Wenn der Angriffsball völlig gaga ist: Roger Federer erklärt Zittersieg

Mittwoch, 13.06.2018 | 19:17 Uhr
Roger Federer
© getty

Auftakt gemeistert, wenn auch knapp: Roger Federer erläuterte nach seinem Sieg über Mischa Zverev gut, warum erste Runden selbst für einen 20-fachen Major-Sieger kritisch sind.

Von Florian Goosmann aus Stuttgart

Da hatte er das Match gerade gedreht, und dann dieser Fehler. Roger Federer wusste ziemlich genau, was er getan hatte. 3:6, 4:2 stand's aus seiner Sicht, als er nach einem langen Schlag von Mischa Zverev den Ballwechsel abbrach und das Hawk-Eye bemühte - und die Sekunden zwischen Challenge und Bildschirmanzeige dauerten ewig.

Zverevs Ball war gut, Federer hatte es insgeheim die ganze Zeit gewusst, aber jetzt stand's offiziell 0:30; kurz darauf hatte Zverev das Rebreak geschafft, alles war wieder offen in Satz zwei und der Publikumsmagnet beim MercedesCup wieder nur wenige Punkte von einem erneut frühen Aus in Stuttgart entfernt.

Wie nah Glück und Unglück beieinander liegen, hatte Federer im ersten Satz schon gespürt. Der Schweizer begann stark, ließ bei eigenem Aufschlag nichts zu, erspielte sich vier Breakchancen - und scheiterte jeweils um Millimeter an der Linie, am Netz oder an einer großartigen Reaktion von Zverev. Im Gegenzug kam Zverev aus dem Nichts zu einem 0:40, kurz darauf war der Satz weg.

"Es war schwierig. Ich habe im ersten Satz einige Chancen verpasst, ein schlechtes Aufschlagspiel abgeliefert und er war im richtigen Moment da", wusste auch Federer. "Aber ich bin mega happy wieder auf der Tour zu sein." Und zu gewinnen? "Fühlt sich super an. Ich habe meine letzten beiden Spiele verloren, da ist's umso schöner."

"Einfach ruhig bleiben" geht nicht immer

3:6, 6:4, 6:2 hieß es also nach anderthalb Stunden, und das Ergebnis liest sich klarer als das Match war. Federer spielte einige schöne Punkte, traf jedoch auch viele Vorhände am Rahmen an diesem ungemütlichen, kalten und windigen Tag, der so gar nicht zu Rasentennis, dieser Kunstform des Tennis, eingeladen hatte.

Dem frühen Aus ist er von der Schippe gesprungen, nach den beiden Auftritten in den vergangenen Jahren, die - für Federer-Verhältnisse - zu früh zu Ende waren. "Klar kommen einem diese Gedanken in den Kopf. Das dritte Jahr, in dem es hier vielleicht nicht so läuft...", grübelte Federer in der Pressekonferenz. "Daher war ich froh um die Unterstützung vom Publikum. Gleichzeitig kreiert das Druck. Die Leute denken: Wenn wir ihn anfeuern, kommt er zurück, das ist ja Federer... Das ist nicht so einfach, Zverev hatte das Zepter in der Hand."

Die Schwierigkeit im Best-of-three-Modus, speziell auf Rasen, beschrieb Federer einleuchtend - denn "einfach ruhig bleiben", der so gern dahingeredete Tipp im Tennis, passt nicht immer. "Im Best-of-Five kann man sagen: Das ist ein Marathon. Hier ist es eher ein Sprint. Da ist's ganz okay, wenn man ein bisschen in Hektik ausbricht. Ruhig bleiben kann man, wenn man in Front liegt. Aber auch dann muss man immer weiter nach vorne spielen. Man muss immer Energie haben, denn auf Rasen zählt jeder Ballwechsel."

Roger Federer erklärt Tennis

Seinen Kaltstart nach 81 Tagen Turnierpause wollte Federer nicht zu hoch hängen. "Erste Runden sind immer anders. Man ist den Center Court noch noch nicht gewohnt, den Gegner, die Bälle, heute auch die Kälte nicht, mit Wind. Da muss man sich reinfinden." Drei gespielte Runden und sechs bis acht Sätze dauere es meist, bis man beginne, sich gut zu fühlen. "Daher spielen wir unser bestes Tennis eher zum Schluss eines Turniers."

Das Match gegen Zverev, insbesonders das vermaledeite Aufschlagspiel in Satz eins: ein gutes Beispiel für Federers Theorie. "Da kannst du ein Spiel verlieren und weißt nicht, warum. Vielleicht einmal die falsche Entscheidung auf den zweiten Aufschlag, zu langsam in die Vorhand serviert... Bei 0:30 kann ich nicht mehr befreit aufspielen, weil ich zu wenig gespielt habe in der Vergangenheit, und setze mich zu sehr unter Druck. Und bei 0:40 komme ich durch die Mitte mit der Vorhand ans Netz - das habe ich noch nie gemacht im Leben, aber ich wusste nicht, in welche Richtung ich spielen sollte. Einen Fehler wollte ich nicht machen, also dachte ich: Greif mal durch die Mitte an. Und dann mache ich einen blöden Vorhandvolley-Fehler, weil ich weiß, dass der Angriffsball völlig gaga war. So bezahlt man den Preis und kann das Match verlieren."

Oft seien es nur fünf blöde Punkte, "aber genau die können den Unterschied ausmachen." Generell habe er jedoch nach den guten Trainingseinheiten der vergangenen Wochen das Gefühl, schnell wieder reinzufinden. "Vielleicht ist das ein gesundes Selbstvertrauen, das ich habe." Aber auch Federer geht's manchmal wie allen Tennisspielern. "Zum Schluss ist man doch nie so locker, wie man sein will."

Erst mal weiter in Nike-Kleidung

Neues vom Ausrüster? Gibt's im Übrigen noch nicht. Federer spielte weder in Weiß, noch wie Simona Halep in Melbourne in selbstbestelltem Stoff. "Der Vertrag mit Nike ist seit März durch", sagte Federer. Man sei in Gesprächen, "ich habe schon viele Male in meiner Karriere durch Verhandlungen gespielt, das ist nichts Neues."

Dennoch hoffe er, dass sich bald etwas ergebe. Und solange er ohne Vertrag sei, geht's weiter mit dem Swoosh. "Sie waren ja ein guter Partner seit 20 Jahren."

Federer hat nun bis Freitag spielfrei, dann trifft er auf den Sieger zwischen Überraschungsmann Prajnesh Gunneswaran und Guido Pella.

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