DTB-Vizepräsident Dirk Hordorff kritisiert ITF-Boss David Haggerty

Eine große Chance vertan

Von Dirk Hordorff
Dienstag, 08.08.2017 | 14:21 Uhr
Dirk Hordorff
© Jürgen Hasenkopf
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Dirk Hordorff, Vizepräsident DTB für Spitzensport, Ausbildung und Training, übt harsche Kritik an ITF-Präsident David Haggerty. Der Chef des Tennis-Weltverbandes habe mit seinen Reformversuchen für den Davis- und Fed Cup einen Scherbenhaufen hinterlassen.

Von Dirk Hordorff

Wer nach der Wahl von David Haggerty gehofft hatte, dass die Eiszeit zwischen der ITF und den Profispielern vorbei sein könnte und das neue Board mit mutigen Reformen neue Impulse für den Davis- und Fed Cup setzen werde, sieht sich schwer getäuscht. Stattdessen gilt es eher, den Scherbenhaufen wegzukehren, den David Haggerty für die ITF in nur zwei Jahren aufgehäuft hat.

Die Summe der Fehler, das fortwährende ungeschickte Agieren und immer groteskere Vorschläge haben Haggerty schlimme Niederlagen selbst bei vielen seiner Anhänger beschert.

Dabei hätte es so einfach werden können. Die Spieler hatten ihm die Hand gereicht, hatten selbst vernünftige Vorschläge für den Davis Cup eingereicht. Aber die Ignoranz und fehlendes wirtschaftliches Verständnis haben die ITF in eine Sackgasse geführt. Falsche Freunde mit Eigeninteressen als Berater zu haben, war noch nie von Vorteil. In diesem Zusammenhang ist die Schnapsidee eines gemeinsamen neutralen Finals im Davis Cup und Halbfinale und Finale im Fed Cup in Genf zu betrachten.

Hier ging es um die Stimmen des mächtigen Strippenziehers aus der Schweiz, Rene Stammbach, nicht um die Interessen der Spieler oder auch der Fans. Aber das Kalkül ging nicht auf. Denn gegen die Spieler kann kein Event zum Erfolg werden. Und das haben schließlich auch die eigenen Board-Mitglieder der ITF erkannt und die Notbremse gezogen. So wurde die Genf-Idee schon vor dem ITF-Meeting mit blumigen Worten aus dem Verkehr gezogen.

Pleiten, Pech und Pannen

Und dann auch noch der GAU schlechthin: Best-of-3-Modus anstatt Best-of-5 im Davis Cup, so wollte David Haggerty sich bei den Spielern beliebt machen. Grundsätzlich eine gute Idee, aber es wurde eine weitere Episode in der Pleiten, Pech und Pannen-Geschichte des Amerikaners. Warum bekam er keine Mehrheit dafür? Weil der Vorschlag nicht zu Ende gedacht war. Ein echter Anfängerfehler jedenfalls.

Wer Tennis ein bisschen versteht, der sollte sich denken können, was die Fans erwarten. Und das ist nicht, für eine teure Eintrittskarte eventuell ein relevantes Match von vielleicht 91 Minuten zu sehen zu bekommen. Und dann nach Hause geschickt zu werden. Wer Tennis nach vorne bringen will, der muss etwas weiter und insbesondere weitsichtiger denken. Denn etwas ist noch wichtiger als die Meinung von einzelnen Spielern. Die Akzeptanz der Tennis-Fans, und derer, die man als Tennis-Fans neu dazu gewinnen möchte. Häppchen-Tennis ist jedenfalls kontraproduktiv.

Viel besser wäre es, dem Vorschlag des Spieler-Council der ATP zu folgen. Die Profis haben schon nach den US Open 2016 einen Brief an David Haggerty geschickt. Und klare und vernünftige Vorschläge gemacht. Dieses Gesprächsangebot hätte die ITF wahrnehmen müssen. Aber der Brief ist noch nicht einmal allen Board Mitgliedern zugängig gemacht worden. So zerstört man Chancen, so wird man nicht erfolgreich die Beteiligten zusammenbringen. Wie gesagt, so vergibt man große Chancen.

Totalschaden aufräumen

Wie einfach wäre es gewesen, den Davis Cup nach dem gleichen Format wie den Fed Cup zu spielen. An zwei Tagen, mit Best-of-3, mit dem Doppel am Ende. Zumindest wäre So gesichert, dass jede Begegnung jeden Tag am Anfang noch nicht entschieden ist. Das hätte der DTB auch unterstützt und mitgetragen.

Jetzt gilt es erstmal, den von David Haggerty verursachten Totalschaden aufzuräumen. Und mit vernünftigen Köpfen in der ITF eine Neuorganisation und Wiederbelebung der Team-Wettbewerbe anzugehen. Es wäre zu traurig, wenn die ITF ihre Premium Events weiter selber zerstört. Der DTB hat die vernünftigen Vorschläge auf der letzten Generalversammlung unterstützt. Weniger Aufbauzeiten, weniger Verpflichtungen im Beiprogramm. Und er wird auch weiterhin bereit sein, aktiv an sinnvollen Reformen für den Davis und Fed Cup mitzuarbeiten.

Und es gibt Lösungen, die von Spielern und Fans bestimmt unterstützt würden. Und wenn die Spieler dann begeistert mit von der Partie sind, dann sind auch die Fans dabei - und dann wird das Ganze ein Erfolg. Auch für die Kasse der ITF. Denn darum ging es die ganze Zeit. Wie kann man mehr Geld verdienen? Wenn man etwas Gespür für den Markt, für das Tennis-Business hat, dann sollte man vielleicht auch die Erkenntnis haben, dass ein gutes Produkt Geld bringt, aber mit Mogelpackungen man auf Dauer keinen Erfolg hat.

Was gäbe es für Möglichkeiten einer vernünftigen Davis-Cup-Reform?

Wenn man den Davis Cup als Premium Event sieht, wenn man ihn mit einer Weltmeisterschaft der Mannschaften gleichsetzen will, dann muss man sich mal in anderen Sportarten anschauen, wie die erfolgreich ihre Weltmeisterschaften vermarkten. Und dann kommen wir zu einer Hauptforderung der Spieler. Der Davis Cup sollte nicht jedes Jahr stattfinden. Und nicht in den olympischen Jahren.

Zur Zeit findet das Finale jedes Jahr im November statt, und der Titelträger ist eventuell Anfang Februar schon wieder ausgeschieden. Warum nicht den Davis Cup entweder alle zwei Jahre spielen oder über drei Jahre, aber nicht mit vier, sondern mit drei Begegnungen im Jahr. Und dann hätte man auch eins der Hauptprobleme in der Vermarktung des Davis Cup gelöst. Man hätte einen überschaubaren, planbaren Zeitrahmen, um die Spielorte und die Sponsoren zu kontaktieren. Denn wie sieht es heute aus? Da lost man Mitte September die Begegnungen für die erste Februarwoche aus. Dann muss das jeweilige Gastgeberland erst mal eine Halle suchen, Sponsoren kontaktieren, Marketing entwerfen, und da dann auch noch die Weihnachtszeit dazwischen liegt, wird es knapp und extrem schwierig. Oft bleiben nur Notlösungen.

Man könnte zum Beispiel im Jahr eins in Vierergruppen spielen, nach klarem Organisationsschema. In Jahr zwei fänden dann die entsprechenden Rückspiele statt. Und im dritten Jahr die Finalspiele mit acht Teams und drei Spieltagen für die beiden Erstplatzierten der Gruppe. Und für die beiden Letztplazierten in der Weltgruppe die Abstiegsspiele mit den Aufstiegskandidaten. Auch in Vierergruppen, mit drei Spieltagen. Und im olympischen Jahr findet der Davis Cup nicht statt. Das ist für den Terminplan gut und notwendig.

Und so organisiert man auch den Unterbau, European, Asian und American Zone Groups, da gibt es schon intelligente Lösungen. Es führte zu weit, das alles auch noch alles darzustellen, außerdem sollte die ITF auch noch etwas haben, über das sie mal selber nachdenken kann.

Politik gegen die Spieler macht keinen Sinn

Klar ist: Mister Haggerty und die ITF müssen klar zur Kenntnis nehmen, dass ihnen die Spieler und Spielerinnen nicht gehören. Die verdienen Ihr Geld auf der ATP- und WTA-Tour. So wie die Fußballspieler ihr Geld in ihren Vereinen verdienen. Aber die Tennisprofis lieben den Davis Cup und den Fed Cup - und zwar dann, wenn er vernünftig organisiert ist. Da spielt Geld selten eine Rolle. Aber als Profis müssen Sie schon auf Ihre Gesundheit achten, auf Ihre Karriere. Das ist auch eine Verantwortung, die ein Berufsspieler hat.

Wenn die ITF und ihr Präsident Haggerty denkt, mit einem neutralen Finalevent könne sie mehr Geld verdienen, dann liegt sie völlig falsch. Die Spieler werden nicht dabei sein, sie haben eben das Gefühl, dass das alles auf ihrem Rücken ausgetragen wird. Auch die Fans werden da nicht mitziehen, für sie sind echte Heimspiele der besondere Reiz. Was bleibt da am Ende? Doch kein Geld für die ITF.

Der DTB hat mit seinen Spielern und Spielerinnen einen engen Kontakt. Ich habe mit keinem Spieler oder keiner Spielerin irgendwelche Diskussionen über Geld in Bezug auf Davis oder Fed Cup in all den Jahren geführt. Unsere Athleten haben sich immer zur Verfügung gestellt. Für Ihr Land. Und nicht für Geld. Und ich hoffe, dass ich noch viele Jahre diese tollen Teamevents in Deutschland verfolgen kann. Und das die ITF nicht weiter Chancen verpasst, sondern Chancen ergreift, zum Wohl aller Nationen, zum Wohl der Athleten und zum Wohl für unseren so schönen Tennissport.

Redaktionelle Bearbeitung: Jörg Allmeroth

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