Tennis

Zverev und Kerber bei den Australian Open: Gemeinsame Wege trennen sich nun

Alexander Zverev
© getty

Während Angelique Kerber wieder in Grand-Slam-Form scheint, sucht Alexander Zverev nach wie vor nach seinem Major-Problem.

Als das neue Tennisjahr begann, schlugen Angelique Kerber und Alexander Zverev gemeinsam für Deutschland auf. Beim Hopman Cup, der inoffiziellen Weltmeisterschaft der gemischten Doppel, erreichte das Pärchen sogar das Endspiel gegen die Schweiz. Aber Zverev, mit Zwanzig ein ganzes Jahrzehnt jünger als seine Mitstreiterin, wusste später genau, wem dieser kleine Erfolg zu verdanken war. "Angie hat uns immer wieder in den Matches gehalten und gerettet", sagte Zverev, der mittelprächtig und durchwachsene Arbeitsproben ablieferte. Kerber ging mit Rückenwind weg von diesem Showturnier, gewann sogar in der nächsten Woche noch den Wettbewerb in Sydney. Und Zverev? Bei ihm hatte man schon leise Zweifel, was diese ersten, gleich sehr herausfordernden Tenniswochen bringen würden.

Am ersten Turniersamstag der Australian Open standen Kerber und Zverev wieder auf ein und demselben Platz, nun allerdings auf dem Centre Court wieder als Solisten im Tennis-Tourbetrieb. Aber geändert hatte sich nichts an den Kräfteverhältnissen der beiden deutschen Professionals: Kerber, bisher die Spielerin der Stunde im Wanderzirkus, verlängerte ihre imponierende Siegesserie in der frischen Spielzeit um einen glatten 6:1, 6:3-Sieg gegen Maria Sharapova, sie bleibt auch nach einem Dutzend Matches in der 2018er-Kampagne ungeschlagen, zog ins Achtelfinale ein. Zverev aber verlängerte auch einen Trend, einen kurzfristigen und einen langfristigen. Bei der 7:5, 6:7 (3:7), 6:2, 3:6 und 0:6-Drittrunden-Abfuhr gegen den südkoreanischen Generationsgenossen Hyeon Chung setzte sich der eher holprige Jahresauftakt für den Weltranglisten-Vierten fort.

Mentales Problem bei Zverev?

Zugleich offenbarte Zverev aufs Neue schwer wiegende Probleme, seine Talente und Potenzial bei einem der vier Major-Turniere auf den Platz zu bringen. "Es ist schon ein mentales Problem. Ich will mit aller Gewalt etwas erreichen. Ich will alles zu sehr bei den Grand Slams, die bedeuten mir eben eine Menge", sagte der Hamburger später. Fakt ist: Er konnte noch nie auf Grand Slam-Niveau das Viertelfinale erreichen. Und er schlug noch nie einen Top 50-Spieler, weder in Melbourne noch in Paris, Wimbledon oder New York.

So ergibt sich nach einer Woche Grand-Slam-Tennis im abgekühlten Melbourne ein aus früheren Tagen vertrautes Bild - und zwar: Angelique Kerber - und sonst nichts. Die 30-jährige Kielerin ist nun wieder einmal die letzte Mohikanerin im deutschen Aufgebot, so standhaft und aufrecht wie in den besten Tagen ihrer Karriere im Jahr 2016. "Ich bin glücklich, dass mein bestes Tennis zurückgekehrt ist", sagte die frühere Melbourne-Königin nach dem souveränen Auftritt gegen die sehr schwache Sharapova. Das hochgehypte Duell zwischen den beiden einzig im Turnier verbliebenen früheren Australian-Open-Siegerinnen enttäuschte, aber nur, weil die Russin enttäuschte. Kerbers Solidität und Sicherheit, ihre hinzu gewonnene Aggressivität beeindruckten dagegen, ernsthaft war ihr kaum mehr als eine Stunde dauernder Sieg nie in Gefahr.

Becker: Kerber hat Plan B und C, Zverev nicht

In ihrer Glanzform zeigte Kerber unfreiwillig auch genau das auf, was Zverev bisher noch fehlt im Spiel auf den allergrößten Bühnen: Die zupackende Schlagkraft bei den Big Points, auch die Hartnäckigkeit, das eigene Spiel gegen alle Widrigkeiten und Konkurrenz durchzusetzen - oder anzupassen. "Bei Sascha hatte ich das Gefühl, dass er keinen Plan B oder Plan C hat, wenn es mit Plan A nicht klappt", notierte DTB-Herrenchef Boris Becker, "bei Kerber zeigte sich, wie sehr sie auch von all den Erfahrungen profitiert, die sie in ihrer Karriere und gerade in den letzten beiden Jahren gesammelt hat."

Fast symptomatisch für Zverevs Zerrissenheit waren - ab dem vierten Satz - längere Wortgefechte mit dem Schiedsrichter, den er wiederholt aufforderte, endlich die Flutlichter in der Laver-Arena einzuschalten. Sich auf das Eigentliche und Wesentliche zu konzentrieren, nämlich einen Lösungsweg heraus aus der mentalen und spielerischen Krise zu finden, gelang ihm nicht mehr. Im letzten Akt kassierte er die bittere Höchststrafe, machte nur noch fünf Punkte im Grand-Slam-Untergang. Später sprach Zverev auch über den Druck, dem er sich ausgesetzt fühlt - gerade bei den Grand Slams: "Viele erwarten schon eine Menge von mir, sogar einen Sieg. Aber ich bin erst 20, da haben das noch nicht viele geschafft."

In Australien bleiben sie nun beide, Grand-Slam-Hoffnung Kerber genau wie Zverev. Die wiedererstarkte Kielerin trifft im Achtelfinale am Montag auf die Taiwanesin Su-Wie Hsieh, Zverev bereitet sich ab sofort schon auf das deutsche Davis-Cup-Match gegen Australien vor, das am übernächsten Wochenende (2. bis 4. Februar) in Brisbane stattfindet.

Grand-Slam-Sieger, die jünger als 20 Jahre alt waren

SpielerTurnier und JahrAlter
Michael ChangFrench Open 198917 Jahre und 109 Tage
Boris BeckerWimbledon 198517 Jahre und 227 Tage
Mats WilanderFrench Open 198217 Jahre und 288 Tage
Björn BorgFrench Open 197418 Jahre und 10 Tage
Boris BeckerWimbledon 198618 Jahre und 226 Tage
Rafael NadalFrench Open 200519 Jahre und 2 Tage
Björn BorgFrench Open 197519 Jahre und 9 Tage
Stefan EdbergAustralian Open 198519 Jahre und 324 Tage
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