeit. Santinos Erfolgserlebnis lieferte nicht nur für Marks einen waschechten Feel-Good-Moment und John Cena geht gestärkt aus dem letzten PPV vor dem wichtigsten Match seiner Karriere hervor. Zudem bekamen wir das wohl beste Diven-Match seit langem geboten.

Auf der Strecke geblieben ist dabei nur leider einmal mehr das von Triple H angekündigte Langzeit-Booking. Man beklagt einerseits den Mangel an Main-Event-Kaliber-Talent, versäumt es andererseits aber, junge Superstars konsequent nach vorne zu pushen. Dolph Ziggler musste sich in der ersten Kammer früh verabschieden und Cody Rhodes durfte zwar Big Show rausschmeißen, ein Pin durch Undercarder Santino Marella bringt aber weder ihn noch Wade Barrett nach vorne. So nett und unterhaltsam die starke Darstellung des ehemaligen Intercontinental- und Tag-Team-Champions auch war - auf lange Sicht bringt sie nun mal gar nichts.

Eine Marginalie, allerdings eine, über die man sich zu Recht aufregen darf, war zudem das wieder mal völlig deplatzierte Filler-Match. Wenn man schon fünf Minuten zu viel hat, wieso packt man diese nicht einfach auf eins der relevanten Matches drauf? Oder nutzt sie, um Sheamus, der immerhin das No Way Out-Plakat zierte, sinnvoll over zu bringen statt ihm nur einen Kurzauftritt zu geben. Meinetwegen hätte man auch gerne einen Best-of-John-Laurinaitis-Clip oder ein Video mit putzigen Hundewelpen zeigen können. Diese schundigen Drei-Minuten-Matches hingegen langweilen schon in Wochenshows und haben auf einer Pay-per-View-Card beim besten Willen nichts zu suchen. In dem Sinne, zum Abschluss noch ein paar schöne Grüße an Brodus Clay, der während der Show wieder mal reichlich Zeit hatte, mit seiner Mama zu telefonieren.

Die Termine in der Übersicht

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung