WWE Gimmick Effekt

Hulk Hogans Fingerzeig in den Abgrund

Von Walandi Tsantiridis
Montag, 04.07.2011 | 14:26 Uhr
Scott Hall und Eric Bischoff: Dem kometenhaften Aufstieg folgte das große Missverständnis
© Getty

Mit der nWo erreichte die WCW den größten geschäftlichen Erfolg der Unternehmensgeschichte. Verzweiflung, Missverständnisse und Fehlentscheidungen ließen jedoch die einst erfolgreiche Gruppierung in der Bedeutungslosigkeit verschwinden.

Teil 1: Die Geburt der new World order

Hulk Hogan und Kevin Nash - die Anführer zweier verhasster nWo-Fraktionen - umkreisen sich wie wilde Löwen vor 40.000 gespannten Fans im ausverkauften Georgia Dome in Atlanta. Der Kommentator Tony Schiavone spricht beinahe prophetische Worte: "Hierum geht es bei der WCW." Nash schubst Hogan in die Ringecke. Dieser drückt Nash den Zeigefinger auf die Brust, der, wie vom Blitz getroffen, zu Boden geht. Der Ringrichter zählt den anschließenden Pin. Der Fingerpoke of Doom nimmt seinen zweifelhaften Platz in der Geschichte ein.

Das Entscheidende geschah jedoch vorher, als bei der Konkurrenz Mankind zum ersten Mal in seiner Karriere den WWE-Champion-Titel gegen The Rock errang. Was hat dessen Titelgewinn mit dem Hogan-Nash-Schauspiel zu tun? Die Antwort: Sehr vieles. Wie in der Vergangenheit verriet Kommentator Schiavone das Ergebnis von RAW, woraufhin jedoch diesmal ein Großteil der Zuschauer unmittelbar zur Konkurrenz umschaltete.

Mit ihrem einstigen Erfolgsrezept konnte die WCW die Fans mittlerweile nicht mehr zum Einschalten bewegen. Längst hatte die WWE im Konkurrenzkampf mit der WCW die Nase vorne. Die Invasion der Outsiders und die Wandlung des Hulksters zum Bösewicht Hollywood Hogan brachten der WCW zwar neue Zuschauerschichten, doch die WWE erhöhte das Niveau ihrer Shows und das Ansehen des Wrestlings im Allgemeinen. Plötzlich war es angesagt, Wrestling-Fan zu sein. Auschlaggebend für den Boom war jedoch ein unvergleichbarer Tiefpunkt - der "Montreal Screwjob".

Hogans Ego verursacht den entscheidenden Wendepunkt

Ein Jahr nach einer 20-jährigen Vertragsverlängerung mit Bret Hart wurde WWE-Boss Vince McMahon das finanzielle Ausmaß seines Angebots bewusst. Aus dem Lieblingsziehsohn wurde ein Risikofaktor. Der Konkurrenz wollte McMahon jedoch nicht seinen amtierenden WWE-Champion überlassen. Bret Hart wiegte sich in Sicherheit, da er McMahon als seinen persönlichen Förderer und zweiten Vater ansah. Dieser Vater nahm dem Kind aber seinen geliebten Gürtel in einem Komplott mit dessen Erzrivalen Shawn Michaels und Earl Hebner und schickte ihn zum bösen WCW-Onkel Eric.

Dieser entschied sich, ein ähnliches Szenario bei WCW Starrcade zu stricken: Die Storyline zwischen Sting und Hogan wurde erfolgreich über 1997 hinweg aufgebaut. Wie in jeder Geschichte wurde der Sieg des guten Stingers erwartet. Hogan pochte jedoch auf seinen vertraglich zugesicherten kreativen Einfluss, um nicht gegen Sting zu unterliegen. Die Kontroverse, in der Hogan schlussendlich seinen Titel verlor, bewirkte den entscheidenden Wendepunkt in der erfolgreichen nWo-Saga. Hogan besiegte Sting eindeutig im Ring, weil der Ringrichter Nick Patrick entgegen der Absprachen Sting nicht zu schnell auszählte. Trotzdem wurde das Match fortgesetzt, und Sting der Sieg zugesprochen. Hogans Ego hatte gewonnen. Er stand als Opferlamm da.

Das Unternehmen wollte jedoch die Storyline partout nicht enden lassen. Einerseits war die nWo ihre Cash Cow, andererseits war Eric Bischoff unfähig, andere Ideen zu entwickeln. Bereits vorher verwässerte das nWo-Konzept: Im Hintergrund rissen sich Wrestler um eine Position in der Gruppierung, da man auf der Siegerseite stand und regelmäßige TV-Auftritte sicher hatte.

Kurzerhand weitete Bischoff die Gruppierung in zwei Fraktion aus - das nWo Wolfpac mit dem Anführer Kevin Nash und Hogans nWo Hollywood. Auch dies geschah eher im Affekt als durch eine langfristige Planung. Ebenfalls eher zufällig entwickelte sich der Neuling Goldberg vom Experiment zum uneingeschränkten Publikumsmagneten. Der Gewinn des WCW-Champion-Titels gegen Hogan ließ ihn trotzdem nicht an dessen Ego vorbeiziehen. Hollywood dominierte weiterhin die TV-Shows und holte sich diesmal schlagkräftige Hilfe.

Rodman, Malone und Leno aus purer Verzweiflung

Nach NBA-Star Dennis Rodman, der bereits 1995 und 1997 bei der WCW auftrat, holte man im Sommer 1998 auch sein Gegenüber aus den NBA-Finals, Karl Malone. An der Seite von Diamond Dallas Page traf der Spieler der Utah Jazz auf Rodman und Hogan. Rodmans Arbeitseinstellung ließ jedoch zu wünschen übrig, um bei einer Nitro-Show aufzutreten, schwänzte er eine Trainingseinheit bei den Chicago Bulls. Am Tag des Matches war er einige Stunden zuvor unauffindbar.

Einen Monat später wurde der US-Talkshow-Gastgeber Jay Leno für ein Match bei Road Wild verpflichtet. Nachdem Bischoff im Vorfeld dieses Matches bei Nitro alle Witze aus Lenos Monolog inklusive sexueller Anspielungen auf die Bill-Clinton-Monica-Lewinski-Affäre nacherzählte, wurden strengere Auflagen für die WCW-Shows von Time Warner ausgelegt.

Ein geplantes TV-Special, bei dem Dennis Rodman und seine Ehefrau Carmen Electra im Ring ihre Scheidung verkünden sollten, wurde von Time Warner nicht abgesegnet. Um die zusätzlichen Produktionskosten der neuen Live-Show Thursday Thunder durch Werbeeinnahmen zu decken, verlängerte Bischoff Nitro um eine Stunde auf drei Stunden wöchentlich.

Weitere Verzweiflungstaten gefällig? Hulk Hogan genügte es nicht, nur die WCW zu beherrschen. Jetzt sollte die ganze Welt her - oder zumindest die USA. Also verkündete er in nWo-Tracht im Ring seine offizielle Kandidatur als US-Präsident. Nicht zufällig, kurz nachdem sein Intimfeind Ex-Wrestler Jesse Ventura zum Governeur von Minnesota gewählt worden war. In all diesem Tohuwabohu musste Eric Bischoff seinen Hut als WCW-Präsident nehmen.

Nash beendet Goldbergs Siegesserie

Als neu-installierter Hauptverantwortlicher der Shows machte sich Kevin Nash persönlich zu demjenigen, der den bis dato ungeschlagenen Goldberg besiegen sollte. Anstelle des Rückmatches fand einige Tage später der Fingerpoke of Doom statt. Unter dem neuen Führungsregime von Vince Russo und Ed Ferrara verpuffte eine weitere Neuauflage der nWo.

Nach dem Kauf der WCW durch die WWE schickte Vince McMahon die einstige Konkurrenz selbst ins Rennen. Hogan, Hall und Nash hatten jedoch ihre Durchschlagskraft verloren. Alleine Hogan überstrahlte bei Wrestlemania X-8 sogar Gegner The Rock und wurde folgerichtig als Publikumsliebling gefeiert. Die nWo wurde bis zu ihrem endgültigen Aus im Sommer 2002 mit einigen neuen Gesichtern, wie X-Pac, Big Show, Booker T und Shawn Michaels durchgeschleift.

Aber warum waren die Auswirkungen des Fingerpoke of Doom so enorm für die WCW? Die nWo-interne Fehde hatte die WCW komplett ausgebrannt. Alle bekannten Namen schlossen sich im Verlauf der einen oder anderen Fraktion an. Die einzige Konstante auf WCW-Seiten war Diamond Dallas Page, der als Prügelknabe herhalten musste. Wenn ein neues Opfer benötigt wurde, bediente man sich im eigenen Stall. Der Giant wurde zwei Mal in seiner Karriere aus der nWo geworfen, bis er Anfang 1999 entnervt zur WWE wechselte. Als alle Stricke rissen, wurde Hogans alter Ring-Intimus Ric Flair reaktiviert.

Die nWo verlief sich trotz allem im Sand. Hogan und Nash verteidigen weiterhin vehement den Fingerpoke of Doom damit, dass sich Fans bis heute an diesen Abend erinnern. Dasselbe gilt aber auch für die Titanic, die, wie die WCW zwei Jahre später, unterging. Nicht an einem Eisberg, aber an Hogans Zeigefinger.

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