Australian Open: Mischa Zverev trifft auf Roger Federer

Der stille Genießer will sein Idol ärgern

Montag, 23.01.2017 | 22:52 Uhr
Mischa Zverev wird auch gegen Roger Federer angreifen
© getty

Mischa Zverev steht nach seinem Sensationssieg gegen Andy Murray vorm Spiel gegen sein großes Idol Roger Federer. Dabei verdankt der introvertierte Zverev sein Comeback vor allem einem: Bruder Alexander. Das erste Spiel der Night Session am Dienstag bestreiten allerdings Stan Wawrinka und Jo-Wilfried Tsonga (ab 4.30 Uhr im LIVETICKER).

Als der finale Return von Andy Murray am frühen Sonntagabend in Melbourne ins Aus flog, nickte Mischa Zverev kurz seiner Box zu, chippte einen Ball ins Publikum, und lachte. Freude pur, für den Älteren der Zverev-Brüder. Den nachdenklichen, introvertierten Mischa.

Die Bilder von den Sekunden nach dem größten Sieg seiner Karriere, in denen Zverev mit Tränen in den Augen auf der Bank sitzt, sie flatterten auch einen Tag später in regelmäßigen Abständen über den Bildschirm des in Australien übertragenden Senders "7". Und man wartet bei jeder Einspielung auf den Freudentanz, die Säge, den Sprung ins Publikum - vergeblich. "Ich behalte meine Freude lieber in mir", versicherte Zverev im Interview, völlig in sich ruhend.

Zverev stand schon kurz vorm Karriere-Aus

Es passt ins Bild, das man von Mischa Zverev hatte. Er, der große Bruder, den man die vergangenen Jahre allenfalls als Trainingspartner oder Berater von Alexander "Sascha" Zverev auf dem Schirm hatte. Der sich fast klammheimlich wieder nach oben gespielt hat, während die Welt nur vom großen Hoffnungsträger der #NextGen spricht, von Alexander Zverev. Davon, wann der denn ganz oben anklopfen wird.

Mischa Zverev selbst wird sich nach dem Sieg gegen Andy Murray so hoch wie nie im ATP-Ranking einreihen, mindestens unter die Top 40 kommen. 2009 stand er schon einmal in dieser Gegend, war Weltranglisten-45., bevor ihn private Probleme, zu viele Verletzungen und zu viele Gedanken zurückwarfen. In Shanghai brach er sich zum Ende des Jahres das Handgelenk, danach holte ihn das gesamte Tennisspielerprogramm ein - Handgelenk, Rücken, Knie. 2014 folgte eine OP am linken Handgelenk, Zverev stürzte bis auf Rang 1067 zu Beginn der Saison 2015 ab. Zweifel an der Fortsetzung der Karriere keimten auf, vor allem auch, weil sich beim nachdenklichen Zverev eine, wie er es nennt, "mentale" Verletzungsproblematik einstellte; die Situation, "wenn man einfach nicht mehr mit den schlechten Nachrichten von Seiten der Ärzte umgehen kann oder der Erfolg auf dem Platz fehlt", wie er erklärte.

Bruder Alexander als Helfer in der Not

Genau zu dieser Zeit, im Sommer 2014, setzte Bruder Alexander mit 17 sein erstes Ausrufezeichen mit dem Halbfinale in Hamburg. "Diese Kombination - er spielte richtig gut, ich war verletzt - hat mir gezeigt, wie sehr ich Tennis vermisse, wie sehr ich Tennis liebe. Und ich habe realisiert, dass ich gut darin bin, vermutlich besser, als ich in allem anderen im Leben sein werde." Alexander war es auch, der Mischa eine Rückkehr in die Tennis-Elite prophezeite. "Er sagte mir: 'Du hörst nicht auf mit Tennis, du bist so gut darin, du schaffst es zurück unter die Top 100!'"

Dank Alexanders Aufstieg war auch Mischas Ehrgeiz gekitzelt. Er wollte nicht gegen seinen Bruder verlieren, musste dranbleiben. Auch dessen jugendliche Unbedarftheit, das positive Denken, half. "Du brauchst diese Art Persönlichkeit in deiner Nähe. Wenn Dinge nicht so laufen wie du willst, hast du jemanden, der immer positiv ist, immer daran glaubt. Er gehört zu den Menschen, die sagen: 'Pass auf, ich habe mir das in den Kopf gesetzt, verwirr mich nicht mit Fakten.' Das ist gut. Fakten sind nicht hilfreich. Wenn du dir was in den Kopf gesetzt hast, glaubst du an dich, und machst das auch so."

Mischa Zverev - der Realist

Mischa Zverev fing an, wieder an sich zu glauben, und spielte sich 2016 von Rang 171 auf 51 hoch. Er knöpfte Novak Djokovic in Shanghai einen Satz ab und schaffte es bei zehn Turnieren durch die Qualifikation - ein Rekord. Es passt dennoch ins Bild, dass ausgerechnet ein Match um die Welt ging, das für ihn eines der wichtigsten war und das er auch gewann, nach dem jedoch über einen anderen gesprochen wurde: die Arbeitsverweigerung von Nick Kyrgios in Shanghai - ein deshalb so wichtiges Match für Zverev, weil er durch seinen Sieg die Rückkehr in die Top 100 sicherstellte.

Selbst dieses Erlebnis jedoch ordnet Zverev ein. Kyrgios ("ein kreativer Geist") habe sich auf dem Weg in die Umkleide entschuldigt, er könne nichts Schlechtes über ihn sagen, so Zverev; außerhalb des Platzes sei er der netteste Typ, den man sich vorstellen könne. "Das Aufwachsen in der Öffentlichkeit ist eben nicht einfach. Wenn du daheim oder im Büro etwas vermasselst, bekommt das keiner mit. Wenn du wütend wirst, weiß es keiner, keiner beurteilt dich. Auf einem Tennisplatz ist das anders. Das gibt einem Spieler einen zusätzlichen Druck", sagt er.

Klarer Blickwinkel, auch gegen Roger Federer

Ohnehin differenziert Zverev punktgenau. Kyrgios oder Bruder Sascha seien künftige Grand-Slam-Turniersieger; er selbst wisse, dass er zwar ein guter Tennisspieler sei, aber kein extra-außergewöhnlicher. "Ich betrachte die Dinge aus einem recht klaren Blickwinkel."

Den klaren Blickwinkel wird Mischa Zverev auch nach der Sensation gegen Murray behalten. Zverev wird nicht abheben, er weiß, dass Viertelfinalgegner Roger Federer - sein großes Idol - der haushohe Favorit ist. Nicht zuletzt, weil es nach dem letzten Aufeinandertreffen mit Federer nur besser werden kann: Bei den Gerry Weber Open in Halle 2013 schoss ihn der Schweizer in nur 39 Minuten mit 6:0, 6:0 vom Platz.

Die Australian Open im Überblick

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