Tennis

In der Wohlfühloase: Kerber ist wieder angekommen

Von Ulrike Weinrich
Angelique Kerber bei den Australian Open
© getty

Die Houdini-Qualitäten sind zurück - und mit ihnen der Wohlfühlfaktor: Angelique Kerber hat ihren Siegeszug in Melbourne fortgesetzt und steht erstmals seit rund 16 Monaten wieder im Viertelfinale eines Grand-Slam-Turniers.

Von Ulrike Weinrich aus Melbourne

Auch nach dem Interview-Marathon wirkte Angelique Kerber noch putzmunter. Strahlend lief sie im vierten Stock des Medienzentrums von einem Raum zum anderen, um jedem Journalisten auch noch die letzte Frage ausführlich zu beanworten. Selbst die nach ihrer Lieblings-App im Smartphone oder nach dem Produkt, das sie kurz vor Ladenschluss im Supermarkt noch unbedingt kaufen würde.

Die 30-Jährige war nach ihrem ersten Viertelfinaleinzug bei einem Major seit September 2016 sichtlich erleichtert. Über ihren auf der großen Bühne demonstrierten Kampfgeist - und die wiederentdeckten Houdini-Qualitäten, die im vergangenen Krisenjahr wie auf magische Weise verschwunden zu sein schienen. "Es war etwas Besonderes, dieses Match zu drehen, ich stand ja mit dem Rücken zur Wand. Aber ich habe immer daran geglaubt, dass es mir gelingt", sagte Kerber nach dem 4:6, 7:5, 6:2 im Achtelfinale gegen die ebenso unorthodox wie groß aufspielende Su-Wei Hsieh. Die Taiwanesin hatte zuvor unter anderem die spanische Wimbledonsiegerin Garbine Muguruza und die Polin Agnieszka Radwanska nach Hause geschickt.

Becker: "Ein gutes Gefühl, dass sie ihre alte Stärke zurückgewinnt"

Mit 4:5 und 0:15 bei eigenem Aufschlag lag auch Kerber im zweiten Satz schon zurück. "Doch heute haben der Kopf, der Körper und das Herz zusammengespielt", beschrieb sie die Erfolgs-Melange, die auch Boris Becker überzeugte. "Die Kerber von 2017 hätte diese Partie verloren. Es ist ein gutes Gefühl, dass sie ihre alte Stärke zurückgewinnt", sagte der Eurosport-Experte. Wohlwissend, dass die frühere Nummer eins schon wieder die alte ist. Im neuen Gewand gewissermaßen - gereift und erfolgreich. Eine "Angie 2.0" quasi.

"I can run forever!", betont Kerber in diesen Tagen immer wieder. Es klingt wie eine Hommage an 2016, als die körperliche Fitness der zweimaligen Grand-Slam-Siegerin der Grundstein für ihre ganz persönlichen Mondlandungen in Melbourne und New York war. Nicht zuletzt der neue Coach Wim Fissette hat dafür gesorgt, dass Einstellung und Grundlagen wieder stimmen. "Das Ziel ist, dass sie wieder um jeden Punkt kämpft", hatte der Belgier angekündigt. Der 13. Sieg im 13. Match des Jahres sind ein überragendes Zwischenzeugnis für Fissette. "Aber", erklärte die Linkshänderin, "wir stehen ja erst am Anfang unserer Zusammenarbeit." Will heißen: Da schlummert noch einiges an Potenzial!

Mit einem weiteren Sieg zurück in die Top Ten

Ob sie sogar besser sei als 2016, ist Kerber am Montag gefragt worden. "Ich weiß es nicht, die Saison hat ja gerade erst angefangen". In Sachen Emotionen allerdings sieht sie noch Verbesserungsbedarf. "Ich will sie noch besser kontrollieren", verriet die Fed-Cup-Spielerin. Eine Geduldsprobe wie gegen Hsieh, die Wundertüte mit beidhändiger Vorhand, wird im Match um den Sprung ins Halbfinale am Mittwoch allerdings nicht erwartet.

Gewinnt Kerber die nächste Partie gegen US-Open-Finalistin Madison Keys (USA/Nr. 17) , wird sie wieder die deutsche Nummer eins und in die Top 10 zurückkehren. Von sieben Duellen gegen die Hardhitterin aus Rock Island, die vom Münchnern Dieter Kindlmann und der früheren Nummer eins Lindsay Davenport trainiert wird, hat die Kielerin sechs gewonnen. Die aggressive Spielweise der Weltranglisten-20. Keys liegt der Konterspielerin Kerber, die in diesen Tagen komplett gelassen wirkt. Im australischen TV erzählte sie über ihr Hobby - das Fotografieren von Sonnenuntergängen auf der ganzen Welt.

2017 als Lernprozess - neue Gelassenheit

Auch am St. Kilda Beach hat sie schon das Smartphone gezückt, um ihre "Sunset"-Sammlung an Bildern zu erweitern. Kein Zweifel: Kerber hat ihre innere Ruhe wiedergefunden. Was nicht daran liegt, dass die Verpflichtungen außerhalb des Tennisplatzes weniger geworden sind. Nur hat sie inzwischen gelernt, sukzessive besser und offener damit umzugehen, zu genießen. Die Orientierungslosigkeit und Leere, die sie im vergangenen Jahr lähmten, sind verschwunden. "2017 war ein Lernprozess für mich", bestätigte "Angie". Bereits Anfang 2018 scheint sie die ersten Früchte zu ernten.

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