Tennis

Boris Becker – „Möchte den Einfluss von Pepe Imaz nicht bewerten”

SID
LONDON, ENGLAND - JUNE 17: Four time champion Boris Becker of Germany during day five of The Aegon Championships at The Queens Club on June 17, 2016 in London, England. (Photo by Richard Heathcote/Getty Images)
© Richard Heathcote

Die deutsche Tennislegende spricht im Interview über die Trennung von Novak Djokovic, Poker und seine Tenniszukunft.

Die Erfolgs-Ära " Beckovic " ist beendet, Boris Becker und Novak Djokovic gehen ab sofort getrennte Wege. Im SID-Interview spricht die deutsche Tennis-Ikone über die Gründe der Trennung, die eigene Zukunft an Tenniscourts und Pokertischen sowie die Duelle in der kommenden Saison.

Herr Becker, was hat aus Ihrer Sicht den Ausschlag für die Trennung von Novak Djokovic gegeben?

Novak hat im Mai zum ersten Mal die French Open gewonnen. Er war am Ziel seiner Träume und hat sich anschließend gefragt: Quo vadis? Er hatte Familie und Freunde vernachlässigt, um ganz nach oben zu kommen. Das wollte er ändern. Ich verstehe das. Wenn du die Familie dauerhaft vernachlässigst, verlierst du sie irgendwann. Bei den Gesprächen mit ihm wurde deutlich, dass seine Prioritäten nicht mehr zu 100 Prozent auf dem Tennisplatz lagen.

Immerhin hat es für Djokovic mit weniger Intensität auch zu den Endspielen bei den US Open und dem Saisonfinale gereicht...

Es verdient höchsten Respekt, dass er trotz allem Weltklasse in seinem Job war. Das Finale in New York zu erreichen, nach der verzwickten, komplizierten und von Verletzungen geprägten Sommerpause, war eigentlich unmöglich. Natürlich waren wir nach der Niederlage gegen Andy Murray beim Saisonfinale in London etwas enttäuscht, aber Andy hat sich die Nummer eins redlich verdient, auch durch seine unglaubliche Serie im Herbst.

Welchen Einfluss hatte Djokovics intensiver Kontakt zum spanischen Mentaltrainer Pepe Imaz auf die Entscheidung, getrennte Wege zu gehen?

Ich möchte seinen Einfluss nicht bewerten.

Wie geht es für Sie auf der Tennistour weiter? Welcher Spieler wäre nach Djokovic interessant? Hat sich schon jemand bei Ihnen gemeldet?

Bei den Australian Open werde ich als Experte bei Eurosport im Einsatz sein. Das gibt mir die Gelegenheit, mit dem einen oder anderen Spieler zu sprechen und dann eine Entscheidung zu treffen, ob und wie es in Sachen Tennis weitergeht.

Für Ihren ehemaligen Schützling geht es auf jeden Fall weiter. Trauen Sie Djokovic im kommenden Jahr zu, wieder zurück zu alter Stärke zu finden?

In jedem Fall traue ich das Novak zu. Ich bin mir sogar sicher, dass das der Fall sein wird.

Wer kann sich 2017 in den Zweikampf Djokovic vs. Murray einmischen. Was trauen Sie Nadal und Federer zu?

Ich weiß nicht, wie fit Rafa und Roger in die Saison starten werden. Ich kann mich nur an Fakten orientieren, und die sind: In diesem Jahr haben zwei Spieler dominiert. Novak in der ersten Jahreshälfte, Andy in der zweiten.

Welcher der jungen Wilden kann in der kommenden Saison den Sprung in die absolute Weltspitze schaffen?

Dominic Thiem, Nick Kyrgios und Alexander Zverev klopfen alle an die Tür. Sie sind schon verdammt nah, und es wird im kommenden Jahr noch enger werden. Vergessen darf man nie Milos Raonic oder Stan Wawrinka, der wie ein guter Wein ist: je älter, desto besser. Außerdem hat er gezeigt, dass man auch mit über 30 Jahren noch Grand-Slam-Turniere gewinnen kann. Für Novak ist es wichtig, das zu sehen.

Was fehlt Sascha Zverev noch zum Sprung in die absolute Weltspitze?

Eine gewisse Konstanz ist wichtig. Die Qualität und die Form muss er Woche für Woche auf den Platz bringen. Das unterscheidet die Top 2 Novak und Andy von allen anderen in der Welt. Bei Sascha ist es aber auch eine Frage des Alters: Er ist 19 und mitten in einem Prozess, den er durchmachen muss. Das ist ähnlich wie bei Nick Kyrgios, der in der einen Woche weltklasse ist, in der anderen sich alles wieder kaputt machen kann.

Braucht auch Sascha Zverev einen Mentor für den nächsten Schritt in seiner Entwicklung?

Sascha ist bei seinem Vater und Bruder in besten Händen, seine Familie hilft ihm enorm. Novak hat mich mit 26 Jahren angerufen, Sascha ist deutlich jünger.

Angelique Kerber steht vor einigen neuen Herausforderungen. Kann sie sich 2017 an der Spitze halten?

Es ist die eine Sache, die ersten Grand-Slam-Turniere zu gewinnen und die Nummer eins zu werden. Doppelt schwer ist es dann, alles nochmal zu machen und die Titel erfolgreich zu verteidigen. Das bedarf einer gewissen Stärke und Ausdauer, die ich Angelique aber durchaus zutraue. Sie ist in einem reifen Alter und hat ein gutes Umfeld mit einem klasse Trainer. Durch ihre Konstanz hat sie durchaus die Chance, ihre Erfolge zu wiederholen und an der Spitze zu bleiben. Das Damentennis wird ja jeden Monat von neuen Gewinnerinnen überrascht, und Serena Williams wird auch nicht jünger.

Sie waren einige Jahre von der Poker-Bühne verschwunden. Wie ist derzeit Ihre Form am Tisch?

Das ist nicht ganz richtig. Wahrscheinlich hat man es in Deutschland nicht wirklich mitbekommen, aber ich habe auch in den letzen Jahren regelmäßig an Turnieren teilgenommen. Wie Sie wissen, wohne ich ja in London, und das ist das Poker-Mekka Europas. Außerdem bin ich oft in China unterwegs, wo auch leidenschaftlich gezockt wird.

Bei Ihrem ersten Turnierauftritt in Europa nach längerer Pause haben Sie mit Platz 13 sofort überzeugt...

In Nottingham Ende Oktober, das war mit PartyPoker mein erstes Turnier und unsere Zusammenarbeit hat gleich sehr positiv begonnen. Mir ist es wichtig zu zeigen, dass ich nicht nur ein Botschafter für PartyPoker bin, sondern auch das Spiel beherrsche. Immerhin spiele ich schon seit 15 Jahren leidenschaftlich. Ich glaube auch, dass ich ein besserer Spieler als vor fünf Jahren bin. Das liegt in der Natur der Sache, je häufiger man am Tisch sitzt, umso besser wird man.

Was macht Sie am Pokertisch aus? Und haben Sie auch Schwächen?

Als guter Pokerspieler muss man sein Gegenüber und den ganzen Tisch lesen können. Ein Turnier dauert teilweise Tage, da hat man viel Zeit, die Gegner und Systeme kennenzulernen. Man muss Spielsysteme entziffern und selbst eine Strategie entwickeln können. Dazu gehören Konzentration, Leidenschaft und Siegeswille. Meine Schwäche ist hauptsächlich die Tatsache, dass ich nicht jede Woche spiele.

Das Gespräch führte Cai-Simon Preuten vom SID

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