Tennis

Kohlschreiber-Coach Lars Uebel - "Djokovic ist ein gutes Spiegelbild"

Von Jens Huiber
Lars Uebel coacht in Kitzbühel Kohlschreiber und Hanfmann
© Jürgen Hasenkopf

Lars Uebel ist in Kitzbühel in doppelter Mission unterwegs: Er coacht neben Philipp Kohlschreiber auch Yannick Hanfmann, der sich nach zwei Zwei-Satz-Siegen für das Hauptfeld qualifiziert hat.

ennisnet: Herr Uebel. Ihr Schützling Yannick Hanfmann hat in der ersten Qualifikations-Runde in Kitzbühel einen jungen Brasilianer geschlagen Thiago Seyboth Wild, der sich als Junior einen guten Namen gemacht hat. Welches Potenzial hat der junge Mann?

Lars Uebel: Das ist von außen natürlich immer schwierig zu beurteilen. Ich habe Seyboth Wild in dieser Woche das erste Mal gesehen, und wir haben gestern zufällig mit ihm trainiert. Da war ich sehr positiv angetan von seinem Spiel. Er versucht, aktiv zu spielen. Wirkt sehr selbstbewusst. Aber er ist zu up and down in seinem Spiel. Mal spielt er drei Fehler, dann wieder drei gute Punkte oder Aufschläge. Da ist der Schritt zu den Männern noch zu groß. Er macht viele Sachen gut, aber die Konstanz fehlt noch.

tennisnet: Wie beurteilen Sie die augenblickliche Situation von Yannick Hanfmann?

Uebel: Es ist völlig in Ordnung, dass er hier Qualifikation spielt. Das spuckt die Rangliste nach zwölf Monaten eben aus. Für Yannick und für uns das überhaupt kein Problem. Er hat vor zwei Wochen ein sehr gutes Turnier in Braunschweig gespielt, hat sich in die ersten 100 gespielt, wo er nächste Woche wieder rausfallen wird, weil die Punkte von Gstaad 2017 wegfallen. Er wird sich ca. 130 einpendeln. Und wenn man uns das vor zwei Monaten gesagt hätte, dass wir nach Gstaad auf 130 stehen, hätte ich sofort ein Kürzel drunter gemacht. Und Yannick hat bis zum Ende des Jahres eine gute Position, um sich unter die ersten 100 zu spielen.

"Für Maxi Marterer war Hamburg schwierig"

tennisnet: Maximilian Marterer hat sich vor einem Jahr hierin Kitzbühel für das Hauptfeld qualifiziert, jetzt steht er Top 50. Bei den French Open sind Sie neben dessen Coach Michael Kohlmann in der Box gesessen, haben von "Maxi" über "Max" bis hin zu "Maximilian" in ihren Zurufen variiert. Können wir da auf verschiedene Eskalationsstufen schließen?

Uebel: Nein, so etwas kommt ganz spontan. Manchmal sagt man "Maximilian" und denkt sich: Oh, war das jetzt vielleicht zu hart? Das entsteht aber aus einer Emotion heraus. Und die Jungs kennen uns auch schon so lange, dass die schon einordnen können, wie wir so etwas meinen.

tennisnet: Wie schwierig war denn für Maximilian Marterer die Partie in Hamburg in der vergangenen Woche gegen Daniel Masur, den er sehr gut kennt?

Uebel: Maxi war großer Favorit. Und deshalb war es für Maxi auch das viel, viel schwierigere Match. Ich will die Leistung von Daniel überhaupt nicht mindern, er hat ein sehr gutes Turnier gespielt, was mich sehr für ihn freut. Denn Daniel legt täglich sehr viel Arbeit rein. Aber für Maxi war es eine schwierige Situation, weil wenn man sich so gut kennt wie die beiden, kommt eine Ranglisten-Position auch nicht so sehr zum Tragen, als wenn normalerweise die Nummer 300 gegen die Nummer 50 spielt. Maxi und Daniel trainieren oft miteinander, die kennen sich natürlich.

tennisnet: Was ist bei Maximilian Marterer besser geworden während des letzten Jahres?

Uebel: Dass er bei den Australian Open dritte Runde gespielt hat, hat ihm sicherlich Auftrieb gegeben. Und mit Verdasco hat er ja auch einen Top-Spieler geschlagen. Es gehört immer ein bisschen Glück dazu, das für Maxi in wichtigen Phasen auch gekommen ist. Und dieses Selbstverständnis zu sagen: Ich gehöre hier hin, und ich mache mir nicht vor jemanden in die Hose, der Top 30 steht. Und dann wird das Spiel, das ohnehin gut ist, immer besser. So hat Maxi seine Runden gewonnen. Und er wird auch wieder seine Runden verlieren. Das ist ein normaler Prozess.

"Die meisten Leute waren schon einmal in Kitzbühel"

tennisnet: Marterer ist aus Hamburg hierher nach Kitzbühel gekommen. Ist die Umstellung wirklich so enorm, wie manche Spieler sie darstellen?

Uebel: Ich war die letzten beiden Jahre nicht in Hamburg, sondern in Gstaad. Wenn man von dort kommt, ist es hier in Kitzbühel eigentlich ganz angenehm. Natürlich ist es hier schneller als etwa in München, wo wir eigentlich trainieren. Wenn man aus Hamburg kommt und mit anderen Bällen spielt, muss man sich natürlich umstellen. Das dauert schon zwei, drei Tage. Und die meisten Leute, die hier spielen, sind nicht zum erstmal hier.

tennisnet: Das Coaching ist allerdings nicht Ihre ureigenste Aufgabe ...

Uebel: Stimmt. Ich bin im Bayerischen Tennis Verband für den Profisport zuständig, das heißt den Aufbau von Strukturen. Dadurch, dass ich mit Philipp Kohlschreiber viel unterwegs war, war ich extrem gebunden. Auch wenn mir das Coachen riesigen Spaß macht. Aber einen Spieler, der 25 steht, und noch die anderen Profis zu betreuen, das ist logistisch ein sehr großer Aufwand. Ich war seit den BMW Open sechs Tage in München, da bleiben manche Dinge schon unerledigt.

tennisnet: Ein Wort noch zu Rudi Molleker.

Uebel: Rudi hat einen großen Schritt nach vorne gemacht. Er ist natürlich immer noch ein kleiner Vulkan. Man merkt, dass es aus ihm rauskommt. Man darf aber nicht vergessen, Rudi ist erst 17 Jahre alt. Und hat gezeigt,dass er auf diesem Level Matches gewinnen kann. Er hat in Stuttgart Jan-Lennard Struff geschlagen, jetzt in Hamburg David Ferrer. Wenn er es schafft, sich ein gutes Umfeld aufzubauen, dann geht das in die richtige Richtung.

"Federer hat das almost perfect Match gespielt"

tennisnet: Noch eine Frage zum ganz großen Tennis: War es für die Insider absehbar, dass Novak Djokovic so stark zurückkommt?

Uebel: Das erste Mal, als ich wieder gedacht habe: Wau!, das war im Training in Rom mit Juan Martin del Potro. Die beiden haben unglaublich gut gespielt, und da war mir schon klar, dass, wenn Novak so weitermacht, er auch wieder Matches gewinnen würde. Ich habe ein Interview von ihm gesehen, wo er gesagt hat, die Motivation war nicht bei 100 Prozent, und der Spaß am Wettkampf hätte auch etwas gefehlt. Und das ist ein gutes Spiegelbild für junge Spieler: dass selbst die Weltstars, wenn sie mental nicht voll da sind, es einfach nicht schaffen.

tennisnet: Was nicht nur für Djokovic gilt.

Uebel: Das sieht man auch an Stan Wawrinka, der Probleme hat, überhaupt Matches zu gewinnen. Der schlägt einen Dimitrov, verliert nächste Runde gegen Fabbiano. Das sind Kleinigkeiten, die im Herrentennis den Ausschlag geben. Über Roger Federer wird gesagt, er hätte schlecht gespielt in Wimbledon. Und dennoch hat er Matchball gehabt gegen Kevin Anderson, um mit 3:0-Sätzen zu gewinnen. Das sind alles Nuancen. Wenn er das zumacht, spricht man vom "almost perfect match".

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