Corretja im tennisnet-Interview: "Wollen nicht, dass Bumm-Bumm dominiert"

Von Jörg Allmeroth
Samstag, 02.06.2018 | 11:50 Uhr
Alex Corretja
© Longines

Alex Corretja, hier im exklusiven tennisnet-Interview, ist gemeinsam mit Arantxa Sanchez Botschafter des Einladungsturniers Longines Future Tennis Aces, bei dem die Schweizer Uhrenmarke Longines in Paris die Tennisstars von Morgen sucht. Corretja stand zwei Mal im French Open-Finale, wurde 1998 ATP-Weltmeister und kletterte bis auf Platz zwei der Weltrangliste vor. Mit dem spanischen Team wurde er auch Davis Cup-Sieger.

Das Nachwuchs-Turnier von Longines findet 2018 zum neunten Mal statt, erstmals und einmalig kämpfen Jungen und Mädchen aus 20 Nationen gemeinsam um den Siegerpokal, bisher wechselten sich Turniere für Jungen und Mädchen ab. Turniergewinner werden von Longines auch bis zu ihrem 16. Lebensjahr finanziell unterstützt. 2013 gewann Rudi Molleker das Turnier, er ist inzwischen in der ATP-Weltrangliste schon in die Region um Weltranglisten-Platz 300 geklettert.

Er wird am Samstagabend auch bei einer Gala-Veranstaltung von Longines in Paris zu Gast sein, zu der auch Stefanie Graf und Andre Agassi erwartet werden. Das Ehepaar nimmt am Samstag auch die Siegerehrung auf dem Finalcourt vor, der direkt unter dem Eiffelturm aufgebaut wurde.

Jörg Allmeroth aus Paris

tennisnet: Herr Corretja, Sie haben über viele Jahre die Talentsuche bei den Longines Future Tennis Aces begleitet. Was fällt Ihnen in diesem Jahr auf?

Alex Corretja: Vor allem die unglaubliche körperliche Konstitution der Spieler und Spielerinnen. Bei den Jungs haben wir hier Spieler im Feld, die mit zwölf Jahren schon an die 1,80 Meter groß sind und 70 Kilo wiegen. Wie wird das sein, wenn sie 17,18 sind? Es ist absolut unglaublich. Wir müssen ja im Tennis aufpassen, dass das Spiel nicht zu sehr von Kraft und Wucht dominiert wird, dass es noch Raffinesse und Eleganz zulässt. Wir wollen doch nicht, dass nur noch Bumm-Bumm dominiert. Ich bin sicher, dass es irgendwann dazu kommen wird, dass das Netz höher ist. Das Spiel soll doch auch Unterhaltung bieten, nicht nur Aufschläge, Ballwechsel mit zwei, drei Schlägen.

tennisnet: Schwere Bälle waren auch immer wieder in der Diskussion?

Corretja: Ja, das hat man schon zu meiner Zeit immer wieder ins Spiel gebracht. Aber dagegen spricht ganz klar, dass dies zu mehr Verletzungen führt, gerade im Schulterbereich. Das kann niemand wollen. Ich denke, es ist auch wichtig, die Courts zu entschleunigen. Man muss die Hartplätze etwas aufrauen und ihnen Geschwindigkeit nehmen. Übers Jahr sollte eine Balance herrschen, so dass sich alle wohlfühlen, die Spieler mit Sandpräferenz und die, die schnellere Plätze bevorzugen. Ich möchte, dass sich großgewachsene und kleinere Spieler wohlfühlen. Es ist schön, wenn ein Diego Schwartzman gut auf Hartplätzen spielt. Und wenn ein Kevin Anderson oder John Isner gut auf Sand. Das macht den guten Mix aus.

tennisnet: Sie haben hier auch mit Eltern und Coaches der Kids des Future Tennis Aces-Wettbewerbes gesprochen. Was ist, ganz allgemein gesagt, der Ratschlag für eine gesunde Karriere?

Corretja: Es ist wichtig, dass man stets lernbereit ist, viel Geduld und Zähigkeit über die langen Jahre hat. Tennis ist vor allem eins: Lebenslanges Lernen. Und die Qualität, aus Rückschlägen Positives zu ziehen. Ich lernte mehr aus meinen Niederlagen als aus meinen Siegen. Und das geht allen Topspielern so. Im Tennis ist es nun mal so, dass du von den allermeisten Turnieren als Verlierer wegfährst, das ist also etwas ganz Normales, mit dem du umgehen musst.

tennisnet: Das Turnier findet ja auf Sandplätzen statt. Sie sagten dazu auch, dass Sandplätze die perfekte Erziehung für einen jungen Spieler seien.

Corretja: Natürlich. Hier lernst du die ganze Bandbreite des Tennis, hier musst du Geduld haben. Hier musst du immer noch einen Schlag mehr und mehr und mehr spielen. Sandplätze sind die wunderbarste Ausbildungseinrichtung. Ich war erstaunt, dass selbst in manchen Städten in großen Tennisnationen kaum Sandplätze vorhanden sind, etwa in Westaustralien.

tennisnet: Kommen wir mal zum besten Sandplatzspieler aller Zeiten, einem Mann, der eigentlich auch sehr viel Geduld haben müsste - ihr Landsmann Rafael Nadal. Erstaunt es Sie, wie hungrig er noch immer ist, nach all den Jahren auf der Tour?

Corretja: Nein, ganz und gar nicht. Es gehört zur DNA der ganz Großen, dass sie ihren Ehrgeiz nie verlieren. Nadal fährt nicht zu einem Turnier hin, nur um gut zu spielen. Er will gewinnen, immer und überall. Und ganz besonders in Paris, seiner zweiten Heimat. Seiner Heimat als Tennisspieler. Nadal ist schlicht der größte Wettkämpfer, den ich je kennengelernt habe.

tennisnet: Zwei Spieler haben Nadal in diesem Jahr besonders herausgefordert: Dominic Thiem und Alexander Zverev. Wie sehen Sie dieses Duo?

Corretja: Wir brauchen diese jungen Typen, die Leben in die Bude bringen. Ich freue mich natürlich über Rafas Siege, aber ich weiß auch, dass wir frisches Blut brauchen. Junge Spieler, die Großes schaffen wollen und sich auch Großes trauen, wenn es darauf ankommt. Thiem und Zverev haben gezeigt, dass sie Außergewöhnliches zu leisten imstande sind. Thiem ist der harte Malocher. Zverev ist auch ein harter Arbeiter, aber mit etwas flüssigerem Tennis noch. Und er hat den Vorteil, mit seiner Größe doch den ein oder anderen freien Punkt zu erzielen.

tennisnet: Nun haftete Zverev immer der Makel an, dass er es bei den Grand Slams nicht weit bringe und Nerven zeige. In Paris spielt er aber gerade nervenstark und schafft es auch, sich aus schwierigen Situationen zu befreien.

Corretja: Gegen Lajovic haben viele am Anfang schon wieder den Finger erhoben und gesagt: Schau an, er geht wieder früh aus dem Turnier raus. Und dann hat er sich da rausgezogen aus dem Schlamassel und wirklich wie um sein Leben gekämpft. Dieser Sieg war wertvoller als der Masters-Titel in Madrid für ihn, dieses Comeback. Es wird ihm für andere knifflige Situationen die Gewissheit geben: Ja, ich kann das noch schaffen.

tennisnet: Was trauen Sie Zverev mittel- bis langfristig zu?

Corretja: Es gibt gar keinen Zweifel, und das ist ja keineswegs eine exklusive Meinung von mir: Er wird die Nummer 1 werden. Und er wird Grand Slam-Titel gewinnen. Wie früh, wie spät: Das ist die einzige Frage.

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