D.C.-Champ Alexander Zverev: "Ich hatte das Gefühl, dass nichts schieflaufen kann"

Von Jörg Allmeroth
Montag, 06.08.2018 | 12:15 Uhr
Alexander Zverev, Washington
© getty

Alexander Zverev hat seinen Titel beim ATP-Turnier in Washington verteidigt. Der Weltranglistendritte setzte sich im Finale souverän mit 6:2, 6:4 gegen den Australier Alex de Minaur durch und feierte einen äußerst hoffnungsvollen Start in die nordamerikanische Hartplatzsaison.

Ganz zum Schluss wäre Alexander Zverev fast noch gescheitert. Ein paar Mal setzte der junge Deutsche vergeblich an, um die mächtige Siegertrophäe des ATP-Turniers von Washington in die Höhe zu recken. Dann griff er noch einmal beherzt zu, stemmte die "Donald-Dell-Trophy" ächzend seitlich über die Schultern - und fertig war das gewünschte Gewinnermotiv für die Fotografenmeute, das Bild des strahlenden Centre Court-Wiederholungstäters aus Deutschland.

"Es war der ideale Start für die US-Turnierserie"

"Jetzt weiß ich, wofür ich meine Muskeln wirklich brauche", befand Zverev lächelnd. Vor dem allerletzten Kraftakt hatte ihn der finale Auftritt in Amerikas Hauptstadt wenig Mühe gekostet, gegen den Australier Alex de Minaur siegte der Weltranglisten-Dritte ungefährdet mit 6:2 und 6:4 in bloß 74 Minuten. "Ich habe mich einfach gut gefühlt auf dem Platz, die ganze Woche hier. Es war der ideale Start für die US-Turnierserie", sagte Zverev nach der geglückten Titelverteidigung.

Zverev bewies in Washington aufs Neue die Qualität, sich nach Rückschlägen und Enttäuschungen immer wieder aufzurappeln - und stärker zurück zu kommen. Vor gut vier Wochen hatte er Wimbledon nach einer grimmigen Drittrunden-Niederlage gegen den Qualifikanten Ernests Gulbis enttäuscht verlassen und sich in die Sommerferien verabschiedet. Sarkastisch hatte Zverev den Reportern zugerufen, er gehe nun "daheim in Monte Carlo aufs Boot", um dann noch einmal ausdrücklich zu betonen: "Hier, auf der Turnieranlage, werdet ihr mich nicht mehr sehen."

Paul Annacone lobt "Sascha": "Das war mehr als imponierend"

Doch wie im letzten Jahr, als er im All England Club unter seinen Möglichkeiten geblieben war, wischte Zverev auch nun in der US-Kapitale alle Bedenken weg, der Rückschlag könne nachhaltige Wirkung haben. "Wie er dieses schwierige Turnier von der ersten bis zur letzten Minute beherrscht hat, war mehr als imponierend", erklärte TV-Experte Paul Annacone, ehemals auch Coach von Supermann Pete Sampras und nun für den amerikanischen "Tennis Channel" im Einsatz.

Und in der Tat: Was Zverev oftmals schwereleicht aussehen ließ, seine fünf Siege vom Auftaktmatch gegen den Tunesier Malek Jaziri bis zum Finalerfolg gegen den 19-jährigen de Minaur, war eine teils harte Herausforderung und Geduldsübung. "Es war eine wirklich komplizierte Woche, aber ich hatte das Gefühl, dass für mich nichts schieflaufen kann", sagte Zverev, "wenn ich mich selbst mit dem Sieger Zverev vom letzten Jahr vergleiche, muss ich auch sagen: Ich spiele noch einmal deutlich besseres Tennis."

Doch was vor allem auffiel, waren Zverevs Professionalität und Reife in alles andere als einfachen Bedingungen: Ständige Regenpausen, immer neue Verzögerungen und Pausen, Matches bis in die frühen Morgenstunden - alles das meisterte der junge Champion mit einer geradezu irritierenden Selbstverständlichkeit.

Neunter ATP-Coup: Ein Ausrufezeichen!

Und auch im Familienduell behielt er kühlen Kopf: Auf dem Centre Court begegnete er dem älteren Bruder Mischa im Zweitrundenduell mit der Korrektheit des Tennis-Berufsspielers, ehe es nach dem Match wieder die emotionale brüderliche Umarmung gab. "Es waren Momente, die ich so schnell nicht vergess

Mit seinem neunten ATP-Titel, direkt aus der Sommerfrische heraus, hat Zverev auch ein erstes Ausrufezeichen für die US-Hartplatzserie gesetzt. Noch bis Anfang September kämpfen und schwitzen die Profis auf den Courts in Nordamerika, über Toronto und Cincinnati geht es schließlich zu den US Open in New York - dem letzten Grand Slam-Höhepunkt des Jahres.

Zverev hat in den letzten 52 Wochen die meisten Matches gewonnen

Bei Zverev stellt sich dabei erneut die Frage, ob er das Selbstbewusstsein aus dem regulären Tourgeschäft hinüber transportieren kann zu einem Major-Wettbewerb wie im Big Apple: Dort, wo noch schwierigere Bedingungen herrschen und die versammelte Weltklasse-Konkurrenz bei Best-of-Five-Matches wartet. "Eins ist auf jeden Fall klar", sagte Patrick McEnroe, der langjährige US-Davis Cup-Kapitän, "Zverev ist der Spieler aus der neuen Generation, der deutlich am weitesten ist in seiner Entwicklung. Und am ehesten die Chance auf einen großen Coup hat."

Statistisch wird das sowieso untermauert: Denn die Konstanz auf hohem Niveau, die der Hamburger seit Anfang 2017 beweist, rückt ihn automatisch in eine Ausnahmestellung in seiner Altersklasse. Zverev hat in den letzten 52 Wochen die meisten Matches aller ATP-Akteure gewonnen, 60 an der Zahl, er liegt damit vor dem Argentinier Juan Martin del Potro (59) und Matador Rafael Nadal (58).

Auch beim Masters in Kanada ist "Sascha" jetzt der Gejagte

In diesem Zeitraum gewannen nur die Titanen Federer (7) und Nadal (6) mehr Titel als der Deutsche. Auch die Frage, ob er nach seinem steilen Aufstieg in 2017 Probleme bekommen könnte, seinen elitären Status zu verteidigen, beantwortete Zverev entschlossen: Mit 41 Siegen in 2018 führt er auch die Jahreswertung an, vor seinem österreichischen Freund Dominic Thiem (38).

Nur Nadal hat seit Saisonstart mit vier Siegen noch einen Titel mehr als Zverev eingesammelt. Für Zverev heißt es schon an diesem Dienstag wieder: Alles auf Anfang. Dann muss er in Toronto, beim kanadischen Masters, an den Start. Wieder ist er der Gejagte, der Titelverteidiger. Der Mann, den es zu schlagen gilt. Alles nicht selbstverständlich für einen 21-Jährigen.

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