Royal Rumble: Der Nachbericht

Das Ende vom Ende der Welt?

Von Maurice Kneisel
Montag, 30.01.2012 | 05:41 Uhr
Royal-Rumble-Sieger Sheamus betrat den Ring als 22. Teilnehmer
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Der Royal Rumble 2012 ist Geschichte und es bleiben jede Menge Fragezeichen. Sheamus setzte sich am Ende gegen Chris Jericho durch und fährt zu WrestleMania - doch was ist aus dem angekündigten Weltuntergang geworden? Auch in der Fehde zwischen CM Punk und John Laurinaitis sowie zwischen John Cena und Kane gibt es noch einiges zu klären.

Welt-Schwergewichts-Champion Daniel Bryan vs. Mark Henry vs. The Big Show (Steel-Cage-Match)

Der Opener verlief in etwa so, wie man erwarten konnte: Big Show hatte das Match klar im Griff, Mark Henry durfte zwischendurch auch mal ein paar Power Moves durchbringen und Daniel Bryan, der ordentlich Prügel bezog, versuchte ein ums andere Mal zu flüchten. Wie sonst sollte eine Titelverteidigung auch denkbar sein für den Cruiserweightler im Duell mit den zwei Riesen? Bryan fiel eigentlich nur durch seine schnellen Fluchtversuche Richtung Käfigspitze auf, ansonsten setzte er einmal nach einem schönen Tornado DDT gegen Big Show den LeBell Lock an. Doch der World's Largest Athlete befreite sich ohne Mühe. Henry wirkte wie das fünfte Rad am Wagen und hatte entsprechend wenig mit der Entscheidung zu tun. Was schließlich einfach nur wie ein weiterer Versuch des Champions wirkte, sich aus dem Staub zu machen, endete darin, dass er zunächst mit den Pranken von The Big Show um seinen Hals und anschließend von dessen Arm herunterbaumelnd außerhalb des Käfigs über der Matte schwebte. Bryan ließ sich fallen, das Match war gelaufen und sein schleichender Heel-Turn durch den nächsten feigen Sieg wieder einen Schritt vorangetrieben. Nur etwas länger hätte das Match gerne sein dürfen. Sieger und weiterhin Welt-Schwergewichts-Champion: Daniel Bryan.

Beth Phoenix, Natalya & The Bella Twins vs. Kelly Kelly, Eve Torres, Alicia Fox & Tamina

Unnötig. Unnötiger. Dieses Match. Wenn man den Diven einen Platz auf der Card einräumen will, dann doch bitte in Form eines Titelmatches. Stattdessen brachte man - was an sich ja eine nette Geste ist - möglichst viele der Mädels beim PPV unter. Leider einmal mehr auf Kosten der Qualität. Highlight des erwartungsgemäß kurzen Matches war ohne Frage Kelly Kellys Flying Bodypress vom Top Rope aus dem Ring nach dem obligatorischen alle-Diven-kloppen-sich-gegenseitig-nach-draußen-Spot. Selbst als erklärter K2-Kritiker muss man eingestehen, dass die Blondine, wie schon in der Matchserie gegen Beth, bereit ist, Neues zu versuchen und mal was zu riskieren... auch wenn sie leider niemals lernen wird, anständig in die Ringseile zu laufen. Am Ende musste Kelly dann auch das Pin nehmen - durch Phoenix, die sie nach der Einwechslung prompt mit einem eiskalten Glam Slam abfertigte. Eine starke Szene, die Beths Dominanz zum Ausdruck brachte. Wie der Rumble später zeigte, wird sie die in Zukunft auch brauchen. Siegerinnen: Beth Phoenix, Natalya & The Bella Twins.

John Cena vs. Kane

Großes Wrestling konnte man hier nicht erwarten und das brauchte es auch nicht. In einer Halle, die während der Veranstaltung zwar größtenteils im Winterschlaf steckte, während diesem Match aber aufwachte, um Cena nieder zu buhen, wurde Kane einmal mehr dominant dargestellt. Er durfte Cena - wie so viele Heels vor ihm - kräftig durchprügeln und musste nicht mal dessen obligatorische Five-Moves-of-Doom-Comebackserie komplett über sich ergehen lassen. Nur zum cleanen Sieg sollte es am Ende natürlich nicht reichen. Das war auch vollkommen in Ordnung, denn Cena darf schließlich im Hinblick auf sein WrestleMania-Match gegen The Rock nicht zu schwach dargestellt werden. Man entschied sich stattdessen für einen Double Countout, da beide Männer außerhalb des Rings dermaßen besessen aufeinander einprügelten, dass sie den Referee dabei vergaßen. Fast interessanter als das eigentliche Match war der anschließende Backstage Brawl, bei dem Kane erst Cena ausschaltete, sich dann den im Rollstuhl angereisten Zack Ryder vorknöpfte und abschließend, nach der Rückkehr in den Innenraum, beide Buddys regungslos im Ring zurück ließ. Mindestens ebenso konsequent, wie Kane darin war, seine Feinde zu verdreschen, war auch das Publikum: selbst, als er wie leblos am Boden lag, buhten sie Cena noch nach Leibeskräften aus. Kein Sieger: Double Countout.

"The Funkasaurus" Brodus Clay vs. Drew McIntyre

Wie bringt man Brodus over? Na klar, indem man ihn möglichst oft seinen sensationellen Entrance einschließlich heißer Tänzerinnen performen lässt. Um das auch beim PPV hinzukriegen, mussten die Writer ihn allerdings aus der Battle Royal rauslassen. Gesagt, getan. Stattdessen steckte man ihn in ein absolut aussagefreies Match gegen den laut Storyline schon gefühlte 513 Mal entlassenen Drew McIntyre, ließ ihn seine zwei Signature Moves sowie einen Arschwackler ausführen ("My Bad!"), und das war's. Schon durften Clay und seine beiden Begleiterinnen wieder tanzen. Den gewünschten Effekt dürfte der Auftritt gehabt haben, ansonsten war das "Match" komplett unnötig und eines Pay-per-Views schlichtweg unwürdig. Was soll's, Somebody call my Momma! Sieger: "The Funkasaurus" Brodus Clay.

WWE-Champion CM Punk vs. Dolph Ziggler (Special Guest Referee John Laurinaitis)

Erstmals am Abend gelang es den WWE-Writern, für einen gewissen Überraschungseffekt zu sorgen. Der fiese, gemeine John Laurinaitis kommt im Referee-Shirt raus und erklärt erstmal, dass er das Match nicht hauptverantwortlich leiten wird. Nachdem er ein weiteres Streifenhörnchen hinzu geholt hatte, verpasste er noch Dolph Ziggler, der mittlerweile scheinbar Cody Rhodes' alte Entrance Attires aufträgt, einen Dämpfer: er schickte die reichlich verdutzte Vickie Guerrero aus der Halle. Was folgte, war ein äußerst ansehnliches Match, das allerdings nicht die hohe Qualität hatte, die bei zwei Männern dieses Kalibers möglich wäre. Zwar wurden einige Finisher-Ansätze gekontert, doch das wilde Konter-Festival mit zahlreichen Near-Falls blieb aus. Stattdessen entschied man sich, voll auf die Fortführung der Punk-Laurinaitis-Storyline zu bauen. Zunächst wurde, wie sollte es auch anders sein, der Offizielle ausgeknockt. Doch statt Punks Anaconda Vice sowie seine beiden erfolgreichen Pins zu werten, kümmerte Big Johnny sich lieber um den Referee. Nach ein paar weniger netten Worten bekam Laurinaitis auch noch Zigglers Füße beim GTS-Ansatz an den Kopf und war bedient. Highlights des Matches waren ohne Frage ein Hurricanrana-Ansatz Zigglers, den Punk mit einer Spinout Powerbomb konterte, sowie das Finish, bei dem Ziggler erst per Catapult in die Ecke und danach mit einem ungemein stiffen Go to Sleep ins Reich der Träume geschickt wurde. Dass Mr. Excitement dann noch das Cover synchron mit dem Referee durchzählte, um vor seiner Evaluierung durch Triple H am Montag einen guten Eindruck zu hinterlassen, war die Krönung. Sieger und weiterhin WWE-Champion: CM Punk.

30 Mann Royal Rumble

Das Positive vorweg: auch die Jubiläumsausgabe hatte ihre Mark-Out-Momente. Beispielsweise, als der Sieger des allerersten Rumbles, Hacksaw Jim Duggan, zum Ring kam. Oder als der Road Dogg, mittlerweile hinter den Kulissen tätig, eine starke Leistung ablieferte und von den Fans mit "You still got it" gefeiert wurde. Ganz zu schweigen natürlich von Ricardo Rodriguez' senstionellem Auftritt als Alberto del Rio für Arme (im wahrsten Sinne des Wortes) und Kharmas gelungenem Comeback. Dies waren echte Rumble-Momente, an die man auch noch in ein paar Jahren mit einem Lächeln auf dem Gesicht zurück denken wird. Doch der Rest? Eher nicht! Klar, auch der Sockenkrieg von Santino und Mick Foley hatte einen gewissen Charme, doch er stand für das, was einen großen Teil des Matches charakterisierte: es war lächerlich. Jerry Lawler und Michael Cole im Rumble, das Comeback von The Great Khali und Jey Uso sowie David Otunga als Lückenbüßer unter den letzten Sechs - war das wirklich nötig? Doch dann kam endlich Chris Jericho, der Mann, der für den PPV das Ende der Welt versprochen hatte. Jetzt musste die Veranstaltung doch endlich gut werden. Und wer sollte danach noch kommen, an Nummer 30? Der Undertaker, ein Rückkehrer, irgendeine ganz große Nummer? Ja, aber nur im physischen Sinne: es wurde The Big Show, der nach dem Opener seinen zweiten Auftritt hatte und mal eben das Momentum der bis dahin überragend agierenden Miz und Cody Rhodes auf einen Streich zerstörte. Dolph Ziggler? Flog gleich hinterher! Und was wurde aus Y2Js großem Abend? Er musste sich als letzter geschlagen geben, im Zweikampf mit Sheamus. Der angekündigte Knall blieb aus, wieso auch immer. Sieger: Sheamus.

Reihenfolge des Ausscheidens (Entrance-Nummer in Klammern)

1. Alex Riley (2), 2. R-Truth (3), 3. Primo (6), 4. Justin Gabriel (5), 5. Ricardo Rodriguez (8), 6. Epico (10), 7. Santino Marella (9), 8. Mick Foley (7), 9. Jerry Lawler (12), 10. Jinder Mahal (14), 11. Ezekiel Jackson (13), 12. Hacksaw Jim Duggan (19), 13. Booker T (17), 14. The Great Khali (15), 15. Michael Cole (20), 16. Hunico (16), 17. Kharma (21), 18. Kofi Kingston (11), 19. Road Dogg (23), 20. Jey Uso (24), 21. Wade Barrett (26), 22. David Otunga (27), 23. Cody Rhodes (4), 24. Jack Swagger (25), 25. The Miz (1), 26. Dolph Ziggler (18), 27. Big Show (30), 28. Randy Orton (28), 29. Chris Jericho (29)

Fazit

Ein Zitat von Rumble-Starter The Miz fasst es wohl am Besten zusammen: "Really? REALLY? REALLY?! REALLY!?!" Das war's also, das war die große 25. Jubiläumsausgabe? Der Royal Rumble - das bedeutet jedes Jahr aufs Neue den Auftakt zur Road to WrestleMania. Hier werden die Fehden für die Zukunft gestartet oder bereits laufende auf die nächste Ebene gehievt. Kommende Stars werden geboren, Legenden gefeiert und verdammt nochmal, es wird vor allem Unterhaltung pur geboten. Doch dieses Jahr war der Big-Four-PPV vor allem eines: eine bitterböse Enttäuschung, bei der keine der großen Erwartungen, die aus dem teilweise starken Aufbau erwachsen waren, erfüllt wurde. Keines der drei vorab angekündigten regulären Matches verkam zum Stinker, doch besonders heraus stach eben auch keines. Der Opener fiel relativ kurz aus und verlief erwartungsgemäß. Cena vs. Kane endete mit einem immer etwas enttäuschenden Double Countout, wobei das in diesem Fall die absolut richtige Entscheidung war, um die Fehde voranzutreiben, ohne einen der Männer zu schwächen. Das WWE-Championship-Match war wrestlerisch sicherlich das Beste, nur kann man bei den Beteiligten eben auch noch deutlich mehr erwarten. Über die beiden Lückenbüßer hüllen wir lieber den Mantel des Schweigens, da sie komplett unnötig waren - selbst das Dark Match zwischen Yoshi Tatsu und Heath Slater dürfte prickelnder gewesen sein. Was den Rumble selbst angeht, so vergab man - von einigen wenigen, bereits beschriebenen Ausnahmen abgesehen - die Chance, einen Moment für die Ewigkeit zu schaffen. Möglicherweise bekommt die Jericho-Storyline bei RAW ja noch die Kurve, aber trotzdem: wo war bitte der Sinn? Dass Chris große Ankündigungen machte und sie dann nicht einhalten konnte? Was haben sein vorheriges Schweigen und Nicht-Wrestlen im Tag-Match mit Punk und Bryan rückblickend für einen Sinn gehabt? Er wirkte wie der alte Jericho, als habe sich gar nichts geändert - nur, dass durch die groß angelegte Storyline Erwartungen geschürt wurden. Auch der Sieg von Sheamus hinterlässt in erster Linie Fragezeichen. Gegen wen soll er bei WrestleMania antreten, gegen Daniel Bryan? Da wäre auch bei SmackDown definitiv ein prickelnderes Matchup denkbar. Viel war möglich beim Rumble, aber erfüllt wurde kaum eine Erwartung. Bleibt abzuwarten, ob die kommenden Wochen die ein oder andere Booking-Entscheidung noch rausreißen können.

Seite 2: Der komplette Royal Rumble im Ticker

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