Tennis

Fed Cup: Barbara Rittner im Interview: "Beim Austausch mit Boris habe ich Gänsehaut"

Von Ulrike Weinrich
Dienstag, 17.04.2018 | 10:20 Uhr
Barbara Rittner
© Jürgen Hasenkopf

Barbara Rittner, Head of Women's Tennis im DTB, hat sich viel Zeit genommen für das Exklusiv-Interview mit tennisnet.com in Stuttgart. Auch ihre Hündin Rone lauscht andächtig, als die 44-Jährige über das anstehende Fed-Cup-Halbfinale (Sa., ab 12 Uhr LIVE auf DAZN), den Finaltraum im Hinterkopf, Gänsehaut-Momente mit Boris Becker und den Status Quo des deutschen Tennis-Nachwuchses im weltweiten Vergleich spricht.

Von Ulrike Weinrich aus Stuttgart

tennisnet: "Das Fed-Cup-Halbfinale steht an. Auf dem Papier ist Tschechien der leichte Favorit - auch für Sie?"

Rittner: "Ich sehe uns durch den Heimvorteil vielleicht sogar einen Tick vorne. Ich hoffe, dass die Zuschauer das kleine Quäntchen ausmachen, das möglicherweise entscheidend ist. Sie können die Spielerinnen tragen und zu Höchstleistungen verhelfen. Das ist dann die geballte Energie. Kerber, Görges, Pliskova und Kvitova - das sind für mich vier Top-Ten-Spielerinnen. Ich denke, da ist jedes einzelne Match offen. Die Tagesform wird entscheidend sein."

Das Finale geistert schon durch Rittners Kopf: "Das ist ein Traum!"

tennisnet: "In einem möglichen Finale hätte die deutsche Mannschaft mit dem neuen Teamchef Jens Gerlach wieder Heimrecht. Geistert ein solches Endspiel bereits durch Ihren Kopf?"

Rittner: "Ja, das muss ich schon zugeben. Das ist schon ein absoluter Traum! Das hätte schon einen besonderen Reiz. Diese Generation um Kerber, Görges & Co., die es so verdient hätte, könnte sich mit dem Titel krönen. Das würden wir ordentlich feiern. Aber erstmal gilt die volle Konzentration dem Halbfinale."

tennisnet: "Sie werden erstmals bei einem Heimspiel nicht mehr als Teamchefin auf der Bank sitzen, sondern in Ihrer neuen Funktion als Head of Women's Tennis in der Box. Wie sind Sie mit dieser neuen Rolle beim überraschenden Viertelfinalerfolg in Minsk zurechtgekommen?"

Rittner: "Das war ungewohnt, aber auch irgendwie angenehm. Man kann sich besser mit dem Rest des Betreuerteams austauschen, Emotionen rauslassen oder sich einfach besprechen. Wenn man auf der Bank sitzt, hat man eigentlich auch den schlechtesten Blick auf den Court. Von etwas weiter hinten sieht man einfach besser. Ich musste auch lernen, Jens das Vertrauen entgegenzubringen, ihm diese Chance zu geben, die Sache auch emotional zu übernehmen. Mir ist es wichtig, dass ich trotzdem nah dranbleibe und den etablierten Spielerinnen das Gefühl gebe: Ich bin weiterhin präsent im Hintergrund. Gleichzeitig muss ich auch loslassen..."

"Durch meinen Rückzug übernehmen die Spielerinnen mehr Eigenverantwortung"

tennisnet: "Wie schwer fällt Ihnen das?"

Rittner: "Es wird jetzt sicherlich noch einen Tick schwieriger, weil ich diese Atmosphäre, dieses 'Auf-den-Platz-gehen' geliebt habe in Stuttgart. Wenn Jens sagen würde, willst Du es noch dieses eine Mal machen, dann würde ich wahrscheinlich sagen: Ja. Aber ich denke auch, dass die etablierten Spielerinnen durch meinen Rückzug von der Bank mehr Eigenverantwortung übernehmen und in schwierigen Situationen noch mehr wachsen. Ich freue mich darauf, diese Situation zu spüren, zu erleben."

tennisnet: "Wie unterstützen Sie Jens Gerlach seit seiner Inthronisierung?"

Rittner: "Ich halte immer sehr engen Kontakt zu ihm. Auch um meine Erfahrungen aus den letzten 13 Jahren weiterzugeben. Ich habe wirklich ein gutes Gefühl mit Jens. Das Halbfinale ist natürlich noch einmal ein besonderer Fed Cup für ihn, so eine Art Feuertaufe. Im Februar in Weißrussland war es zwar schwieriger ohne unsere Topleute Angie Kerber und Jule Görges, aber auch einfacher und unkomplizierter mit den Spielerinnen, die nichts zu verlieren hatten. Und die sich einfach gefreut haben zu spielen."

Rittner ist überzeugt: "Der Name Becker wiegt unglaublich schwer"

tennisnet: "Ihr männliches Pendant ist als Head of Men's Tennis Boris Becker. Spüren Sie, dass die anderen Nationen diese Doppelspitze wahrnehmen?"

Rittner: "Ich glaube, dass wir da sehr genau beäugt werden. Einige haben bei mir nachgefragt. Der Name Becker wiegt unglaublich schwer, weil er auch so eine Lust auf den Job hat. Egal, wo man mit ihm hingeht, Boris hat überall eine einhundertprozentige Anerkennung."

tennisnet: "Wie klappt die Zusammenarbeit mit ihm?"

Rittner: "Da kann mich jeder drum beneiden. Ich war schon sehr neugierig, wie offen Boris mit der Situation umgeht. Weil er einfach als ehemaliger Topstar auch spielerisch aus einer ganz anderen Liga kommt als ich. Ich habe permanent Gänsehaut, wenn ich mich mit ihm über Dinge wie Stresssituationen auf dem Platz austausche. Er besitzt so eine Leidenschaft für diesen Sport, das ist großartig. Ich habe wirklich das Gefühl, dass er mich respektiert, für die Dinge, die ich getan und geleistet habe in den letzten Jahren. Auch wenn ich als Spielerin nur in den Top 30 stand."

Fürs Feedback: Coach Benjamin Ebrahimzadeh war beim Nachwuchs-Lehrgang dabei

tennisnet: "Wie unterscheidet sich Ihr jetziger Alltag von dem als Fed-Cup-Chefin?"

Rittner: "Es hat sich für mich persönlich nicht viel verändert, weil ich schon immer diese Gesamtplanung des deutschen Tennis - bis runter zu den 'unter 12-Jährigen' - übernommen habe. Was seit letztem Jahr anders ist: Wir haben in Dirk Dier und Jasmin Wöhr zwei fest angestellte Bundestrainer, für deren Einteilung ich zuständig bin. Dann haben wir auf Honorarbasis noch Ute Strakerjahn - auch für Lehrgänge. Sie arbeitet nebenbei auch mit Nachwuchsspielerin Katharina Gerlach. Ich mache viel in Richtung Planung und tausche mich eng mit DFB-Vizepräsident Dirk Hordorff und -Sportdirektor Klaus Eberhardt aus."

tennisnet: "Beim jüngsten Lehrgang des Porsche Junior und Porsche Talent Teams im Bundesstützpunkt in Stuttgart-Stammheim war auch Benny Ebrahimzadeh vor Ort, der bis vor kurzem noch in leitender Funktion in der Akademie von Patrick Mouratoglou in der Nähe von Nizza arbeitete. Warum?"

Rittner: "Ich habe Benny zum Lehrgang gebeten, um einen internationalen Vergleich zu ziehen. Ich wollte von ihm ein Feedback: Wie sind unsere Mädels im Vergleich zu den Besten, die bei Mouratoglou trainieren. Benny meinte, wir hätten ein paar Rohdiamanten dabei. Jetzt gilt es, diese bestmöglichst zu unterstützen. Auch in Sachen Schule. Die meisten wollen Abitur machen. Das ist ein Spagat, da könnnen wir auch finanziell helfen, aber auch durch Man- und Womanpower. Zum Beispiel mit Blick auf die Betreuung der Eltern. Viele wissen gar nicht, was es heißt, wenn die Tochter Tennisprofi wird."

Rittner hofft, dass die "goldene Generation" den "tollen Talenten" noch Zeit gibt

tennisnet: "Wo steht der deutsche Nachwuchs im internationalen Vergleich?"

Rittner: "Wir hatten eine goldene Generation mit Kerber, Görges, Petkovic und Lisicki. Ich hoffe einfach, dass diese Generation den Nachkommenden noch etwas Zeit gibt. Angie und Jule zum Beispiel können noch drei, vier Jahre spielen, sie sind fit. Damit könnte die Lücke geschlossen werden. Wir haben dann noch Spielerinnen wie Carina Witthöft oder Antonia Lottner, die im Fed Cup in Minsk ihr Können hat aufblitzen lassen. Danach kommt allerdings eine kleine Lücke, der Jahrgang 2000/2001 ist sehr dünn besetzt. Die Kleinen, die jetzt so 15, 16 Jahre alt sind, haben indes ein gutes Potenzial. Auf diese setzen wir perspektivisch, das sind tolle Talente."

tennisnet: "Auf was gucken Sie, wenn Sie Talente sichten?"

Rittner: "Die Elf- und Zwölfjährigen, die wir sehen, spielen ja schon eine Weile. Am meisten gucke ich, wie das Umfeld ist, wie sie aufgestellt sind und welche Mentalität sie haben - können sie beispielweise über eine Grenze gehen? Hören sie auf, wenn es weh tut? Wie reagieren sie, wenn sie müde sind? Wie sehr können sie beißen? Sind sie mit Leidenschaft dabei? Lieben sie dieses Tennisspiel an sich, oder werden sie von außen gedrängt?"

Wenn eine immer Ausreden sucht - "dann ist das kein Champion", meint Rittner

tennisnet: "Wenn eine nicht beißen kann, inwieweit kann man das noch korrigieren?"

Rittner: "Wenn eine Spielerin immer einen Ausweg sucht, dann steckt das so drin, dann ist das kein Champion. Man muss schon auch Dreck essen können, wie wir sagen. Auch mal mit Muskelkater, im müden Stadium, ein gutes Training abliefern und einfach mit dem Herzen dabei sein. Da gab es schon Momente, in denen ich den Eltern gesagt habe: 'Ich habe nicht das Gefühl, dass ihre Tochter das so richtig will. Sie möchten es vielleicht mehr als sie'."

tennisnet: "Angie Kerber hat schon als Jugendspielerin in einen Fragebogen geschrieben, dass sie die Nummer eins der Welt werden wolle. Unterstützen Sie bei Nachwuchsspielerinnen derartige persönliche Ziele?"

Rittner: "Ja. Ich glaube, ich selbst habe den Fehler gemacht, dass ich mich als Profi sehr früh gedeckelt habe. Ich habe nie gesagt, dass ich in die Top 10 möchte. Natürlich sollte es ein realistisches Ziel sein. Angie hat es allen gezeigt, wie es geht, sie ist Nummer eins der Welt geworden. Es gehen unheimlich viele Türen auf mit dem Erfolg, mit dem Erwachsenwerden, mit dem hart an sich arbeiten."

Rittner als Beraterin: "Lass' sie vor dem Abitur doch mal ein Jahr nur Tennis spielen"

tennisnet: "Raten Sie Ihrem Nachwuchs, Abitur zu machen?"

Rittner: "Generell ist es schon wichtig, einen Schulabschluss zu haben. Gerade die Fern-Schule Mannheim ist sehr kooperativ. Ich tue mich generell schwer, jemandem zu raten, von der Schule abzugehen. Aber es gibt welche, die so gut sind, dass ich den Eltern sage: 'Lass sie vor dem Abitur doch mal ein Jahr nur Tennis spielen'. Und dann gucken wir, wo das hinführt..."

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