Drei Methoden, um die Angst vor dem nächsten Punktspiel unter Kontrolle zu bekommen

Von Marco Kühn / tennis-insider.de
Mittwoch, 13.06.2018 | 21:23 Uhr
Nicht nur Stan Wawrinka weiß, wie entscheidend der mentale Aspekt im Tennis ist
© getty

Angst und Sorgen sind normal - selbst die Großen des Spiels haben sie. Aber man kann lernen, besser damit umzugehen.

Die Recherche des Gegners am kommenden Wochenende ist abgeschlossen. Du hast herausgefunden, dass du gegen jemanden spielen musst, der eine niedrigere LK als du besitzt. Was du aber auch herausgefunden hast, ist, dass dieser Gegner gegen zwei Spieler gewonnen hat, gegen die du letzte Saison glatt verloren hast. Mit einem Kloß im Hals starrst du auf den Sperrbildschirm deines Smartphones.

Angst und Sorgen sind ein zentraler Bestandteil eines jeden Tennisspielers. Nicht nur Roger Federer, Rafael Nadal oder Stan Wawrinka haben mit Zweifeln und ihren Ängsten zu kämpfen - auch du. Nun hat man als menschliches Wesen die blöde Eigenart, diese Gedanken und Gefühle als negativ zu empfinden.

Dabei sind es eben Ängste, die uns beispielsweise davor warnen, fremde Hunde nicht einfach zu umarmen oder bei Starkregen vorsichtiger auf der Autobahn zu fahren. In diesen Beispielen ist Angst etwas Gutes, bei der Vorhand aus dem Halbfeld, bei 4:4 und 30:30, ist diese Angst meist gegen uns.

Befragt man zehn Tennisspieler nach ihrem größten Problem, so bekommt man in mindestens acht Fällen die gleiche Antwort: die Umsetzung der Trainingsleistung im Punktspiel. Was im Training noch locker aus der Hüfte geschossen wird, ähnelt im Match einem verkrampften Balanceakt auf Eierschalen. Wir werden nun schauen, wie wir die Eierschalen wegschmeißen und die Hüfte auch im Punktspiel locker nach vorn rotieren lassen können.

Methode #1: Das "Alles geht schief"- Szenario

Es schläft sich wesentlich besser, wenn man auf das Schlimmste vorbereitet ist. Der chinesische General und Militärstratege Sun Tzu brachte dies treffend auf den Punkt: "Tiefes Wissen heißt, der Störung vor der Störung gewahr sein." Wenn du dir vor dem Punktspiel überlegst, was du tun kannst, wenn alles gegen dich läuft, wirst du besser auf diese Phasen vorbereitet sein.

Dir kann es passieren, dass du in den ersten Aufschlagspielen so verunsichert bist, dass du keine drei Bälle am Stück ins Feld spielen kannst. Ebenso ist es möglich, dass dein Gegner direkt einen Lauf hat und dir jeden zweiten Ball als Winner auf die Linien spielt. Dann kannst du den Schläger in den Sand stecken, dich schlecht fühlen und dich deinem Schicksal ergeben. Oder du machst dir bereits vor dem Spiel einen Maßnahmenplan für diese möglichen Szenarien.

Im Falle deiner kompletten Verunsicherung und einem wackeligen Arm, kannst du dir vornehmen, nicht zu sehr an die Linien zu spielen. Mittig gespielte Bälle sind für deinen Gegner manchmal sogar schwieriger zu beantworten, da sich meist und komplizierter Winkel ergibt. Auch die Höhe deiner Schläge kannst du optimieren. Der Mondball zwischen T- und Grundlinie ist sicherer als der schnelle, flache Ball die Linie entlang. Um deiner Unsicherheit Beinchen zu stellen brauchst du viele Schläge. Diese bekommst du nur, wenn du dich darauf konzentrierst sicher zu spielen.

Spielt dein Gegner dich an die Wand und du bekommst erst gar keine Möglichkeiten das Spiel zu beeinflussen, dann applaudiere. Sage deinem Gegner wie fantastisch er spielt. Mache ein paar lustige Bemerkungen: "Verrückt, dass ich dich noch nicht auf Eurosport gesehen habe!" Es ist immer besser, die Leistung des Gegners anzuerkennen und darauf zu warten, dass diese starke Phase des Gegners endet, als sich selbst zu zerfleischen. So sparst du mentale und körperliche Energie, die du brauchst, wenn sich die Leistung deines Gegners wieder normalisiert hat.

Methode #2: Denke in Einheiten

Ein Punktspiel ist ein dynamischer, sich ständig verändernder Prozess. Es gibt nur sehr selten eine klar definierte Linie, die sich durch ein ganzes Match zieht. Besonders im Hobbybereich geschehen die verrücktesten Dinge auf dem Platz - und das innerhalb weniger Aufschlagspiele. Bevor du dir den Kopf darüber zerbrichst, wie dein Spiel wohl laufen könnte, solltest du dich entspannen. Natürlich sollst du mit einem Matchplan auf den Platz gehen und natürlich ist es wichtig seine Taktik auszurichten. Es ist für dich aber nicht möglich das komplette Punktspiel einen Abend zuvor durchzuplanen. Du kannst aber in Einheiten denken.

Einheiten sind in unserem Falle folgende Bereiche:

- Aufschlag

- Return

- Ballwechsel

Lege dir Strategien zurecht, wie du in diesen Einheiten agieren willst. Darauf hast du einen Einfluss. Überlege, wie du deinen ersten Aufschlag variabel gestalten kannst. Gehe in Gedanken durch, wie du deine Position beim Return verändern willst, wenn dein Gegner ein sehr starker Aufschläger ist. Alle Gedanken zu diesen Etappen sind gesünder als das Kopfzerbrechen über das große Ganze. Tennisspieler neigen dazu sich zu sehr über die Bereiche sorgen zu machen, über die sie selbst überhaupt keine Macht haben.

Methode #3: Du kannst nicht verlieren, aber lernen

Es ist erstaunlich, wie schnell wir vergessen. Unser Smartphone vergessen wir nie, schmerzhafte Niederlagen auf dem Tennisplatz allerdings sofort. Abhaken und weitermachen ist ein gut gemeinter Rat der aber verhindert, dass du ein besserer Tennisspieler wirst. Die Einstellung Niederlagen gegenüber ist bei vielen Spielern von Grund auf falsch. Jeder will Niederlagen vermeiden und Siege einfahren. Doch wie willst du lernen? Soll dein Lerneffekt aus 6:2, 6:3- Erfolgen bestehen? Oder willst aus einer 1:6, 1:6- Schmach Lehren ziehen, die dein Tennis über Jahre verbessern? Stell dir vor, du hättest keine Angst mehr zu verlieren. Was würde dies mit deinem Potenzial auf dem Platz veranstalten? Du könntest befreiter aufspielen, ohne Bleiarme- und Füße. Dein Kopf wäre klarer und nicht mit Zweifeln vernarbt. Das Schlimmste was dir passieren kann ist, dass du verlierst und dadurch für deine sportliche Zukunft lernst. Und davor hast du Angst? Ich denke nicht.

Es ist schwierig alle drei Methoden anzuwenden. Wenn du es aber schaffst dich mit einer dieser Methoden anzufreunden und diese für dein nächstes Punktspiel zu nutzen, wirst du entspannter auf dem Platz stehen und wahrscheinlich eine bessere Leistung zeigen können.

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