Interview mit Tennis-Legende Mansour Bahrami

"Ich blieb sechs Jahre illegal in Frankreich"

Freitag, 10.11.2017 | 07:57 Uhr
Mansour Bahrami ist eine Tennis-Legende

Selbst mit 61 Jahren ist Mansour Bahrami noch in Showmatches rund um den Globus aktiv. Mit seinem Humor und seiner unnachahmlichen Art auf dem Court gehört der gebürtige Iraner zu den beliebtesten Tennisspielern überhaupt. Dass er überhaupt zum Schläger greifen und auf der Tour spielen konnte, war mit enormen Hindernissen verbunden. Mit SPOX und Tennisnet sprach Bahrami über Prügel im Iran, illegale Jahre in Frankreich und Schaukämpfe mit Franz Beckenbauer und Thomas Gottschalk.

SPOX/Tennisnet: Herr Bahrami, Sie haben die Geschichte schon oft erzählt, aber wir müssen damit beginnen, wie Sie Ihren allerersten Tennisschläger bekamen. Im Iran war eine Karriere als Tennisprofi für Sie eigentlich ausgeschlossen.

Mansour Bahrami: Mein Vater war Gärtner und hat in einem Stadion gearbeitet, deshalb konnte ich so ziemlich jeden Sport ausprobieren. Fußball, Volleyball, Boxen, Schwimmen - alles kein Problem. Aber Tennis war für die Reichen reserviert, ich durfte nicht spielen.

SPOX/Tennisnet: Deshalb waren Sie nur Balljunge. Aber gespielt haben Sie trotzdem.

Bahrami: Ja, ich habe den Ball mit allem geschlagen, was ich in die Finger bekam: Mit einem Besen, einer Kehrschaufel oder meiner flachen Hand gegen eine Mauer.

SPOX/Tennisnet: Und dann bekamen Sie Ihren ersten Schläger von einem Spieler im Teheran Racket Club.

Bahrami: Ich war zwölf Jahre alt, als er ihn mir schenkte. Ich war so glücklich, dass ich am nächsten Tag direkt auf den Platz gegangen bin. Es war ein heißer Sommertag, vielleicht 45 Grad, von den 13 Plätzen war kein einziger besetzt. Ich bin also mit einem anderen Jungen hin, aber er durfte spielen und ich nicht. Deshalb bin ich nachmittags wiedergekommen. Wir hatten noch keine Minute gespielt, da wurden wir von den Wachleuten umzingelt. Einer der Wachleute hat mich verprügelt und mich ein ums andere Mal zu Boden geschleudert. Als ich dann blutend da lag, nahm er meinen Schläger, trat auf ihn drauf und zerbrach ihn in zwei Stücke.

SPOX/Tennisnet: Wie kam es, dass Sie später schließlich doch Tennis spielten? Sogar für das iranische Davis-Cup-Team?

Bahrami: Es lag daran, dass die damaligen Davis-Cup-Spieler, darunter auch der, der mir den Schläger gegeben hatte, älter wurden. Der Verband brauchte also Nachwuchs. Und mich hatte man auf der Straße spielen sehen. Also kam man ein Jahr später zu mir und zwei oder drei anderen, die in der gleichen Situation waren, und sagte: "Ok, jetzt darfst du spielen und jederzeit die Courts benutzen. Hier sind zwei Schläger." Deshalb spielte ich - und war mit 15 Mitglied im Davis-Cup-Team.

SPOX/Tennisnet: Wie ging es weiter?

Bahrami: Mit 17 habe ich Qualifikationen für ATP-Turniere gespielt, ging bei Challengern an den Start und so weiter. Aber kurz vor meinem 21. Geburtstag musste ich aufhören, wegen der Iranischen Revolution. Plötzlich konnte ich das Land nicht mehr verlassen, weil die Grenzen geschlossen waren. Tennis wurde verboten, das neue Regime sagte: Das ist ein kapitalistischer, amerikanischer Sport, den wollen wir nicht. Über drei Jahre saß ich im Land fest und durfte nicht mehr spielen.

SPOX/Tennisnet: Eigentlich ein Todesstoß für Ihre Karriere.

Bahrami: Erst mit 24 kam ich irgendwie nach Frankreich. Dort blieb ich dann sechs Jahre - und zwar illegal. Ich hatte kein Visum und keine Papiere, also musste ich mich auch noch von der Polizei fernhalten. Ich habe sechs Jahre quasi nur die kleinen Turniere in Frankreich gespielt, weil ich nicht reisen konnte - ein Visum für andere Länder zu bekommen, war für mich fast unmöglich. Man kann sagen, dass ich von 20 bis 30, also in meinen besten Jahren, kein professionelles Tennis gespielt habe.

SPOX/Tennisnet: Das müssen extrem harte Jahre gewesen sein. Warum haben Sie nicht irgendwann einfach aufgegeben?

Bahrami: Schauen Sie, meine schwerste Zeit als Tennisspieler hatte ich im Alter von sieben bis zehn Jahren: Ich durfte alles ausprobieren, nur Tennis spielen durfte ich nicht. Alle wollten mich davon abhalten. Und das war am Ende der Grund. Ich sagte mir: "Sie wollen mich aufhalten, aber Tennis, das ist mein Sport! Ich will nur Tennis spielen." Wenn es von Anfang an leicht für mich gewesen wäre, dann wäre ich vielleicht Fußballer, Schwimmer oder sonstwas geworden. Ich wusste, dass es schwer werden wird, als ich den Iran verließ, aber ich bin nur weg, weil ich Tennis spielen wollte. Wäre ich kein Tennisspieler gewesen, hätte ich das Land nicht verlassen.

SPOX/Tennisnet: Und wie erging es Ihnen in diesen sechs Jahren in Frankreich?

Bahrami: Auch wenn ich nur die Turniere in Frankreich spielte, war das Niveau doch nicht zu verachten. Um zu gewinnen, musste man schließlich den vielleicht viert- oder fünftbesten Spieler des Landes schlagen, allesamt Profis. Auf ATP-Spieler bin ich dann drei oder viermal im Jahr getroffen, bei den French Open, in Monte Carlo, Nizza oder Bordeaux. Aber weil ich nur so wenige ATP-Turniere spielen konnte, hat das natürlich nicht für ein gutes Ranking ausgereicht. Erst 1986 bekam ich eine Aufenthaltsgenehmigung für zehn Jahre. So war es für mich einfacher, Visa für andere Länder zu bekommen, also spielte ich mehr ATP-Turniere. Und drei Jahre später bekam ich einen französischen Pass, danach war alles leichter.

SPOX/Tennisnet: Sie haben in Ihrer Karriere zwei ATP-Turniere gewonnen und waren 1987 die Nummer 31 der Welt. Im Doppel haben Sie sogar das Finale der French Open erreicht.

Bahrami: Und all das mit 30 oder älter. Davor durfte ich ja nicht wirklich auf der Tour spielen.

SPOX/Tennisnet: Nochmal: Sie haben in diesen zehn Jahren zuvor niemals daran gedacht, alles hinzuschmeißen?

Bahrami: Nein, niemals. Selbst jetzt macht es mich traurig, wenn ich daran denke, dass ich in ein paar Jahren aufhören muss. Mit dem Tennis aufzuhören, kam für mich nie in Frage. Deshalb spiele ich auch bis heute: Ich liebe den Sport und die Leute wollen mich spielen sehen. Ich kann mich glücklich schätzen, in dieser Position zu sein.

Seite 1: Mansour Bahrami über seine Karriere: Prügel im Iran, Verstecken in Frankreich

Seite 2: Mansour Bahrami über sein Talent als Comedian und Matches gegen Fußballspieler

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung
Werbung
Werbung