Tennis

Wie Sabine Lisicki um ihr Comeback auf der großen Bühne kämpft

Von Jörg Allmeroth
Sabine Lisicki
© getty

Sabine Lisicki hat ein erneut schwieriges Tennis-Jahr mit einigen Erfolgserlebnissen beendet. Im Blickpunkt hat die ehemalige Wimbledonfinalistin aber bereits die neue Saison.

Auf dem Centre Court der "OEC Open" im fernen Taipeh war in der letzten Woche alles so wie früher, jedenfalls vordergründig, auf den allerersten Blick. Elisabeth und Richard Lisicki saßen in den Zuschauerrängen, als ihre Tochter Sabine um Punkte, Spiele, Sätze und Matchgewinne spielte. Es ging um Erwartungen, Hoffnungen, Träume, auch um die Angst einer Enttäuschung. Es ist ein Szenario, das die Familie seit vielen Jahren kennt, seit jenen Tagen, als die Lisickis allesamt daran bastelten, den Wunsch nach einer großen Tenniskarriere Wirklichkeit werden zu lassen.

Vater Richard sagt: "Wir sind alle große Kämpfer"

Der Kreislauf zwischen Fortschritt und Rückschritt, zwischen Auf- und Abstieg, zwischen Freude und Frustration hörte nie wirklich auf. Aber eins hörte auch nie auf bei den Lisickis, ein Charaktermal, das Vater Richard, der promovierte Sportwissenschaftler, mit durchaus gewolltem Pathos so beschreibt: "Wir sind alle große Kämpfer. Wir geben niemals auf", sagt er, "und das gilt ganz besonders für Sabine."

Manche werden sich kaum noch erinnern können. Aber Lisicki spielte einmal in jener Liga mit, in der heute Cracks wie Angelique Kerber oder Alexander Zverev spielen - in der Champions League. 2013 dominierte Lisicki die globalen Tennis-Schlagzeilen in zwei Sommerwochen in Wimbledon, sie war Everybody´s Darling, der Liebling selbst der britischen Presse und des britischen Publikums, so wie einst ein ganz Großer: Boris Becker.

Der adelnde Spitzname war da nicht fern, "Bum-Bum-Bine" wurde Lisicki getauft, es hatte auch mit der Furchtlosigkeit und Kühnheit zu tun, mit der sie - gleichzeitig lächelnd - ihre Grand Slam-Aufgaben anging. Aber selbstverständlich auch mit ihren "Hammer-Aufschlägen" (The Daily Mail), die ins Feld ihrer Gegnerinnen knallten. Das Ganze hatte nur einen wesentlichen Schönheitsfehler, genau genommen sogar zwei: Erstens verlor Lisicki schließlich das Endspiel als klare Wettfavoritin gegen die Französin Marion Bartoli.

Und zweitens war das nicht der Anfang, sondern erst einmal das vorläufige Ende ihres Aufstiegs. Das Wimbledon-Erfolgsteam mit Trainer Wim Fissette brach damals schnell auseinander, und dann folgte eine Serie teils selbstverschuldeter, teils unglücklicher Irrungen und Wirrungen, die Lisicki wieder in die zweite bis dritte Reihe zurückschleuderten.

Lisicki musste sich viel Kritik anhören

Es gab Probleme mit neuen Übungsleitern, es gab private Themen wie die gescheiterte Beziehung zum Möchtegern-Spaßmacher Oliver Pocher, die an die Öffentlichkeit gezerrt wurden. Und es gab immer und immer wieder Verletzungspech, das regelmäßige Trainings- und Arbeitseinsätze auf der Tour verhinderte. Andere zogen derweil vorbei an Lisicki, strichen große Titel ein, kletterten in der Weltrangliste empor: Angelique Kerber, klar, die dreimalige Grand Slam-Siegerin. Oder auch Julia Görges, die ebenfalls in die Top Ten vorstieß.

Viel hat Lisicki in den letzten Jahren zu hören bekommen, von den üblichen Szenebeobachtern, vom großen Internet-Schwarm, auch von Presse, Funk und Fernsehen - und manches davon war sicher auch richtig zu einer bestimmten Zeit: Vor ein paar Jahren, um ihr Wimbledon-Highlight herum, machte Lisicki insgesamt zu wenig aus ihren Möglichkeiten. Sie verlor schlicht zu viele Spiele, die sie hätte gewinnen sollen und müssen.

"Ich will noch etwas erreichen im Tennis"

Allerdings bekam das Frauentennis in jener Zeit, in der Lisicki sich dann mit immer neuen Verletzungsproblemen herum schlug, ein völlig neues Gesicht, die Matches gewannen an Intensität, sie wurden auch immer länger, physisch immer herausfordernder. Wer verletzt war und den Anschluss verloren hatte, bekam auf einmal enorme Probleme, wieder auf den Zug aufzuspringen. Auch eine Spielerin wie Andrea Petkovic konnte davon ein Lied singen.

Lisicki gab nie auf, selbst nicht in den dunkelsten Momenten. Sie ist in der Weltrangliste abgerutscht, aber sie will sich und der Tenniswelt und manchen ihrer Kritiker entschlossen beweisen, dass noch nicht alles vorbei ist - dass sie ihre Zukunft noch nicht hinter sich hat. "Ich bin immer eine große Kämpferin gewesen", sagt sie, "das gehört einfach zu mir, dieser Kampfgeist. Ich will noch etwas erreichen im Tennis."

Rittner glaubt weiter an Lisicki - "Stehaufmännchen"-Mentalität

Während die Topspielerinnen zuletzt schon alle in den Urlaub abgerauscht waren, ging für Lisicki das Jahr 2018 deshalb auch noch mal in die Verlängerung - allein wegen des Ziels, sich noch in den Qualifikationswettbewerb für die Australian Open 2019 zu bugsieren. Sie trat in Poitiers in Frankreich an, danach im indischen Mumbai - ohne durchschlagenden Erfolg. Aber dann endete das Jahr mit einer versöhnlichen Note, mit dem Endspieleinzug in Taipeh, bei einem ziemlich gutbesetzten Wettbewerb.

In der Weltrangliste sprang Lisicki zurück auf Platz 202, sie kann auch beim Bewerbungsrennen in Melbourne mitspielen, alles in allem ein finaler Achtungserfolg, nicht mehr, aber auch nicht weniger. "Wenn sie sich körperlich im Griff hat, kann man immer mit ihr rechnen", sagt Barbara Rittner, die Damenchefin des Deutschen Tennis Bund, die stets den Kontakt zu ihrer einstigen Vorzeigeschülerin aufrecht erhielt, "ich glaube weiter an Sabine." Lisicki sei Teil einer Generation von Spielerinnen mit einer "Stehaufmännchen"-Mentalität, so Rittner.

Erst Erholung, dann Vorbereitung in Florida

Am Donnerstag, nach kurzer Stippvisite in Berlin, flogen die Lisickis hinüber nach Florida, ins wohlvertraute Camp von Trainerlegende Nick Bollettieri in Bradenton. "Erholung, dann Vorbereitung", stehe auf dem Plan, teilte Vater Lisicki mit, der wieder als Trainer in Diensten der Tochter steht: "Sabine hat so ein großes Herz für ihren Sport. Ich wünsche ihr, dass sie wieder etwas Großes schafft. Sie hätte es verdient."

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