Samstag, 18.03.2017
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Diskussion um Verkürzung von Tennismatches

Soll das Ballauftippen verboten werden?

Wie können Tennismatches kürzer gemacht werden, ohne die Seele des Spiels zu zerstören? Der Autor Marshall Jon Fisher macht sich Gedanken um "verschwendete Zeit" zwischen den Ballwechseln.

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Novak Djokovic ist der Meister des Ballauftippens vor dem Aufschlag
© getty
Novak Djokovic ist der Meister des Ballauftippens vor dem Aufschlag

Seit Jahren wird darüber diskutiert, ob Tennismatches kürzer werden sollen. Muss sich der "weiße Sport" dem Fernsehen anpassen, um seine Popularität zu behalten oder liegt der Reiz gerade darin, dass Tennismatches nicht planbar sind? Im Einzel wurde am Regelwerk kaum was verändert, die Zählweise ist seit Jahrzehnten gleich. Dennoch gibt es die eine oder andere Stellschraube, an der gedreht wurde. Best-of-five-Matches bei den Herren gibt es nun nur noch bei Grand Slams, im Davis Cup und im olympischen Finale. Früher war es gang und gäbe, dass auch bei zahlreichen ATP-Turnieren im Finale über drei Gewinnsätze gespielt wurde sowie im Finale der ATP-WM.

Im Doppel wird auf der ATP- und WTA-Tour bereits mit der No-Ad-Regel und dem Match-Tiebreak im dritten Satz gespielt. WTA-Boss Steve Simon sprach im vergangenen Jahr ganz offen darüber, dass er diese Zählweise auch bald im Einzel sehen möchte. Es sei viel wahrscheinlicher, dass sich die Zuschauer ein komplettes Spiel ansehen, wenn sie davon ausgehen können, dass dieses zwischen 60 und 90 Minuten dauere, meint Simon.

Djokovic, der Meister des Ballauftippens

In einem Gastbeitrag auf Sports Illustrated macht sich Marshall Jon Fisher, Sportjournalist und Autor der Tennis-Bücher "A Terrible Splendor" und "A Backhand Gift", Gedanken darum, wie Tennismatches verkürzt werden. Fisher möchte die traditionelle Zählweise behalten und ist auch gegen die Shot Clock, die in der Juniorenkonkurrenz bei den letztjährigen US Open getestet wurde, stattdessen plädiert er dafür, das Auftippen des Balles vor dem Aufschlag zu verbieten.

"Als Borg einen Punkt beendet hat, drehte er sich um, um sich einen neuen Ball vom Ballkind geben zu lassen, hat ihn vielleicht ein oder zweimal aufgetippt und dann serviert. Aber heutzutage verbringen Profitennisspieler eine beträchtliche Matchzeit (und unsere Zuschauzeit) damit, aus Aberglauben auf das Handtuch zu warten, fünf oder sechs Bälle zu inspizieren und dann an der Grundlinie zu stehen, um den Ball immer wieder aufzutippen. Novak Djokovic war der schlimmste Sünder, am Anfang in seiner Karriere, mit 15 oder mehr Auftippern bevor jedem Aufschlag, aber selbst in einem Match letztes Jahr gegen Rafael Nadal haben sie den Ball elf- bis 15-Mal aufgetippt vor jedem Aufschlag. 2012 wurde Djokovic gesehen, wie er vor einem wichtigen Punkt 29 Auftipper beging", schreibt Fisher. Djokovics Auftipprekord soll sogar bei 39 liegen.

Als ob man sich alle zehn Minuten die Hände wäscht

"Das ist nicht nötig. Ich bin kein Profi, aber ich habe mein ganzes Leben Wettkampftennis gespielt und ich tippe den Ball nie auf. Es ist wichtig, an der Grundlinie einen Moment zu stoppen, seine Füße und seine Balance in Stellung bringen, bevor man mit der Bewegung beginnt. Aber ich würde meinen 1938er-Schläger von Donald Budge verwetten, dass die Aufschläge von Profispielern, wenn es ihnen nicht erlaubt ist, den Ball aufzutippen, sogar nicht einmal, genauso gut sein werden, wie sie es heute sind. Und ich wäre auch in der Lage Nadal gegen Djokovic live zu sehen ohne den Vorspulknopf, um mich von Punkt zu Punkt zu bringen." Fishers "bescheidener" Vorschlag lautet: "Bestraft Ballauftippen genauso wie das Zerstören von Schlägern. Ein Auftipper, eine Verwarnung. Nächster Auftipper, Punktstrafe, dann Spielstrafe, dann Satzstrafe und dann Matchstrafe. Die Spieler würden mit dem Auftippen aufhören, sodass eigentlich Strafen sehr selten wären."

Auch die ständige Inspektion nach dem besten Ball vor dem Aufschlag ist Fisher ein Dorn im Auge. "Ich verstehe, dass ein gerade gespielter Ball weniger fusselig sein wird als die anderen und dass du mit dem Ball mit den wenigsten Fusseln aufschlagen möchtest. Selbst ich schaue mir die beiden Bälle in meiner Hand an und wähle den glatteren Ball aus, aber ich öffne dann nicht alle neun Spiele zwei neue Balldosen. Und selbst wenn ein Spieler den makellosesten Ball ausgewählt hat, - derjenige, der die extra halbe Meile Geschwindigkeit bietet - wird der Ball durch das Auftippen, die Hälfte davon mit dem Schläger, zum fusseligsten Ball. Das ist so, als wenn man sich alle zehn Minuten obsessiv die Hände wäscht und dann mit einem alten und verschmutzten Handtuch trocknet. Lasst uns diese sinnlose Inspektion loswerden. Du bekommst einen Ball vom Ballkind, zwei, wenn du einen in der Tasche behältst."

"Lasst uns die überflüssige Zeit zwischen den Punkten kürzen"

Klare Worte von Fisher, der auch dem ständigen Griff zum Handtuch nichts Gutes abgewinnen kann. "Ich habe kein Problem damit, wenn es gebraucht wird, aber es ist zu einer weiteren zwanghaften Routine geworden. Wie oft haben Ashe, Laver und Borg in der Hitze und Schwüle in Forest Hills im September nach dem Handtuch gegriffen, als sie mit Ledergriffen gespielt haben? Jedes Spiel vielleicht, aber nicht jeden Punkt." Fisher führt die American-Football-Liga NFL als Negativbeispiel an. Mit Beginn der 2000er-Jahre ist die gesamte Spieldauer in einer NFL-Partie durch TV-Werbung angestiegen, doch anstatt weniger Werbung zu zeigen, läuft die Uhr im Spiel bei verschiedenen Situation nun weiter, sodass die tatsächliche Spieldauer gesunken ist.

Für den Tennissport wünscht er sich diese Entwicklung nicht. "Anstatt die Anzahl der Punkte pro Match zu kürzen, lasst uns die überflüssige Zeit zwischen den Punkten kürzen. Die Profis, sobald sie sich daran gewöhnt haben, werden wahrscheinlich froh sein, dass sie von ihren eigenen obsessiven Verhaltensweisen befreit werden. Und die Millennium-Zuschauer, wo handelnde Personen anscheinend glauben, dass sie mehr Tennis gucken, wenn es weniger Tennis gibt, würden es vielleicht lieber vorziehen, zu sehen, wie Bälle geschlagen werden anstatt aufgetippt zu werden."

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Christian Albrecht Barschel

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Christian Albrecht Barschel

Christian Albrecht Barschel(Redaktion)

Christian Albrecht Barschel, Jahrgang 1980, ist seit 2010 bei tennisnet.com. Schon früh wurde er mit dem Filzballvirus angesteckt. Seine sportliche Heimat ist seit 1989 der Tennisklub Mölln, für den er es dreimal ins Guinness Buch der Rekorde schaffte. Auch wenn er selbst als Konterspieler bekannt ist, bevorzugt er lieber die eleganten Angriffsspielweisen wie die von Stefan Edberg und Roger Federer. Sein Lieblingsturnier sind die Australian Open.

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