Tennis

Michael Stich vermisst Varianz: "Man muss den Gegner aus der Komfortzone holen"

Michael Stich
© (c) Porsche

Michael Stich wird im Sommer dieses Jahres in die berühmte Tennis Hall of Fame in Newport aufgenommen - und hat im Zuge dieser Ehre ein hörenswertes Interview gegeben.

Michael Stich war schon immer für klare Worte bekannt - für Worte, deren Inhalte einiges Gewicht haben. Nach dreimaliger Nominierung wird er bald Teil der Tennis Hall of Fame sein, ein Platz, der in den USA ein deutlich höheres Ansehen genießt als in Deutschland, was auch Stich selbst erst im Laufe seiner Karriere bewusst geworden war.

Mit US-Tennisjournalist Jon Wertheim sprach Stich nun im Podcast Beyond the Baseline über sein Leben und die Tour - und natürlich auch über sein Verhältnis zu Boris Becker. "Als Spieler haben wir immer versucht uns zu schlagen und waren schon alleine aus diesem Grund nicht die besten Freunde", sagte Stich. "Wir hatten immer den höchsten Respekt voreinander, auch zu aktiven Zeiten." Mittlerweile telefoniere man ab und an, sehe sich ab und zu und habe überhaupt "eine sehr entspannte Beziehung". Aber: "Wir sind immer noch sehr unterschiedliche Menschen und Persönlichkeiten, jeder geht seinen Weg anders als der andere, und keiner ist besser als der andere." Viel Zeit zusammen verbringe man aber nach wie vor nicht.

Zeit verbringt Stich hingegen - neben seiner Tätigkeit als Hamburger Turnierdirektor - für seine Michael-Stich-Stiftung um Aufmerksamkeit für Aids. Das aktuelle Tennisgeschehen verfolgt er in gesundem Maße und vermisst, wie so viele, die Varianz und die verschiedenen Spielertypen. Heute ginge es nur noch darum, so hart wie möglich zu spielen, so viele Schläge von der Grundlinie anzubringen. "Die Kreativität fehlt", so Stich, der vor allem Grigor Dimitrov zutraut, dies zu ändern. "Er ist ein großartiger Spieler, aber ich würde es so gerne sehen, dass er kreativer spielt und die Waffen nutzt, die er hat."

Auch dem Mythos, dass auf dem mittlerweile langsameren Gras kein Serve-and-Volley mehr gespielt werden könne, widerspricht Stich. "Das glaube ich nicht. Es geht nicht nur um Power und Geschwindigkeit, sondern auch um geschickte Platzierung - und darum, den Belag zum eigenen Vorteil zu nutzen", weiß der Wimbledonchamp aus dem Jahr 1991. "Wenn ich nur mit Topspin in die Mitte spiele, springt der Ball meinetwegen höher ab. Wenn ich aber Chip-and-Charge spiele, mit dem Slice an die T-Linie, fordere ich meinen Gegner heraus. Er muss dann aus seiner Komfortzone kommen und von einer anderen Position aus spielen. (...) Ich habe noch keinen der Topspieler fünf Sätze lang Passierschläge spielen sehen."

Seine Spielplan sei immer variabel gewesen. "Wenn ich den ersten Satz mit 6:2 verloren und gemerkt habe, dass meine Taktik nicht aufgeht, versuche ich etwas anderes. Weil es egal ist, ob ich 6:2 oder 7:6 verliere. Solange ich verliere, ist es ein schlechtes Resultat. Also kann ich auch etwas anderes versuchen und schauen, ob ich gewinnen kann. Und wenn es nicht funktioniert, überlege ich mir fürs nächste Mal eine neue Taktik." Wenn man jedoch zurückschaue, als Spieler vor zehn, zwölf Jahren nach Spielen gegen Roger Federer vom Platz gegangen seien und gesagt hätten, dass es ein Vergnügen gewesen wäre, gegen Federer zu spielen, könne das nicht der Anspruch an einen Wettkampf sein. "Egal wie gut der Typ ist: Man muss Risiko eingehen, aus seiner Komfortzone kommen und etwas ausprobieren. Und wenn man verliert - okay. Dann macht man es nächstes Mal besser."

Das komplette Interview mit Stich - über die Hall of Fame, seine Enttäuschung über die Youngsters und den Grund, warum er kein guter Trainer für Rafael Nadal wäre - hört ihr hier!

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