Tennis

Juan Martin del Potro bei den US Open: Der Moment der "Bohnenstange"?

Von Jörg Allmeroth
Del Potro träumt vom zweiten Major-Titel.
© getty

Juan Martin del Potro hat sich in überzeugender Manier ins Halbfinale der US Open gespielt. Dort trifft er am Freitag auf den Weltranglistenersten Rafael Nadal, und darf sich berechtigte Hoffnungen auf seinen zweiten Grand-Slam-Titel machen.

Als Juan Martin del Potro vor neun Jahren in einer magischen Tennisnacht die lange Siegesserie von Roger Federer beendete, schien auch die Machtarchitektur im Tenniszirkus ins Wanken zu geraten.

Del Potro, genannt "El Palito" ("Die Bohnenstange"), wirkte wie einer, der die Dominanz der Titanen brechen konnte - mit seinen Hochgeschwindigkeits-Schlägen, mit seiner Leidenschaftlichkeit, mit guten Nerven in der Hitze der Duelle. Del Potros Karriere war mehr als geradlinig verlaufen bis zu jenem traumhaften Moment, er war nacheinander der jüngste Profi in den Top 100, den Top 50, den Top Ten und dann auch in den Top 5.

Juan Martin del Potro: "Ich habe Horrorjahre hinter mir"

Doch ausgerechnet nach der geglückten Gipfelbesteigung im Big Apple begann das jahrelange Leiden des "Turm von Tandil", des zerbrechlichen 198-Zentimeter-Riesen mit dem großen Herz und dem schwer verletzunganfälligen Körper: "Ich habe echte Horrorjahre hinter mir", sagt del Potro, "ich war nicht weit davon entfernt, mit dem Tennis aufzuhören."

Allein vier Handgelenksoperationen hatte del Potro zu überstehen, dazu kamen depressive Verstimmungen, angebliche Alkoholprobleme, immer wieder jedenfalls wurde er zurückgeworfen in seinen Anstrengungen, immer wieder musste er mühselige Comebacks in Angriff nehmen. Nun aber, im Jahr 2018, eine kleine Ewigkeit nach seinem ersten und einzigen Grand Slam-Coup, scheint der Hochbegabte mit dem harten Punch wieder in der Lage zu sein, für richtig Aufruhr unter dem Grand Slam-Establishment zu sorgen.

Endlich verletzungsfrei, endlich ohne Ängste und Zweifel über seine Wettbewerbstauglichkeit, rauscht der zupackende Argentinier bei den US Open wie selbstverständlich durch die Turnierrunden - auch in der heißeren Turnierphase zeigte er Souveränität gegen den jugendlichen Herausforderer Borna Coric (Kroatien) und Aufschlaggigant John Isner (USA).

Rafael Nadal gegen Juan Martin del Potro: Rematch der US Open 2017

"Hochzufrieden" sei er mit dem bisherigen Turnierverlauf, gab der 29-jährige zu Protokoll: "Ich habe auch noch genug Energie im Tank für das, was kommt." Wer kommt, ist nun indes wieder einmal, wie im Vorjahr im Halbfinale, Rafael Nadal - dieser schier unverwüstliche mallorquinische Fighter, der sich Dienstagnacht in einem Fünf-Satz-Spektakel gegen den jungen Österreicher Dominic Thiem durchgesetzt hatte.

Schon im Vorjahr hatte del Potro für Aufsehen in der Stadt gesorgt, in der einst sein Stern am Tennishimmel aufzugehen schien. Gegen den aufstrebenden Thiem drehte und wendete er eine völlig verrückte Partie nach 0:2-Satzrückstand und 2:5- und 0:30-Defizit im vierten Durchgang noch zu seinen Gunsten, lieferte dabei ein Meisterwerk an Beharrungskraft, Willensstärke und Trotzigkeit ab.

Auch gegen Maestro Roger Federer ging del Potro, dieser Sisyphos der Tenniswelt, anschließend an seine Grenzen, gewann in vier umkämpften Sätzen - und schied dann ermattet im Halbfinale gegen keinen anderen als Nadal aus. Der Spanier gewann schließlich auch das Turnier, wieder einmal einer aus der schier unantastbaren Führungselite.

Juan Martin del Potro: Der Traum nach einem weiteren Major-Sieg

So sehr die Renaissance der alten Titanen Federer und Nadal zuletzt begeisterte, so sehr auch das strahlende Comeback des vorübergehend kriselnden Novak Djokovic imponierte - es gibt in der Branche und bei Fans auch eine keineswegs klammheimliche Sehnsucht nach anderen Titel-Helden, nach Abwechslung in der Kür der Grand Slam-Champions. Und keiner verkörpert diese Sehnsucht mehr als der so lange leidende del Potro, der vor zwei Jahren seinen größten Coup neben dem US Open-Sieg 2009 gelandet hatte - die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Rio.

"Wer würde ihm diesen Sieg hier nicht gönnen", sagt Schwedens Altmeister Mats Wilander, "er hätte es ohne Zweifel auch verdient, noch mal ganz oben auf dem Podium zu stehen." Anders als vor einem Jahr hat del Potro für den heißen Grand Slam-Endspurt noch Kräfte konservieren können.

Bisher hat er erst einen Satz verloren, es sind also komplett andere Voraussetzungen als im Vorjahr, im elektrisierenden Duell mit Stierkämpfer Nadal, dem Führenden in der Weltrangliste, dem vielleicht formstärksten Spieler im Hier und Jetzt. "Wenn ich noch mal einen Grand Slam-Titel gewinnen würde, wäre es der größte Moment meiner Karriere", sagt del Potro, "nach all dem, was ich hinter mir habe."

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