Tennis

Novak Djokovic erfolglos als Jäger der verlorenen Schätze

Von Jörg Allmeroth
Novak Djokovic
© getty

Auf der Höhe seiner Karriere war er der einzige Spieler, der dem Matador der Sandplätze mehr als nur Gegenwehr bieten konnte. Novak Djokovic war sogar der Angstgegner von Rafael Nadal, er brachte den ungestümen Mallorquiner ins Zweifeln und in Bedrängnis. Doch der Serbe kommt einfach nicht heraus aus seiner Krise - und schied auch beim Masters in Madrid in der zweiten Runde aus.

Djokovic schlug Nadal. Nicht nur ein Mal. Sondern ein halbes Dutzend Mal. In Madrid, in Monte Carlo, in Rom, auch bei den French Open. Überall, wo es zählt in der Sandplatzsaison. Doch das scheint alles eine kleine Ewigkeit her zu sein. In jeder Beziehung. Nadal, der bullige Fighter, übt gerade wieder eine Schreckensherrschaft auf den Sandcourts aus, er eilt von Erfolg zu Erfolg. Gerade hat er 48 Sätze hintereinander auf Sand gewonnen, in keinem einzigen davon musste er auch nur in den Tiebreak.

Dem "Kannibalen" Nadal steht ein zahnloser "Djoker" gegenüber

Wie in der vergangenen Saison ist Nadal in einer Form und Verfassung, die ihm einst den unschmeichelhaften Spitznamen "Der Kannibale" eingebracht hat. Fakt ist: Nadal macht keine Gefangenen in der Asche-Serie, in den Frühlingsmonaten, wenn die Tenniskarawane quer durch Europa zieht.

Und Djokovic? Er macht niemandem Angst in diesen Tagen. Er hat am meisten mit sich selbst zu tun. Und mit der Frage, wie er wenigstens ein Stück des alten Glanzes zurückgewinnen kann. Djokovics wilde Achterbahnfahrt seit dem legendären French Open-Coup 2016 ist eine der spektakulärsten Geschichten des modernen Tennis, keiner der Superstars der Branche hat auch nur einen vergleichbaren Absturz aus höchsten Höhen erlebt.

Der Fortschritt von Djokovic? Wie eine Schnecke!

Djokovic war der Alleinherrscher im Tourbetrieb, er hatte alle vier Grand Slam-Titel in seinem Besitz. Aber nun ist er nur noch einer unter vielen. In Madrid, der aktuellen Station seiner Comeback-Mission, landete er in der ersten Runde einen Achtungserfolg gegen den Japaner Kei Nishikori, es war der erste Sieg gegen einen Top 20-Akteur nach der Rückkehr aus einer längeren Verletzungspause.

Doch nachhaltige Sicherheit und Selbstbewusstsein erwuchsen nicht aus diesem Erfolg: Schon in der zweiten Runde gegen den Engländer Kyle Edmund schied Djokovic aus. Später sagte er, er sei "glücklich über die Fortschritte", die er gemacht habe. Wobei: Der Fortschritt wäre dann eine Schnecke.

Die Setzung von "Nole" bei den French Open ist in Gefahr

Denn die ganz normalen Alltagsverhältnisse im Wanderzirkus werden für den langjährigen Weltranglisten-Ersten und zwölfmaligen Grand Slam-Gewinner nun zunehmend schwierig. Nach dem Masters in Madrid wird Djokovic auf Platz 18 zurückfallen. Doch die eigentliche Herausforderung wartet nun in der kommenden Woche in Rom auf den früheren Ausnahmechampion: Dort hat er die Punkte der vorjährigen Finalteilnahme (gegen Alexander Zverev) zu verteidigen.

Ein weiterer früher Knockout - und Djokovic würde auf eine Position jenseits der Top 30 rutschen. Das könnte ihn dann den angestammten Platz in der Setzliste der French Open kosten. Mit der Gefahr, dann in Runde eins einen der aktuellen Topnamen zugelost zu bekommen. Im schlimmsten Fall sogar: Rafael Nadal.

Altbewährte Wegbegleiter sind reaktiviert - aber Djokovic ist nicht der Alte

Djokovic hat zwar einen Großteil seiner alten Berater und Coaches reaktiviert, Leute wie Marijan Vajda oder den österreichischen Fitness- und Ernährungspapst Gebhard Gritsch. Aber er selbst ist nicht annähernd der Alte, noch hat diese Kehrtwende mit den zu Beginn der langen Krise Verstoßenen keine wirklich zählbaren Erfolge gebracht.

In der laufenden Saison stehen sechs Siegen eben sechs Niederlagen gegenüber. Es ist eine Bilanz für einen Spieler aus dem Mittelbau, dem Mittelstand der Tour, es ist eine Bilanz, die diese ganze komplizierte Rückkehranstrengung nicht gerade schwungvoll befördert. "Das Ego ist nicht sehr stark im Moment", sagt Djokovic, "es ist nicht leicht, diese Niederlagen hinzunehmen. Und die Ansprüche immer wieder zurückzuschrauben."

Im Moment sieht nichts nach einer Renaissance Djokovics aus

Djokovic hat seine alte Macht und seine Aura verloren. Er war auch einmal der hellsichtige Stratege, der kluge Chef des Unternehmens Djokovic und Co. Er machte wenig falsch, leistete sich keine gravierenden Fehler abseits des Courts. Doch dann traf er viele unverständliche Entscheidungen, neigte einem ominösen spanischen Psycho-Guru zu, überwarf sich mit dem später angeheuerten Berater Andre Agassi, kehrte zu früh nach der Verletzung zurück.

Im Moment sieht nichts nach einer Renaissance Djokovics aus, er wirkt abgehängt trotz aller frohen Botschaften, die er selbst hin und wieder verkündet. Es könnte sein, dass der einst weltbeste Spieler nie erfolgreich sein wird als Jäger der verlorenen Schätze.

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