Tennis

Wie Superman ohne Kraft: Federers Hoffnungen zerschmelzen in der Tropennacht von New York

Roger Federer
© getty

Für viele Tennisfans war das Viertelfinale zwischen Roger Federer und Novak Djokovic bereits gesetzt - doch in der Nacht zum Dienstag kam alles anders in Flushing Meadows.

Als vor anderthalb Wochen die Auslosungszeremonie für das US-Open-Hauptfeld vorüber war, setzte sich mal wieder die beliebte Spekulationsmaschinerie im Tenniszirkus in Gang. Und eine Projektion war so ziemlich für alle Experten klar: Am zweiten Turniermittwoch würde es zu einem großen Viertelfinal-Showdown zwischen Roger Federer und Novak Djokovic kommen, zu einer spektakulären Nachtshow unter den Flutlichtstrahlern des Arthur-Ashe-Stadions - mit allem Pomp und Getöse.

Lange Zeit verlief beim letzten Grand-Slam-Festival der Saison 2018 dann auch alles nach Plan, selbst noch am Dienstagnachmittag, als Djokovic sich zwar zwei Mal in der Dschungel-Hitze von New York von den Turnierärzten behandeln lassen musste. Aber sich trotzdem zu einem Drei-Satz-Sieg gegen den Portugiesen Joao Sousa durchschleppte. Doch in der Late-Night-Vorstellung dieses achten Wettbewerbstages war plötzlich nichts mehr normal, Federer, der Titan, wankte und schwankte gegen den australischen Nobody John Millman. Er ging früh in Führung, er hätte bei einem 6:3, 5:4, 40:15-Vorsprung alles in geordnete Bahnen lenken können - doch als er um 1 Uhr morgens, immer noch in drückender Schwüle, den größten Centre Court der Welt verließ, war nach einer mit 6:3, 5:7, 6:7 (7:9), 6:7 (3:7) verlorenen Tennis-Achterbahnfahrt alles vorbei für ihn.

Federer: "Gefühl, keine Luft zu bekommen"

Kein Showdown mit Djokovic, kein Happy-End der Grand Slam-Saison, kein Titelgewinn zehn Jahre nach dem letzten Hauptpreis im Big Apple. "Irgendwann war ein Punkt erreicht, wo ich dachte: Es ist gut, wenn es vorbei ist", sagte Federer, "es war extrem hart da draußen. Du schwitzt und schwitzt, verlierst Energie, hast das Gefühl, keine Luft zu bekommen." Da nutzte auch nichts mehr, dass sich Federer extra intensiv beim Masters-Turnier im feucht-heißen Cincinnati auf mögliche Wetterstrapazen in New York vorbereitet hatte. "Riesig schwer" seien die Bedingungen gewesen, so Federer, "mein Körper hat dann einfach nicht mehr mitgespielt."

Gefühlte Temperaturen weit über 30 Grad, dazu Luftfeuchtigkeit um die 75 Prozent - dieses Äquatorwetter machte Federer so schwer zu schaffen, dass ihn letztlich alle üblichen Stärken verließen. Der Schweizer wirkte in der Open-Air-Sauna zum Schluss wie Superman ohne Stärkungsmittel. "Seit es hier ein Dach über dem Court gibt, gibt es praktisch keine Luftzirkulation mehr. Die Hitze steht einfach", sagte Federer, "das ist schlicht brutal." Die Frage, warum er in diesem denkwürdigen Match so schlecht wie selten serviert habe, beantwortete der 37-jährige trocken so: "Es war heiß."

Ohne ersten Aufschlag zum Flattermann

Federers klammheimliche Hoffnungen auf einen Titelcoup in New York, im Spätherbst seiner Karriere, zerschmolzen in diesem Backofen langsam, aber unerbittlich. Mit jeder Spielminute wuchs die Zahl seiner Fehler, der erste Aufschlag verließ ihn fast komplett. Und seine gewohnte Stärke, die zupackende Attitüde bei den Big Points, verkehrte sich ins Gegenteil um - der Maestro, der Fels in der Brandung, der Star mit den kühlen Nerven, wurde zum Flattermann. Zwei vergebenen Satzbällen in Satz zwei folgte ein liegen gelassener Satzball im Tiebreak des dritten Durchgangs, bei 6:5. Und auch die letzte Möglichkeit, dem Ganzen noch einmal einen Dreh zum Besseren zu geben, verpuffte mit der verschenkten 4:2-Führung im vierten Akt des Dramas.

Der letzte Tiebreak illustrierte dann, in welch maladem Zustand sich der 37-jährige Schweizer auf der Zielgeraden dieser Achtelfinal-Partie befand. Alle sieben Punkte für Millman entsprangen leichten Irrtümern Federers, zum 1:3 und 1:4 servierte der 20-malige Grand-Slam-Champion sogar zwei seiner insgesamt zehn Doppelfehler. "Wenn du dich nicht gut fühlst, ist alles aus deinem Spiel weg", sagte Federer in seiner nächtlichen Pressekonferenz. Zum ersten Mal überhaupt bei den US Open und zum zweiten Mal in seiner ganzen Grand-Slam-Karriere (127:2) hatte er nun gegen einen Rivalen verloren, der außerhalb der Top 50 platziert war - gegen Millman, der sich vor fünf Jahren desillusioniert schon fast aus dem Tenniszirkus verabschiedet und kurzzeitig bei einer Finanzberatungs-Agentur verdingt hatte.

Vor der Rasensaison hatte Großmeister Federer den Aussie, einen Mann aus dem Mittelbau der Tour, generös zu einer Trainingswoche in die Schweiz eingeladen. "Wir suchten jemand, der hart arbeiten kann. Und der ein Plätzchen sucht, nachdem er bei den French Open ausgeschieden ist", sagte Federer. Nun, gut ein Vierteljahr später, schlug der angeheuerte Sparringspartner den Star - und zwar nicht ganz ohne ein gutes Stück Verlegenheit. "Ich schäme mich fast ein bisschen, dass ich ihn an einem Tag geschlagen habe, an dem er sich nicht so gut fühlte", sagte Millman, "er ist immer noch mein Held, zu dem ich aufschaue."

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