Tennis

Kerber-Gegnerin Sloane Stephens ist die größte Sphinx

Von Jörg Allmeroth
Sloane Stephens spielt wieder gegen Anastasija Sevastova
© getty

Sloane Stephens gilt als sprunghaft und unberechenbar. Bei den WTA-Finals in Singapur ist die US-Open-Siegerin von 2017 noch ohne Niederlage. Am Freitag wartet im abschließenden Gruppenspiel Angelique Kerber auf Stephens.

In der rätselhaften Welt des Frauentennis ist sie die größte Sphinx, die unergründliche Sloane Stephens. Auf der Höhe ihrer Spielkunst besticht sie durch das perfekte Gefühl für Raum und Zeit und Schlag, doch an ihren schwachen Tagen wirkt die US Open-Königin des Jahres 2017 schnell wie eine aufreizende Provokateurin - lustlos, untermotiviert, grantig.

Und so stellt sich vor dem letzten, alles entscheidenden WM-Gruppenspieltag am Freitag in Singapur die Frage, auf welche Stephens die Wimbledonsiegerin Angelique Kerber (30) treffen wird - auf die gute Stephens, die in blendender Verfassung alles und jeden in Grund und Boden spielen kann.

Oder auf die schlechte, matte Stephens, die ohne Vorwarnung und ganz plötzlich nicht mal mehr die einfachsten Bälle übers Netz platziert, mit nur dem allernötigsten Engagement.

Der Grand-Slam-Tunnel: Kerber will auftreten wie in Wimbledon

"Ich schaue nur auf mich. Und ich weiß, dass ich mein Glück selbst in der Hand habe", sagt Kerber vor dem prickelnden Duell mit der unwägbaren Amerikanerin (25), das über die Qualifikation fürs Halbfinale entscheidet.

Es ist ein Satz, den Kerber in diesem Sommer auch oft in Wimbledon sagte, bei ihrem großartigsten Turnier überhaupt. Bei einem Triumphzug, der wie eine Mission erschien - vor allem, weil sich Kerber um nichts scherte, was außerhalb ihres eigenen Grand Slam-Tunnels passierte.

Kerber kümmerte sich nicht um den Druck, um die Erwartungen und Hoffnungen von draußen, sie kümmerte sich auch nicht mehr um die immer hochkarätigeren Gegnerinnen, zuletzt sogar Serena Williams im Finale. Sie kümmerte sich nur um die Entwicklung und Klasse ihres eigenen Spiels, und das alles endete mit dem wertvollsten aller Triumphe in der weiten Welt des Spitzentennis. "Wenn Kerber mit dieser Haltung, mit dieser Attitüde spielt, ist sie nur schwer aufzuhalten", sagt Kim Clijsters, die dieser Tage als WM-Botschafterin auch in Südostasien weilt.

Stephens vs "Angie": Ikone Evert erwartet ein faszinierendes Duell

Natürlich hat vor dem Ultimo-Tag der Gruppenspiele das große Rechnen begonnen, das Kalkulieren, was passieren muss für das Vorrücken der vier Konkurrentinnen ins Halbfinale. Das Verrückte ist: Alle aus dem Quartett in der Roten Gruppe können sich noch qualifizieren, und alle vier können auch noch scheitern. Aber das Einfache und Naheliegende für Kerber ist: Gewinnt sie die Schlüsselpartie gegen Stephens in zwei Sätzen, ist sie in allen mathematischen Modellen in der Vorschlussrunde.

"Es gilt, die optimale Mischung aus Angriff und Kontrolle zu finden", sagt Kerber. Aber übermäßiges Taktieren ist auch nicht erlaubt, sie muss möglichst klar gewinnen. Notfalls auch in drei Sätzen, ohne dabei allzu viele Spiele abzugeben. "Angie kann dabei ihre ganze Erfahrung aus vielen Jahren an der Spitze in die Waagschale werfen", sagt TV-Expertin Chris Evert, einst selbst die führende Frau im Welttennis, "es wird ein faszinierendes Duell werden."

"Jedes Spiel ist wie ein Finale - das ist der Reiz"

Gegen eine Rivalin, die in den letzten knapp zwei Jahren eine Berg- und Talfahrt hinlegte, die selbst für die launische Damentennis-Branche außergewöhnlich dramatisch war. Vor ihrem US-Open-Triumph schien Stephens fast schon abgeschrieben zu sein, schwere Verletzungen und hartnäckige Formkrisen hatten sie weit zurückgeworfen, bis in die Zweite und Dritte Liga ihres Sports. Anfang August 2017 stand sie noch auf Platz 917 der Weltrangliste, nur um dann einen Monat später zur "Queen of New York" aufzusteigen, zur Grand Slam-Championesse.

Und um dann wieder in den Abgrund zu fallen: Geschlagene 151 Tage blieb sie nach dem Märchen im Big Apple ohne jeden Sieg, sie schien wieder in der Versenkung zu verschwinden nach dem Moment des Ruhms. Aber es folgte der nächste Ausschlag nach oben, gekrönt mit dem Finaleinzug bei den French Open. Nun ist sie sogar erstmals bei den WTA-Finals dabei, gilt nach zwei Auftaktsiegen sogar als gar nicht mehr klammheimliche Favoritin - und könnte doch mit einer Niederlage gegen Kerber jäh scheitern. "Jedes Spiel hier ist wie ein Finale. Das ist der Reiz", sagt Stephens, die Weltranglisten-Sechste.

Die Bilanz spricht mit 4:1-Siegen für Stephens

Kerber, die sich am Mittwoch schwer zum Drei-Satz-Erfolg gegen Naomi Osaka durchkämpfte, hat nicht allzu nette Erinnerungen an die letzten Matches gegen Stephens, im Frühjahr verlor sie in Miami haushoch in zwei Sätzen. Ihr einziger Sieg in fünf Vergleichen in Indian Wells liegt schon mehr als sechs Jahre zurück.

Aber auf großer Bühne, in einem Alles oder Nichts-Match von höchster Bedeutung, sind sich die beiden Stars noch nie begegnet. "Eins ist klar: Ich muss mein bestes Tennis spielen", sagt Kerber, "und ich muss wieder ans Limit gehen."

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