Tennis

Wimbledon: Angelique Kerber - Protokoll eines historischen Samstags

Von Jörg Allmeroth
Angelique Kerber - Mit besten Grüßen vom Clubhaus-Balkon
© Jürgen Hasenkopf

Viel schlafen, gut essen - und von der Verschiebung der Startzeit nicht weiter nervös machen lassen: Für Angelique Kerber hat am Finaltag von Wimbledon 2018 alles gestimmt.

Am Tag, an dem sich Angelique Kerber in die Tennis-Unsterblichkeit schlagen wird, geht sie im berühmtesten Klub der Welt erst einmal auf Tauchstation, in die Deckung. Drei Stunden vor dem Endspiel gegen Serena Williams steht sie auf Platz 14 im Aarongi Park, dem Trainingsgelände von Wimbledon. Weiter weg von der Zentralbühne der Grand Slam-Festspiele, dem unverwechselbaren Centre Court, geht es nicht, es ist ein Ort, den Kerber liebt.

Geschützt vor den Blicken der Öffentlichkeit, hier hat sie ihre Ruhe, hier kann sie sich noch einmal sammeln vor dem großen Spiel. Wim Fissette, der Trainer, schlägt sich mit Kerber ein, bringt sie auf Temperatur. Er hat ein gutes Gefüh, ein sehr gutes sogar. "Ich war mir sicher, dass sie gewinnen wird", sagt er später, "sie ist so kontrolliert und selbstbewußt in den letzten Tagen aufgetreten, dass ich keine Zweifel hatte.

Kerber gibt sich Djokovic und Nadal

Kerber hat eine ruhige Nacht verbracht, sie ist am Abend vor dem Finale mit ihrem Team zum Essen unterwegs gewesen. In den sozialen Netzwerken kursiert ein Bild, das sie spät an diesem Freitag an einer Bushaltestelle zeigt. Ist die Wimbledon-Finalistin etwa mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs?

Aufgeregt dementiert sie später, nach ihrem Sieg gegen Serena Williams, den sparsamen Eindruck: "Ich stand nur vor dieser Haltstelle, wartete auf ein Taxi." Mit Tennis geht Kerber dann ins Bett, sie schaut sich noch das Late-Night-Match zwischen Novak Djokovic und Rafael Nadal an, das Halbfinal-Drama unterm geschlossenen Centre Court-Dach.

Potenzial zum Nervendesaster

Dieses Spiel bringt dann auch den Ablaufplan am Samstag durcheinander. Eigentlich hat das Damenfinale eine unumstößliche Anpfiffzeit, um 14 Uhr am Samstag geht es los. Immer. Seit Ewigkeiten. Aber Djokovic und Nadal gehen ab 13 Uhr in die Verlängerung, und es wird eine wirkliche Extraschicht. Fünf Stunden und 15 Minuten bekämpfen sich die beiden Superstars - und Kerber hängt wie Serena Williams, die Gegnerin, in der Warteschleife fest.

Kerber isst mittags ein paar Nudeln, dann heißt es die Zeit totschlagen, fokussiert bleiben, jederzeit bereit sein, wenn der Start erfolgt. "Es ist eine schwierige Zeit. Diese Ungewissheit, wann man nun anfängt. Aber über die Jahre habe ich soviel Erfahrung gesammelt, dass ich das doch ganz gut hinkriege", sagt Kerber hinterher.

Sie ist schließlich inzwischen eine der Routiniertesten im Wanderzirkus, nicht ganz so lange unterwegs wie Williams. Aber so professionell ausgereift, dass das Zeit-Spiel nicht zum persönlichen Nervendesaster wird.

Wim Fissette legt die Marschroute fest

Kurz vor 16 Uhr wird es dann ernst. Der Oberschiedsrichter Andrew Jarrett ruft die beiden Spielerinnen zum Einsatz auf. Kerber hat sich gerade noch einmal mit Trainer Fissette, dem engsten Vertrauten, besprochen. Die Marschroute ist klar: Bloß nicht auf Abwarten spielen, sondern selbst die Initiative ergreifen. Aktion statt Reaktion.

Es war auch das Motto der vergangenen Monate gewesen, sozusagen der Leitsatz, unter dem die Allianz Kerber/Fissette stand. Kerber war zu Beginn des Turniers noch einmal in alte Fehler gefallen, in den beiden ersten Spielen spielte sie wie die kriselnde Kerber des Jahres 2017, rannte und verteidigte nur. Das Duo setzte sich zu einer harten Manöverkritik hin, als die zweite Runde gegen die 19-jährige Claire Liu nur mit Ach und Krach überstanden war - und stellte fest: "So kann man Wimbledon nicht gewinnen."

In Wimbledon folgt ein überzeugendes Spiel dem anderen

Dann aber folgte ein überzeugendes Spiel nach dem anderen, Kerber bezwang hochgehandelte Konkurrenz, gerade auch die jungen Wilden der Branche, die elegante Schweizerin Belinda Bencic, die trickreiche Russin Daria Kasatkina und schließlich im Halbfinale die feurige Lettin und French Open-Siegerin 2017, Jelena Ostapenko. Als sie sich nun bereit macht, auf den Centre Court zu marschieren, ist sie die Favoritin.

Und nicht Serena Williams, die siebenmalige Gewinnerin, die nach Schwangerschaft, Geburt und Babypause erst ihr viertes Turnier spielt. Zwar glauben viele Experten gerade aus den USA und aus England fest an einen Williams-Sieg, sehr zur Verwunderung von Martina Navratilova, die das später an diesem Samstag so vorträgt. Aber sie selbst, die neunmalige Siegerin, die Rekordgewinnerin, ist da von vornherein anderer Meinung: "Angie hat eine wunderbare Chance. Weil sie wunderbar spielt."

Kerber spielt sich frei

Kerber ist nervös, als sie im Herzen von Wimbledon ankommt. Auf dem Centre Court, auf dem die größten Champions gewonnen haben, die deutschen Helden Steffi Graf und Boris Becker. Die anderen Stars, Navratilova, Evert, Borg, McEnroe, Sampras, Federer, Nadal. Und natürlich die Williamses, die fast anderthalb Jahrzehnte lang Wimbledon und dieses Tennis-Grün fest in ihrem Besitz hielten.

Kerber mag unruhig sein, angespannt, aufgeregt. Aber sie spielt sich schnell frei, kommt in ihren Rhythmus, findet Zuversicht. Sie wirkt ganz bei sich selbst, mittendrin im Masterplan zum Triumph. Sie ist faszinierend cool, unglaublich konzentriert.

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