Traue keiner Statistik!

Dienstag, 06.06.2017 | 15:52 Uhr
© getty

Doppelfehler ist nicht gleich Doppelfehler und vergebener Breakball ist nicht gleich vergebener Breakball. Bei der Matchstatistik lohnt sich ein genauerer Blick auf die Zahlen.

Statistiken sind nicht mehr wegzudenken im Tennissport und haben bei der Spielanalyse immer mehr Bedeutung für Spieler, Trainer und auch Journalisten. Es gibt viele aussagekräftige Statistiken, die den Spielverlauf gut abbilden, es gibt aber auch Zahlen, die auf den ersten Blick aussagekräftig sind, auf dem zweiten Blick dann allerdings nicht. Warum? Weil Tennis wegen der Zählweise eine der komplexesten Sportarten ist. Immer wieder kommt es vor, dass ein Spieler mehr Punkte in einem Satz macht, diesen aber trotzdem nicht gewinnt oder weitaus mehr Punkte im Matchverlauf erringt, aber trotzdem nicht als Sieger vom Platz geht. Auch wenn man mehr Winner und weniger unerzwungene Fehler als sein Gegner geschlagen hat, bedeutet das nicht automatisch, dass man das Match gewonnen hat.

Auf der Suche nach Aussagekräftigkeit

Die Frage ist auch immer, ob es ein unerzwungener Fehler oder ein erzwungener Fehler ist. Die Entscheidung trifft derjenige, der für die Matchstatistik verantwortlich ist. Die Sichtweisen gehen hierbei sehr weit auseinander. Keinen Zweifel sollte hingegen bei der Frage nach den Winnern bestehen. Ein Ass bleibt ein Ass, ein Vorhand-Winner bleibt ein Vorhand-Winner. Es ist eine Statistik mit hoher Aussagekraft. Und wie sieht es mit Doppelfehlern aus? Kristina Mladenovic schlug im French-Open-Achtelfinale gegen Garbine Muguruza insgesamt 16 Doppelfehler und gewann doch recht komfortabel mit 6:1, 3:6, 6:3. Man müsste meinen, dass Mladenovic mit ihren 16 Doppelfehlern vier Spiele verschenkt hat. Doch keineswegs, hier sollte man auch genauer hinschauen. Die meisten Aufschlagspiele, in denen Mladenovic Doppelfehler schlug, hat sie auch gewonnen.

Wenn ich vier Doppelfehler in einem Aufschlagspiele schlage, dieses aber trotzdem durchbringe, fließen die Doppelfehler zwar in die Statistik ein, aber einen Einfluss auf den Spielverlauf haben die Doppelfehler nicht. Es ist eher ein Beleg dafür, dass ich der klar bessere Spieler bin, wenn der Ball im Spiel ist. Ob ich ein Aufschlagspiel ohne oder mit Doppelfehlern gewinne, letztendlich zählt nur, dass ich in meinem Aufschlagspiel den letzten Punkt gemacht habe. Anders sieht es aus, wenn ich nur vier Doppelfehler im Match geschlagen habe, diese jedoch jeweils bei Breakball gegen mich fabriziert habe. Dies hat eine viel größere Aussagekraft, es kann als Zeichen von Nervosität und einem schweren Arm bei Breakbällen gedeutet werden.

Die Crux bei Breakbällen

Apropos Breakbälle: Immer wieder wird die Chancenauswertung bei Breakbällen eingeblendet. Auch hier sollte man genauer hinschauen. Wenn ich vier Breakbälle habe, alle davon nutze und ein Match mit 6:2, 6:2 gewinne, sagt das viel aus, vor allem über meine Kaltschnäuzigkeit. Es gibt aber auch die anderen Fälle. Wenn bei einem Spieler bei der Chancenverwertung bei Breakbällen 2 von 16 steht, sieht das auf dem ersten Blick nicht besonders gut aus. Allerdings muss dies nicht zwangsläufig einen Einfluss auf den Spielverlauf haben. Ob ich gleich meine erste Breakchance in einem Aufschlagspiel nutze oder erst meine siebte, das Ergebnis ist letztendlich das gleiche: Ich habe ein Break geschafft.

Bitter ist es dann, wenn ich in einem Aufschlagspiel drei Breakbälle habe, in einem anderen vier und in einem weiteren fünf und trotzdem kein Break schaffe. Dann ist die Breakballstatistik sehr aussagekräftig, weil sie großen Einfluss auf den Spielverlauf hat. Es zeigt ganz deutlich, dass der eine Spieler ein Chancentod ist und/oder der andere Spieler extrem nervenstark ist. Statistiken gibt es im Tennis viele, vielleicht sollte man bei der Matchstatistik eine weitere einführen, die noch größere Aussagekraft hat als die Prozentzahl der genutzten/abgewehrten Breakbällen. Wie wäre es mit der Rubrik "Verlorene Spiele mit ungenutzten Breakbällen" und/oder "Gewonnene Spiele mit abgewehrten Breakbällen"?! Ansonsten befolgt die Devise: Traue keiner Statistik!

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