Tennis

Wimbledon: Novak Djokovic als Jäger der verlorenen Schätze

Jetzt wartet Kei Nishikori auf Novak Djokovic
© getty

Drei Titel hat Novak Djokovic bis dato in Wimbledon gewonnen. Die Vorstellungen der letzten Tage deuten darauf hin, dass der Serbe zum vierten Triumph bereit ist.

Von Jörg Allmeroth aus London

Roger Federer hat vor kurzem noch mal über "dieses ganze Märchen" gestaunt. Über das Märchen seines Comebacks nach der langen Verletzungspause im Jahr 2016. Über die "unglaublichen Siege", die "emotionalsten Momente" überhaupt der ganzen Karriere: "Ich dachte manchmal, dass es ein Traum ist. Und dass ich im nächsten Moment aufwache und denke: Das stimmt alles gar nicht."

Aber doch: Es stimmt. Seine grandiose Rückkehr. Auch die seines ewigen Rivalen Rafael Nadal. Gerade wirkt die Tenniswelt wie Mitte des vorigen Jahrzehnts, als Federer und Nadal sich wie selbstverständlich die großen Titel und Trophäen untereinander aufteilten. Es gab Federer und Nadal bei den Grand Slams, und sonst fast nichts.

Murray und Wawrinka mit Problemen

Aber, um noch einmal auf Federer zurückzukommen, der Maestro hat unlängst auch trocken festgestellt, "dass nicht immer alles mit strahlendem Sonnenschein, Happy-End und Glücksgefühl" enden muss. Er weiß, dass die Geschichten in der Knochenmühle der Tour auch ein anderes Drehbuch haben können. Er braucht da gar nicht weit zu blicken, denn was ist schließlich aus den Großen Vier oder Großen Fünf geworden, die sich in den letzten Jahren die Major-Pokale teilten.

Andy Murray, der Held Britanniens, musste kurz vor den Wimbledon-Ausscheidungsspielen die Segel streichen, noch immer plagen ihn die Nachwehen seiner Hüftoperationen. Stan Wawrinka, der sich als ehemaliger Schattenmann Federers auf einmal im Herbst seiner Laufbahn noch drei Grand-Slam-Titel erkämpfte, schleppt sich mühsam durch die Spielserie 2018 - nach zwei chirurgischen Knieeingriffen erscheint unklar, ob er noch einmal zu alter Größe zurückfindet.

Djokovic auf Achternbahnfahrt

Und dann wäre da auch noch der Mann, der vor der Rückkehr der alten Titanen zu alter Macht die Tenniswelt beherrschte - Novak Djokovic, der "Djoker". Der Spieler, der nach seinem French-Open-Coup 2016 zwischenzeitlich alle vier Major-Pokale in seinem Besitz hielt, als erster Profi überhaupt in der modernen Ära dieses Sports.

Djokovic hat vielleicht die größte Achterbahnfahrt hinter sich, die es in der Weltspitze im neuen Jahrhundert gab. Eben noch der Dirigent der Branche, der Capitano, der Allesgewinner auf den größten und schönsten Bühnen, war er im nächsten Moment der zweifelnde Absteiger. Ausgebrannt, demotiviert, lustlos. Fast so weit, dem Tennis Lebwohl zu sagen.

Vajda nur Coach bis Wimbledon-Ende?

Soweit ist es dann allerdings nicht gekommen. Aber Djokovic hat lange, sehr lange gebraucht, um überhaupt wieder Fuß zu fassen, eine Plattform zu finden, von der aus er seinen Angriff auf Federer und Co. starten kann. Kurz gesagt, tut der Jäger der verlorenen Schätze das mit einer Rückkehr zu den Wurzeln seines Aufstiegs. Personell bedeutet das: Er wird wieder von seinem ehemaligen Erfolgscoach Marijan Vajda trainiert, vorerst bis zum Ende des Wimbledon-Turniers, bei dem er ins Viertelfinale aufgerückt ist.

Der Vorstoß in die Runde der letzten Acht bei den French Open und nun auch im All England Club, beide mit Vajda an seiner Seite, sind so etwas wie das Licht am Ende des Tunnels für den 31-jährigen Serben. Denn vor diesen Erfolgsmomenten war nicht ganz unwahrscheinlich, dass sein Projekt des Wiederaufstiegs in die Gipfelregion krachend scheitern könnte.

Agassi - "Djokovic hörte eigentlich nie auf mich"

Nicht zuletzt deshalb, weil die Partnerschaft mit Andre Agassi, die mit großen Hoffnungen und Erwartungen befrachtet war, schnell kollabierte. Agassi war dieser Tage auch einmal in Wimbledon, für einen 24-Stunden-Trip wegen Sponsorenverpflichtungen, und da sprach der Amerikaner auch über das Chaos, das rund um Djokovic geherrscht habe: "Er hörte eigentlich nie auf mich. Irgendwann fand ich, dass ich meine Zeit verschenkte." Auch Agassis Rat, sich nach einer ohnehin zu spät vorgenommenen Operation am Handgelenk mehr Zeit für eine Pause zu nehmen, wies Djokovic zurück.

Der andere Grand-Slam-Champion, der in Djokovics Diensten stand, ein gewisser Boris Becker, hatte sich nach einer triumphalen Zeit des Zusammenwirkens mit sechs Grand Slam-Siegen ebenfalls irritiert aus dem Lager Djokovics zurückgezogen. Ihm mißfiel, dass Djokovic sich einem bizarren spanischen Guru zuwandte, der den Tennisstar mit Friede-und-Liebe-Sprüchen die Sinne vernebelte.

Das alte Team soll es richten

Nun also soll es wieder Vajda richten. Den hatte Djokovic vor einem Jahr mit dem Rest seiner Betreuungscrew entlassen, Fitnesstrainer, Physiotherapeut, Ernährungsberater: Alle mussten gehen, alles musste raus. "Ich brauche neue Impulse", sagte Djokovic damals. Jetzt aber ist es der älteste Weggefährte, eben jener unscheinbare Vajda, auf den der Djoker wieder hören will. Ein "Freund" sei der, "fast ein Teil der Familie", sagt Djokovic, und kann kaum erklären, warum er diesen Freund so schmählich vor die Tür setzte, beim Aufputz des Vorjahres.

Vor einem Vierteljahr hatte Djokovic dem alten Partner eine SMS und ihn um eine Einschätzung seines Status Quo gebeten. Dem zaghaften Annäherungsversuch folgte die Abmachung, bis nach Wimbledon zu kooperieren, eine Art Probezeit also.

Im besten Fall gegen Federer

Djokovic, aktuell die Nummer 21 der Rangliste, muss in Wimbledon ab sofort schaffen, was ihm bisher noch nicht gelungen ist: Rivalen aus dem Oberhaus der Szene zu schlagen, arrvierte Leute aus den Top Ten. Beim Vorbereitungsturnier in Queens verlor er knapp im Finale gegen Marin Cilic, den Wimbledon-Vorjahresfinalisten. Jetzt geht es gegen Kei Nishikori, danach vielleicht gegen Nadal.

Und im besten Fall dann noch gegen Federer. Er hat sie alle schon geschlagen, wieder und wieder in seiner größten Zeit. Nachdem ihn der All England Club in den ersten Turnierrunden auf Außenplätze schickte, wird er jetzt auf den großen Showcourts antreten. Immerhin dieses Privileg hat er sich schon wieder zurück erkämpft. "Es war frustrierend, so lange Zeit so unbefriedigend zu spielen", sagt Djokovic, "aber ich spüre, dass die alte Stärke zurückkommt."

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