Wien-Blog: Alexander Zverev und Co. zwischen Traumjob und Entbehrungen

Wien-Blog #4: Traumjob Tennisprofi?

Von Maximilian Kisanyik
Mittwoch, 25.10.2017 | 23:00 Uhr
Alexander Zverev in Wien
© GEPA

Beim ATP-Turnier in Wien gehen wir der Frage auf den Grund, ob Tennisprofi wirklich ein Traumjob ist - im täglichen Wien-Blog stellen wir euch Eindrücke aus der Wiener Stadthalle rund um das Turnier, die Stars und das Geschehen vor.

Aus der Wiener Stadthalle berichtet Maximilian Kisanyik

Widmen wir diese Ausgabe mal den jungen Wilden im Tenniszirkus. Es ist wohl kein Geheimnis, dass jeder Tennisspieler oder Tennisspielerin einmal den Gedanken hegte: "Ich wäre auch gerne Profi geworden." Aber ist dem wirklich so? Das Hobby zum Beruf gemacht zu haben ist nur ein Teil der Wahrheit. Nehmen wir einmal den deutschen Shootingstar Alexander Zverev. Mit seinen 20 Jahren agiert er cool und abgeklärt in der Öffentlichkeit und steht unter den besten zehn Tennisspielern der Welt. Nur was ist, wenn die Scheinwerfer ausgehen und der Alltag für den Hamburger beginnt? Da steht vor allem Verzicht an der Tagesordnung. Mal schnell ins Kino gehen, mit Freunden gemütlich das ein oder andere Bier zu trinken oder einfach mal faul zwei Tage im heimischen Bett zu verbringen - das geht eben nicht.

Schon in jungen Jahren beherrschen Fremdbestimmung und Verpflichtungen den Alltag der Youngster. Das bekommt man auch hier in Wien zu sehen. Andrey Rublev, Kyle Edmund und Co. werden abgeschottet, als würden sie nicht zur Allgemeinheit gehören. Das wirft das Star-Sein in ein etwas anderes Licht. Sich frei zu bewegen und einfach durch die Wiener Stadthalle zu flanieren scheint unmöglich für die Hoffnung der jeweiligen Nationen zu sein. Kreischende Fans und gezückte Smartphones warten auf die Spieler, bereit in die Privatsphäre ihres Lieblingsstars ohne Scham einzudringen. Sich ständig anfassen lassen zu müssen ist dabei noch das geringste Problem der jungen Idole.

Um Klarheit zu schaffen: Natürlich wird das ganze Gehabe um die "Young guns" mit einem ordentlichen Gehalt und einem luxuriösen Lebensstil beglichen. Sollte sich ein Thiem oder Zverev mit gerade einmal Anfang zwanzig zur Ruhe setzen, so würde der Verdienst bei einem normalen Lebensstandard locker bis ins hohe Alter reichen. Ja, Tennisprofi ist ein Traumjob - mit Entbehrungen, die nicht jeder akzeptieren würde. Natürlich sind Karrieren in anderen Sportarten - wie zum Beispiel Fußball - nicht weniger zu Gewichten.

Generationswechsel

Beim morgendlichen Training war der französische Shootingstar Lucas Pouille zu finden. Die Nummer 25 der Welt ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich 23-jährige Tennisprofis von gleichaltrigen "normalen" Menschen deutlich unterscheiden. So fokussiert und scheinbar ohne jugendlichen Leichtsinn sieht man nur wenige in seinem Alter agieren. Pouille ist eben Profi und das scheint er genau zu wissen.

Apropos jung und wild: Zum alten Eisen im "Circuit" gehören zwei Akteure des dritten Hauptrundentages. Philipp Kohlschreiber und Gilles Simon gehören der ATP Tour schon lange an und wussten mit tollen Ballwechseln die Zuschauer auf den Rängen zu verzücken. Erfahrung hat eben auch seinen Reiz! "Kohli" zeigt sich in der österreichischen Hauptstadt in toller Form und setzte sich gegen Pierre-Hugues Herbert durch. Zum Duell der Generationen kam es im Top-Spiel zwischen Simon und Zverev.

Unter Tennisfans wird immer wieder moniert, dass es keine echte Typen wie es früher einst Goran Ivanisevic, Boris Becker und Co. waren, mehr gibt. Dabei wird jedoch eins vergessen: Die Zeiten haben sich geändert und es ist um einiges schwieriger geworden, sich in der derzeitigen Medienlandschaft adäquat zu verhalten - vor allem als junger Profi. Eine extrovertierte Persönlichkeit, wie sie zum Beispiel ein Nick Kyrgios innehat, wird gleich als rüpelhaft und arrogant dargestellt. Dass die Spieler daher nur sehr wenig preisgeben und sich gerne einiger Floskeln bedienen, ist daher nur verständlich. So saß am vergangenen Dienstag ein gut gelaunter aber reservierter Dominic Thiem auf der Pressecouch, der auf jedes Wort, das über seine Lippen kam genau achtete.

Die Chance auf eine Identifikation mit den Spielern schwindet dahin. Das Selfie-Zeitalter ist schnelllebig und von Vorurteilen geprägt. Als Tennisprofi "einer von uns" zu werden ist ungemein schwierig und scheint nahezu unmöglich geworden zu sein. Darum tut es gut zu sehen, dass sich die Jungstars abseits der Kamera mit viel Spaß und befreit durchs Leben gehen. Tolles Beispiel: Vor der Pressekonferenz nach seinem Auftaktsieg verbrachte Thiem in den Katakomben der Wiener Stadthalle einige Minuten mit Fans, die an den Rollstuhl gefesselt sind. Das war nicht aufgesetzt und keine Pflichtverantstaltung. Der 23-Jährige gab sich einfach so, wie er ist. Und das ist gut so.

Das Einzel-Tableau in Wien

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