Boris Becker: "Heim- und Auswärtsspiele gehören zum Davis Cup"

Von Jörg Allmeroth
Donnerstag, 05.04.2018 | 11:40 Uhr
Boris Becker
© getty
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Wenn es nach ITF-Präsident David Haggerty geht, dann gibt es das alles schon im nächsten Jahr nicht mehr: Eine Stierkampfarena, in einen Centre Court verwandelt. Ein Heimspiel in Valencia vor leidenschaftlichem Publikum für Spanien, ein Auswärtsspiel als mächtige, aber auch prickelnde Bewährungsprobe für Deutschland. Boris Becker, Head of Men's Tennis im DTB, ist für eine Reform, aber will keine Radikalkur.

Das Duell in Valencia (ab Freitag, 11.30 Uhr live auf DAZN) hat das Potenzial, auch den abgebrühtesten Profis in Erinnerung bleiben zu dürfen. Es könnte sogar eine ganze Tennis-Karriere prägen und verändern. Aber Haggerty, der Chef des Tennis-Weltverbandes ITF, will den Davis Cup abschaffen.

"World Cup of Nations" statt Davis Cup ?

Ende Februar hat der Amerikaner seine Pläne bekanntgegeben, irgendwo auf der Welt künftig ein einwöchiges Turnier auszutragen, bei dem ein Team dann den "World Cup of Nations" gewinnen könne. Den Davis Cup hat Haggerty dabei zwar auch immer wieder namentlich erwähnt, aber bei seiner angedachten Reform, bei diesem Großreinemachen, würde nichts davon übrig bleiben. Denn es gäbe nichts mehr, was den Davis Cup bisher faszinierend macht - vor allem keine Heim- oder Auswärtsspiele mehr.

Es gäbe ab 2019 eigentlich für alle, außer den Gastgebern des World Cup, nur noch Matches auf neutralem Boden. "Ein seelenloses Ding", wie Australiens früherer Tennisheld Lleyton Hewitt kürzlich sagte. Er, der Hauptdarsteller vieler emotionaler Nationenduelle, gehört zu den schärfsten Kritikern dieser Pläne, obwohl sein eigener Tennisverband wieder einmal zu den Mitinitiatoren zählt.

Kohlmann schwant Übles: Matches vor leeren Rängen

Auch die Deutschen sind in Frontalopposition zur Verwandlung des Davis Cup in ein beliebiges Kommerzprodukt, das sich nicht wesentlich von Schaukämpfen mit solchem Format unterscheidet. Teamchef Michael Kohlmann schaute sich dieser Tage nur einmal demonstrativ in der Stierkampfarena von Valencia um und fragte dann: "Und darauf wollen wir verzichten?" Dann sagte er, bei dem World Cup-Projekt der ITF würde sein Team vermutlich dann auf einem abgelegenen Nebenplatz gegen Belgien spielen, "vor ein paar hundert Zuschauern."

Mit welchem Team einer wie Kohlmann dann überhaupt antreten könnte, wäre zudem ungewiss: Schließlich soll das Turnier ganz am Ende einer überlangen Saison stattfinden, nach der ATP-Weltmeisterschaft in London. "Wahnsinn und Unsinn" hat das der ehemalige französische Davis Cup-Sieger Paul-Henri Mathieu genannt.

Boris Becker: "Heim- und Auswärtsspiele, die will ich nicht missen"

Auch Boris Becker hat sich in die Debatte eingeschaltet, der Herren-Abteilungsleiter des DTB. Auch er will, was viele in der Szene für vernünftig halten: Eine Reform des Davis Cup, aber keinen Radikalschnitt, keine De Facto-Abschaffung des Wettbewerbs. "Heim- und Auswärtsspiele gehören zum Kern des Davis Cup. Die will ich nicht missen", sagte der Mann, der wie nur wenige andere die Faszination dieses Wettbewerbs auf dem Centre Court vorgelebt haben.

Auch Becker wies auf das einmalige Ambiente gerade der kommenden Partie zwischen Spaniern und Deutschen hin: "Das vergisst du als Spieler nie. Das ist einzigartig als Erlebnis, als Ereignis." Er könne sich gut vorstellen, den Davis Cup an zwei Tagen auszutragen, wie den Fed Cup der Frauen, so Becker, außerdem könne man über zwei Gewinnsätze in den Matches nachdenken.

Oft ist in den letzten Wochen die Abwesenheit der großen Stars im Davis Cup beklagt worden. Dabei haben Stars wie Federer, Nadal, Djokovic oder Murray weit öfter für ihr Land gespielt als in Erinnerung geblieben ist. Dass sie nun in den Spätphasen ihrer Karrieren andere Ziele und Strategien verfolgen, ist klar, auch deshalb, weil sie zunehmend mit körperlichen Verschleisserscheinungen zu kämpfen haben.

Beim Thema Davis Cup geht es nicht mehr um Nadal & Co.

"Es geht hier um eine ganz andere Generation von Spielern", sagt etwa der DTB-Vizepräsident Dirk Hordorff, "um Spieler, die den Davis Cup noch nie gewonnen haben. Die darauf brennen, für ihr Land anzutreten und Matches wie das in Spanien miterleben dürfen." Sicher, auch einer wie Hordorff freut sich, dass Nadal im spanischen Team auftaucht, aber es ist in diesem Fall eine glückliche Verkettung, eine Gelegenheit, das persönliche Verletzungs-Comeback mit diesem Match einzuleiten.

Nadal muss im Davis Cup nichts mehr gewinnen und niemandem etwas beweisen, er hat schon zu vier spanischen Pokalerfolgen beigetragen, gewann bereits 2004 die Trophäe, als 18-jähriger Newcomer.

Was die nächsten Monate im Welttennis bringen werden, ist ungewiss. Es kann sein, dass Haggertys Projekt erst gar nicht ins Laufen kommt. Denn die Spielergewerkschaft ATP plant in scharfer Konkurrenz nun für den Saisonanfang eine Neuerweckung des ehedem in Düsseldorf friedlich entschlafenen World Team Cup - mutmaßlich an mehreren australischen Standorten.

Der Weg könnte frei werden für eine Davis-Cup-Reform

Bringt die ATP-Spitze ihr Vorhaben unter Dach und Fach, wären die ITF-Pläne wohl erledigt - und mit ihnen Haggerty, der Boss. Denn zwei fast identische Wettbewerbe, zum Jahresende und dann gleich wieder zum Jahresanfang, will in Wahrheit niemand in der Tenniswelt, selbst nicht die kommerzgetriebensten Marktteilnehmer.

Der Weg könnte dann doch noch frei sein für eine moderate Produkterneuerung des Davis Cup, mit dem klaren Ziel, Spiele wie das in der Stierkampfarena zu Valencia zu erhalten. Als Tennis-Kulturgut sozusagen.

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