Drei Ideen, um die Pausen beim Seitenwechsel kreativ zu nutzen

Von Marco Kühn / Tennis-Insider.de
Samstag, 17.03.2018 | 15:35 Uhr
Belinda Bencic (l.) und Roger Federer nutzen die Seitenwechsel zur Analyse
© getty

Viele Hobbyspieler wissen nicht viel mit den Pausen zwischen den Seitenwechseln anzufangen. Mit diesen drei Ideen könnt ihr die 90 Sekunden effektiv für euch nutzen.

Es steht 1:4. Man setzt sich auf die Bank, trinkt kurz einen Schluck der warm gewordenen Apfelschorle, verzieht das Gesicht und steht wieder auf. Dieses Ritual dauert, wenn man sich viel Zeit lässt, 30 Sekunden. An der Grundlinie angekommen stellt man sich zum Return bereit, um erneut von dem Aufschlag mit Slice nach außen überrascht zu werden - ähnlich wie die Aufschlagspiele zuvor.

So plätschert das Match dann vor sich hin wie eine langweilige Netflixserie, bei der man mehr auf sein Smartphone als auf die Handlung achtet. Wer unachtsam über den Platz torkelt, von Aufschlag zu Aufschlag, von Return zu Return, wird sein Spielverständnis und seine Matchintelligenz niemals verbessern. Wer die sich bietenden Pausen in einem Match hingegen achtsam nutzt, sich selbst die richtigen Fragen stellt und dabei kreativ wird, kann innerhalb weniger Monate seine Intelligenz auf dem Platz verbessern.

90 Sekunden

Eine Minute und 30 Sekunden hast du offiziell bei jedem Seitenwechsel Zeit dich zu erholen und dabei auch noch zu sitzen. Wir müssen nicht darüber sprechen, dass im Hobbybereich kaum jemand diese Zeit nutzt. Meist stehen beide Spieler nach spätestens 45 Sekunden wieder auf, um das Spiel fortzuführen. Ganz davon abgesehen, dass man so wertvolle Zeit verschenkt um sich körperlich zu erholen, wird auch der mentale Aspekt beim Seitenwechsel fast vollkommen vernachlässigt. Wenn die Zeit auf der Bank überhaupt genutzt wird, dann um sich zu ärgern oder mit Vorwürfen selbst zu ohrfeigen.

Verblüffend, dass diese Vorgehensweise nicht zum Erfolg führt, oder?! Du kannst jede Pause beim Seitenwechsel nutzen, um dich, das Spiel und deinen Gegner zu analysieren und die aus deinen Analysen gewonnenen Kenntnisse umgehend auf dem Platz anzuwenden. Hey, das ist doch genial, oder nicht? Du stellst etwas fest und kannst es sofort ändern. Das geht nur auf dem Tennisplatz und nur beim Seitenwechsel. Wenn du am Abend von der Arbeit kommst und dir beim Feierabendbierchen auf der Couch einfällt, dass du vergessen hast den Drucker im Büro auszuschalten, kannst du dies nicht innerhalb von 90 Sekunden ändern.

Idee #1: Stelle dir "W"-Fragen

Warum steht es 1:4 aus deiner Sicht? Wieso gewinnt dein Gegner jedes seiner Aufschlagspiele so glatt? Warum kann dein Gegner so regelmäßig mit seiner Vorhand aus dem Halbfeld punkten? Wieso stehst du in jedem Ballwechsel so weit hinter der Grundlinie? Wie hat dein Gegner überhaupt die meisten seiner Punkte gemacht? Waren es Fehler von dir oder direkte Punkte von ihm? Wenn es viele Fehler von dir waren, wie kam es zu diesen Fehlern? Waren die Fehler erzwungen oder viele davon doch unerzwungen?

Wenn du dir regelmäßig beim Seitenwechsel "W"-Fragen stellst, deren Beantwortung dir manchmal ein wenig weh tut, kommst du zu ehrlichen Ergebnissen, an denen du sofort im weiteren Spielverlauf arbeiten kannst. Nur wenn du die Wirkungen auf dem Platz verstehst, kannst du an deren Ursache arbeiten. Kopflos über den Platz laufen und alles einfach über dich ergehen zu lassen, ist noch schlimmer als sich unbequeme Fragen zu stellen.

Idee #2: Was würde ... jetzt tun?

Setze an die Stelle der drei Punkte deinen Lieblingsspieler oder deine Lieblingsspielerin. Ich gehe davon aus, dass du deinen Helden schon sehr oft bei der Arbeit im Fernsehen beobachtet hast. Du wirst gesehen haben, wie beispielsweise Roger Federer trotz Rückstand ruhig geblieben ist und einfach sein Spiel weitergespielt hat. Oder wie Angelique Kerber ihre Vorhand aggressiver gespielt hat, nachdem sie verstanden hatte, dass sie zu defensiv agierte. Auch was die Körpersprache und das allgemeine Auftreten betrifft, wirst du die Eigenschaften deiner persönlichen Lieblingsspieler kennen.

Dieses Wissen kannst du für dich beim Seitenwechsel nutzen. Du kommst mit dem knallharten ersten Aufschlag deines Gegners nicht klar und hast noch keinen ersten Aufschlag zurück ins Feld gebracht? Überlege, wie Federer sich beim Return verhält, wenn er gegen die Aufschlag-Giganten dieser Welt seine Genialität unter Beweis stellt. Roger steht meist nah an der Grundlinie und nicht zu weit dahinter, um den Aufschlag besser blocken zu können. Du bist vollkommen von der Rolle und bringst kaum einen Ball ins Feld? Überlege, was Rafael Nadal tun würde. Er würde wahrscheinlich zunächst seine Sicherheit in den Schlägen über mehr Höhe und Länge zurückgewinnen wollen.

Natürlich hast du nicht die spielerischen Möglichkeiten deines Lieblingsspielers. Aber du kannst dir Anhaltspunkte und neue, positive Einflüsse für dein eigenes Match holen.

Idee #3: Visualisiere deinen nächsten Aufschlag oder Return

Was bedeutet Visualisierung genau? Du stellst dir bildlich so detailliert wie möglich etwas vor, was du in sehr naher Zukunft durchführen wirst. Lass uns solch eine Visualisierung anhand deines Aufschlags durchgehen. Du sitzt auf der Bank und weißt, dass du gleich servieren musst (oder darfst, je nachdem, wie es gerade so läuft). Beim Seitenwechsel hast du die Zeit, dir genau vorzustellen, was für deinen Aufschlag wichtig ist. Wenn du dies detailliert in Gedanken durchgehst, wird sich dein Gefühl für deinen Aufschlag verbessern. Das ist so, als wenn du etwas bereits tatsächlich schon mal getan hättest, bevor du es überhaupt getan hast.

Stelle dir detailliert vor, wie du an der Grundlinie stehst, den Ball auftippst, die richtige Griffhaltung findest, rüber zu deinem Gegner schaust und deine Aufschlagbewegung startest. Gehe in Gedanken durch, wie du den Ball gerade hochwirfst, den Schläger ruhig in den Rücken nimmst, Bogenspannung aufbaust, den Ball genau anschaust und Stabilität in deinen Körper bekommst.

Im letzten Schritt stellst du dir genau vor, wie du den Ball am höchsten Punkt, mit gestrecktem Arm, perfekt in der Mitte deiner Schlägerfläche triffst, dich zuvor mit den Beinen vom Boden abdrückst und dich in die Höhe schraubst, du am Klang des Schlages bereits hörst, dass der Aufschlag eine Granate wird und du anschließend den ins Netz segelnden Return deines Gegners beobachtest.

Mit diesen drei Ideen wirst du in der Lage sein, auch ein 1:4 noch zu drehen und das Match zumindest spannend und offen zu halten.

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