Tennis

"Wie ein Albtraum": New Yorker Hitze macht Profis zu Überlebenskünstlern

Von Jörg Allmeroth
Novak Djokovic, US Open
© getty

Die extreme Hitze in New York hat am Dienstag allen Profis schwer zu schaffen gemacht. Nicht nur Wimbledonsieger Novak Djokovic befand sich im Überlebensmodus.

Es war Mitte des zweiten Satzes, in der glühenden Hitze des Arthur Ashe-Stadions, als Novak Djokovic den Ballkindern eine ungewöhnliche Bitte übermittelte. Man solle einen Eimer in der Nähe seiner Sitzbank aufstellen, so Djokovic, "falls ich mich demnächst übergeben muss."

Djokovic: "Ich habe gebetet, dass ich mich wieder besser fühle"

Wie ein Verirrter in der Wüste sah Djokovic in jenem Moment aus, das Gesicht krebsrot und ausgemergelt wirkend, der Blick leer, stier nach vorne gerichtet. "Ich war nur noch im Überlebensmodus", sagte der Wimbledonchampion, der 13-malige Grand Slam-Sieger, hinterher. Irgendwie schlug sich Djokovic in der Grand Slam-Hölle noch zu einem Vier-Satz-Sieg gegen den Ungarn Marton Fucsovics durch, zwischendrin schluckte er auch Pillen, um seinen Kreislauf zu stabilisieren: "Es war schockierend. Ich habe nur gebetet, dass ich mich wieder besser fühlen kann."

Ausgerechnet bei den US Open erlebt der Hitzesommer auch in den Vereinigten Staaten einen brutalen Höhepunkt. Beim letzten Grand-Slam-Turnier der Saison sind die Ausscheidungsspiele zum Extremsport geworden, selbst erfahrene Tourkräfte wie Angelique Kerber konnten sich nicht erinnern, "schon mal so etwas erlebt zu haben."

Drama um Wozniackis Mutter: "Sie stand unmittelbar vor dem Kollaps"

Als die Wimbledongewinnerin am Dienstag darauf angesprochen wurde, dass die Bedingungen sich noch verschärfen könnten, schüttelte sie leicht irritiert den Kopf: "Schlimmer geht´s gar nicht mehr." Auf dem Grandstand-Platz spielten sich beim Match von Australian Open-Siegerin Caroline Wozniacki gegen die Australierin Sam Stosur sogar dramatische Szenen ab: Wozniackis Mutter Anna musste völlig entkräftet, leicht desorientiert, vom Platz geführt werden, während ihre Tochter unten um den Sieg kämpfte. "Sie stand unmittelbar vor einem Kollaps", erklärte Wozniackis Trainervater Piotr.

Temperaturen von 38 Grad im Schatten, die auf den sonnenüberfluteten Courts bis zu 50 Grad und mehr hochschnellten, dazu extreme Luftfeuchtigkeit: Das ganze Billie Jean-King-Tenniscenter glich einer Open-Air-Sauna - direkt nach einem Aufguss. "Auf dem Court fühlte ich mich, als wenn ich sterben müsste", gab der Argentinier Leo Mayer zu Protokoll, einer von fünf Profis, die allein am Dienstag aufgeben mussten.

Notverfügung: Erstmals durften auch Spieler eine "Hitzepause" nehmen

Das Ganze sei ein "einziger Alptraum", erklärte die Französin Alize Cornet, die während ihrer Drei-Satz-Niederlage ebenfalls medizinisch behandelt werden musste. Alle Spieler ließen sich während jeder Pause Ice-Bags um den Nacken legen. Tausende Fans flüchteten sich in jedes nur mögliche schattige Fleckchen, viele nahmen in der Mittags- und Nachmittagssonne zunächst gar nicht ihre Plätze ein.

So prekär war die Lage, dass sich der ausrichtende US-amerikanische Tennisverband (USTA) zu einer Notverfügung aufgerufen fühlte. Erstmals in der Geschichte des New Yorker Grand Slam-Spektakels durften auch die männlichen Profispieler vor dem vierten Satz eine "Hitzepause" nehmen, für genau zehn Minuten. Bei den Frauen gibt es ohnehin im Regelwerk schon länger den Passus, der bei einer bestimmten Wetterlage - extreme Wärme und und extreme Luftfeuchtigkeit - einen Matchstopp für zehn Minuten vor dem dritten Satz vorsieht.

"Das war mörderisch", sagte Petra Kvitova

Die Spuren des Hitze-Chaos waren gleichwohl unübersehbar: "In den Umkleidekabinen lagen die Spieler reihenweise einfach am Boden. Total am Ende, total erschöpft", sagte der Italiener Stefano Travaglia, der seine Partie ebenfalls aufgeben musste, "es war kein Tag, um Leistungssport zu treiben."

Die zweimalige Wimbledonsiegerin Petra Kvitova beschrieb ihren Einsatz gegen die Belgierin Yanina Wickmayer als "mörderisch": "Wir alle haben die Vorhersagen gehört. Aber man kann sich überhaupt nicht vorstellen, was es bedeutet, an so einem Tag auf dem Court zu stehen."

...und die Aufschlag-Uhr tickt unaufhörlich weiter

Zu allem Überdruss tickt seit dem ersten Tag dieser US Open nun auch unbarmherzig die sogenannte Aufschlag-Uhr für die Profis. Binnen 25 Sekunden nach dem letzten gespielten Punkt muss nun der Aufschlag erfolgen, wer trödelt, bekommt Sanktionen zu spüren - ihm wird dann ein Service abgezogen.

"Dieses Limit bei dieser Hitze einzufordern, ist fast unmenschlich", sagte die frühere Weltklassespielerin Pam Shriver. Doch die USTA ließ über ihren Sprecher Chris Widmaier wissen, "dass sich an diesem Prozedere auf keinen Fall etwas ändern wird." Auch die beweglichen Dächer über dem Centre Court und dem Armstrong-Stadion sollten nicht geschlossen werden, so Widmaier: "Wir wollen gleiche Bedingungen für alle Teilnehmer."

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