Mirjana Lucic-Baroni und ihr bemerkenswertes Comeback

Lucic-Baroni - Einmal vom Himmel in die Hölle und zurück

Montag, 23.01.2017 | 13:09 Uhr
Mirjana Lucic-Baroni hat in Melbourne schon gewonnen
© getty

Mirjana Lucic-Baroni schreibt eine der großen Geschichten im Tennissport - nicht nur bei den Australian Open, wo die Kroatin nach 18 Jahren Pause erstmals wieder ein Grand-Slam-Viertelfinale erreicht hat.

An Comeback-Geschichten ist wahrlich kein Mangel bei diesen verrückten Australian Open. Roger Federer, der elegante "Maestro", schwebt nach halbjähriger Auszeit wie schwerelos über die Courts von Melbourne. Sein Viertelfinal-Gegner in der Nachtvorstellung am Dienstag, der lange Zeit verletzte Hamburger Sensationsdarsteller Mischa Zverev, holt sich auf seine späten Tage Siege und Lorbeeren ab, die er eigentlich als Top-Talent vor zehn Jahren versprach - der Tennis-Planet nahm ihn erst wieder so richtig wahr, als er Down Under mit dem Triumph über Frontmann Andy Murray obenauf war wie nie zuvor. Auch Federers ewiger Tennisrivale Rafael Nadal beißt sich mit alter Leidenschaft und neu erworbener gesundheitlicher Robustheit in die Tennisduelle, bei der Melbourne-Renaissance der alten Helden könnte auch er noch eine Hauptrolle spielen.

Aber es gibt auch noch ein Comeback der besonderen Art zu würdigen, die Rückkehr einer Frau, die wie ein Gast aus einer anderen Epoche im National Tennis Center wirkt, an diesem an Kapriolen reichen Grand-Slam-Schauplatz. Mirjana Lucic-Baroni heißt diese Frau, und dass sie nun bei den Australian Open 2017 ins Viertelfinale vorgerückt ist, das ist nicht nur ein Beweis für eine unzerstörbare Liebe zu ihrem Sport, ein Beleg für ihre Hartnäckigkeit und Ausdauerkraft. Es ist schlicht und ergreifend auch ein Wunder. "Ich bin jemand, der nicht so leicht unterzukriegen ist. Ich bin ziemlich störrisch", sagt Lucic-Baroni, und das darf man getrost als Untertreibung bezeichnen. Bei ihr, der Frau, die vielleicht die Mutter aller Comebacks geschafft hat.

Flucht vor dem Vater

Als Versprechen für die Zukunft wurde sie einmal gefeiert, 20 Jahre ist das her, in einer Epoche, in der es für das Profitennis noch kein Problem war, halbe Kinder im Tour-Geschäft zuzulassen. 1997 und 1998 gewinnt sie mit 15 bzw. 16 Jahren sowohl im Einzel wie im Doppel gleich ihr erstes Turnier, in Melbourne siegt sie damals an der Seite von Martina Hingis. Doch schon bevor sie 1999 ins Halbfinale von Wimbledon gelangt und gegen Steffi Graf verliert, nimmt die gerade erst gestartete Karriere eine tragische Wendung. Im Dunkel der Nacht flieht das Wunderkind mit ihren vier Geschwistern und ihrer Mutter Andelka vor dem häuslichen Terror des Vaters, eines ehemaligen olympischen Zehnkämpfers, in die USA, sucht dort Asyl.

Eben noch glaubt Lucic-Baroni, "dass mir die ganze Tenniswelt zu Füßen liegt" - und beinahe im nächsten Moment steht sie vor einem privaten und sportlichen Scherbenhaufen - denn die traumatischen Erlebnisse zerren an dem jungen Mädchen. Erlebnisse, die sie später, als sie den Tennisschläger vorübergehend völlig zermürbt zur Seite gelegt hat, in einem Interview so beschreibt: "Ich habe so viele Schläge bekommen, wie man sich kaum vorstellen kann." Sie sei "oft grün und blau am ganzen Körper" gewesen, sagt sie, selbst die Haare habe sie sich manchmal nicht mehr bürsten können, "weil mir der Kopf so weh tat." 2003 kann Lucic-Baroni einfach nicht mehr weiter, es hat dann auch mit einem erbitterten Streit mit einem früheren Manager zu tun, den sie beschuldigt, sie in den "finanziellen Ruin" getrieben zu haben. Von 2004 bis 2006 bestreitet sie gar keine Spiele mehr, 2007 kehrt sie auf die kleine Tennistour zurück, es ist ein mühsamer, beschwerlicher Neuanfang. Es scheint eher, als sei das ganze Projekt zum Scheitern verurteilt. "Viele hätten das nicht durchgestanden", sagt Lucic-Baroni heute, "aber ich hatte halt noch ein paar Rechnungen offen."

Comeback in New York

Es wird noch viele Tage, Monate und Jahre dauern, bis man wieder von ihr Notiz nimmt. 2014 ist das eigentlich erst, bei den US Open geht das letzte Grand-Slam-Turnier der Saison über die Bühne. Drei schwere Qualifikationsrunden gewinnt Lucic-Baroni, die Frau von Gestern, das einstige Wunderkind, und dann sorgt sie, die Trotzige, für einen echten Paukenschlag, als sie die Weltranglisten-Zweite Simona Halep besiegt. "Mutter Courage" nennt die frühere Weltranglisten-Erste Lindsay Davenport da die unbeugsame Kroatin, sie sei jemand, der nicht nur Gegnerinnen, sondern auch die "Dämonen der Vergangenheit" besiege. "Spielerin des Jahres" sei Lucic-Baroni, findet Tracy Austin, die US-Größe, die selbst einmal ein Wunderkind der Branche war. Sie sagt das, als sich Lucic-Baroni im Herbst 2014, beim Turnier im kanadischen Quebec, den Titel gegen Venus Williams holt - 16 Jahre nach den ersten großen Erfolgen als beinahe noch Halbwüchsige.

Und Lucic-Baroni ist immer noch da, stark, unverwüstlich, energiegeladen. 34 Jahre alt ist sie. Oder 34 Jahre jung. Denn ans Aufhören denkt sie noch längst nicht, jetzt, wo sie Tennis und ihre späten Erfolge so glücklich genießen kann wie nie zuvor. "Manchmal muss ich mich in den Arm zwicken, weil ich denke: Ist das wahr? Hat sich das alles so gedreht in meinem Leben?", sagt sie. Bei den laufenden Australian Open schmiss sie schon in der zweiten Runde die Weltranglisten-Dritte Agnieszka Radwanska aus dem Turnier, am Montag buchte sie nun ihren Viertelfinal-Platz (erstmals seit 1999 in Wimbledon) souverän gegen die Amerikanerin Jennifer Brady. Nächste Gegnerin ist die Tschechin Karolina Pliskova, neben Serena Williams die große Turnierfavoritin. Aber wer weiß, was Lucic-Baroni noch alles an Überraschungen produziert. Die Frau, die im Tennis einmal vom Himmel in die Hölle und zurück fuhr. Und die sich manchmal über sich selbst und ihre Langstrecken-Power wundert: "Manchmal spiele ich schon gegen Spielerinnen, die noch gar nicht geboren war, als ich schon auf der Tour war. Und dann denke ich: Wahnsinn, ich kann stolz sein, dass ich noch und wieder dabei bin."

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