Tennis im TV: Kompetenz statt Quote

Sonntag, 25.06.2017 | 21:17 Uhr
Siegerehrung bei den Gerry Weber Open in Halle/Westfalen
© getty

Wie schon im Vorjahr berichtete das ZDF recht lieblos vom Rasenturnier in Halle/Westfalen.

"Mit dem Zweiten sieht man besser" heißt der Slogan des ZDF. Was Tennis angeht, ist dies allerdings meist eine Mogelpackung. Es ist zwar für das deutsche Tennis ganz nett, dass das Rasenturnier in Halle/Westfalen seit der Premiere im Jahr 1993 in jedem Jahr im ZDF ausgestrahlt wird (seit einigen Jahren wird das erste Halbfinale und das Finale live gezeigt), aber für den richtigen Tennisfan und den Tennisexperten, ist es immer wieder zum Kopfschütteln, was das ZDF seinen Zuschauern präsentiert - wegen der GEZ sind es streng genommen auch zahlende Zuschauer. Auch beim Finale zwischen Roger Federer und Alexander Zverev hat sich der Sender ein weiteres Mal nicht mit Ruhm bekleckert - wie schon im Vorjahr (hier zum Nachlesen!).

Wenig Farbe, wenig Emotionen

Einen besseren Finalrahmen hätte es für die 25. Auflage der Gerry Weber Open nicht geben können. Zverev, für viele Experten ein zukünftiger Grand-Slam-Sieger und eine potentielle Nummer eins, gegen Federer, Rekordsiegers des Turniers und der erfolgreichste Tennisspieler, den es bislang gab. Ein deutschsprachiges Finale bei einem deutschen Turnier. Viel mehr geht nicht. Wie lieblos das ZDF solch ein Traumfinale aufbereitet, ist zum Haare raufen.

Natürlich ist es nachvollziehbar, dass das ZDF vielen Zuschauern, die wenig oder keinerlei Erfahrung mit Tennis haben, den Sport immer noch erklären muss. Es ist auch richtig, dass ZDF-Kommentator Aris Donzelli auf fragende und besserwisserische Kommentare seiner Zuschauer eingeht und aufklärt, warum Alexander Zverev "Sascha" genannt wird. Ein bisschen mehr Farbe und mehr Emotionen darf es beim Kommentar dann aber schon sein, so wie es bei den Tennisberichterstattungen von Eurosport, Sky, Sport1 und DAZN größtenteils der Fall ist - und wie auch bei anderen übertragenden Sportarten im ZDF.

Sky zeigt es, wie es richtig geht

Die Tenniskompetenz möchte man den Öffentlich-Rechtlichen zwar nicht vollends absprechen, aber der Tennisfan bekommt meist das Gefühl, dass die handelnden Personen nicht unbedingt über Tennis berichten wollen, sondern müssen. Nach dem klaren Sieg von Federer gegen Zverev gab es zwar ein On-Court-Interview mit Federer, viel mehr kam dann aber nicht. Es wurde zunächst ein vor einer Woche aufgezeichnetes Interview mit Angelique Kerber gesendet, danach ging es zurück nach Halle/Westfalen. Eine kurze Sequenz mit der Pokalübergabe an Federer, die nicht mal live war, das war's dann auch.

Anstatt die komplette Siegerehrung mit den Reden von Federer und Zverev zu zeigen, wurde nach Sotschi geschaltet. Rudi Cerne sprach auf dem Haller Rasen mit Kathrin Müller-Hohenstein über die deutsche Fußball-Nationalmannschaft beim Confed Cup. Ziemlich respektlos gegenüber dem Tennisfan und dem Tennissport in Deutschland, zumal es noch genügend Sendezeit gab, da das Finale eine schnelle Angelegenheit war. Doch anstatt die gesamte geplante Sendezeit auszufüllen, wurde 30 Minuten vorher abgebrochen. Wie es richtig geht, zeigte der frei zu empfangende Nachrichtensender Sky Sport News HD wenige Stunden später. Das Finale im Londoner Queen's Club zwischen Feliciano Lopez und Marin Cilic lief dort in voller Länge, auch die Siegerehrung nach dem Finalkrimi wurde komplett und kompetent begleitet.

War früher alles besser? Nein!

Viele deutsche Tennisfans sehnen sich zurück in die Neunziger, wo Tennis in den Öffentlich-Rechtlichen und auch bei privaten Sendern rund um die Uhr lief. Doch war früher tatsächlich alles besser? Nein! Der Tennisfan lebt derzeit in einem Schlaraffenland, auch dank der vielen Möglichkeiten, die das Internet bietet. Nur zur Erinnerung: Vor 20 Jahren war es oft schier unmöglich, den genauen Spielplan eines Tennistages herauszufinden und sich darauf einzustellen. Man war angewiesen auf die Informationen des Fernsehens, heute bekommt man diese Infos mit wenigen Klicks in Echtzeit. Und auch bei Spielen, die nicht übertragen wurden, war es extrem schwierig, den aktuellen Spielstand zu verfolgen. So schaute man gespannt auf den Videotext, wo es oft nur eine Aktualisierung nach einem Satz gab.

Derzeit werden drei der vier Grand-Slam-Turniere von Eurosport im Free-TV übertagen, mit viel Herzblut und großer Fachkompetenz - und so ausführlich wie noch nie. Tennis satt gibt es auch aus Wimbledon bei Sky. Heutzutage kann man fast jedes Einzel auf der ATP- und WTA-Tour in voller Länge verfolgen. Dass man bei diesem Programmangebot einen finanziellen Beitrag leisten muss, muss man nun mal hinnehmen. Mir ist es jedenfalls tausendmal lieber, dass ich den Tennissport von Leuten in Szene gesetzt bekomme, die dafür brennen. Lieber Kompetenz anstatt eine bessere Quote, die man bei den Öffentlich-Rechtlichen erreichen würde.

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