Tennis

„Ein Titan ist gefallen“ – Novak Djokovic am Ende aller Kraft

SID
LONDON, ENGLAND - JULY 02: Novak Djokovic of Serbia slips during the Men's Singles third round match against Sam Querrey of The United States on day six of the Wimbledon Lawn Tennis Championships at the All England Lawn Tennis and Croquet Club on Ju...
© Adam Pretty

Für den „Djoker“ forderte die Hetzjagd nach Rekorden ihren Tribut. Nach dem Aus machten Gerüchte über eine Verletzung und private Probleme die Runde.

Eigentlich wollte er schon gehen, weg von Wimbledons Court 1, weg von seinem Feldherrn-Sitz in der Spielerloge. Doch dann musste sich Boris Becker noch einmal setzen, er brauchte einfach noch einen Moment länger, um zu verkraften, was soeben an diesem denkwürdigen Samstagabend geschehen war: Der jähe, unwahrscheinlichen Sturz seines Mannes Novak Djokovic aus allen Titelträumen, eben nicht in einem packenden Halbfinalduell gegen „Maestro” Roger Federer. Oder in einem Endspiel-Klassiker gegen Braveheart Andy Murray. Sondern in der dritten Runde gegen einen amerikanischen Kraftmeier namens Sam Querrey, der in der Hackordnung der Profis Platz 41 einnimmt, meist unbeobachtet, meist unscheinbar.

„Ich brauche jetzt Abstand vom Tennis“

Doch am Ende einer ersten Turnierwoche der frustrierenden Regenqualen im Rasenreich war er, der 28-jährige Kalifornier mit dem Spitznamen „Uncle Sam“, der Mann, der ein Tennis-Erdbeben mit starker seismischer Kraft auslöste – sein 7:6 (6), 6:1, 3:6, 7:6 (5)-Sieg über den Weltranglisten-Ersten und überhaupt das Gespann „Beckovic“ gehörte zu den größten Überraschungen der letzten Wimbledon-Jahrzehnte. „Ein Titan ist gefallen“, titelte anderntags der „Daily Telegraph“ über den Sensations-Abgang von Djokovic. Nach den besten zwölf Monaten, die ein Tennisprofi in der modernen Zeit in die Geschichtsbücher seines Sports festgeschrieben hatte, wirkte Djokovic auf einmal aller Kraft, Intensität und spielerischer Magie beraubt – eine mattes Abbild des sonst so unnachgiebigen Herrschers über den Wanderzirkus. „Irgendwann musste dieser Einbruch kommen. Die Anspannung war zuletzt mörderisch für ihn“, sagte die 18-malige Grand-Slam-Gewinnerin Martina Navratilova, „er hatte dauernd diese Ziele vor Augen: Alle Major-Turniere in einem Jahr zu gewinnen, dazu noch Gold in Rio.“ Nie sei Djokovic in diesem Wimbledon-Jahr „wirklich er selbst gewesen“, befand Australiens einstiger Champion Pat Cash, „er war nur ein Schatten.“

War es eine körperliche Malaise, stimmten die Gerüchte über eine Schulterverletzung? War es die zehrende Hetzjagd des gnadenlosen Perfektionisten nach immer neuen Rekorden, die sich nun in Verkrampfung, Befangenheit und hölzernem Auftritt äußerte? „Die letzten Monate waren extrem herausfordernd“, sagte Djokovic später beim leicht seltsamen Frage-und Antwort-Spiel mit der Weltpresse, „ich brauche jetzt Abstand vom Tennis, ich will mehr Zeit mit meiner Familie verbringen.“ Er sei „sicher nicht zu 100 Prozent da gewesen körperlich“, gab der 29-Jährige eher ungehalten zu Protokoll, „aber ich will nicht weiter darüber sprechen.“ Seine engeren Freunde deuteten das allerdings am Samstagabend als Ablenkungsmanöver, es gebe „Probleme im privaten Bereich“, die den Frontmann der Szene belastet hätten. Welche? Da herrschte eisernes Schweigen, zu recht auch.

„Es ist Quatsch, jetzt das Ende der Dominanz von Djokovic auszurufen“

Alle Augen und Sinne für seine Titelmission auf den grünen Tennisfeldern des All England Club hatte Djokovic aber offensichtlich nicht beisammen. Sonst wäre auch schwer erklärbar, wie der beste Athlet und zuletzt härteste Wettkämpfer schon in der Frühphase eines Majors gegen einen wie Querrey ausscheiden konnte, so früh wie zuletzt 2009 in Paris (Dritte Runde gegen Kohlschreiber). Nichts von Djokovics überragenden Qualitäten schimmerte in diesem frustrierenden, immer wieder von Regenpausen unterbrochenen Match auf, erst recht nicht die Autorität, bei den Big Points die nötige Klasse und eiserne Konzentration zu zeigen. „Niemand ist unverwundbar. Man vergisst das leicht, wenn jemand wie Novak siegt und siegt“, hatte Roger Federer schon einmal in den letzten Wimbledontagen gesagt, ein Mann, der wusste, wovon er sprach. Denn auch er, der Rekordsieger bei Grand-Slam-Turnieren (17), hatte irgendwann mit Brüchen in der Erfolgsbilanz leben müssen, mit dem Ende von imponierenden Siegesserien. Und auch mit der Tatsache, dass die hetzende Verfolgermeute neu inspiriert wird durch einen Sensationscoup wie den von Querrey gegen Djokovic. „Es ist Quatsch, jetzt das Ende der Dominanz von Djokovic auszurufen“, sagte US-Star John McEnroe, „aber es könnte sein, dass wir wieder mehr Spannung in der Spitze bekommen.“

Noch bis zum nächsten Sonntag hält Djokovic alle vier Grand-Slam-Titel in seinem Besitz, dann wird in Wimbledon der Champion des Jahrgangs 2016 gekrönt. Wird es ein vertrautes Gesicht ein? Etwa Roger Federer? Der „Maestro“ wird den Abgang Djokovics mit besonderem Interesse verfolgt haben, er ist nun in der oberen Hälfte des Auslosungstableaus der Spieler mit dem größten Gewicht. Federer verlebte inmitten des Wetterchaos eine komplette entspannte Auftaktwoche, zwei Mal durfte er unterm Centre-Court-Regenschirm antreten, stand schon am Freitag als einziger Achtelfinalist fest. Der 2. Juli könnte für ihn aufs Neue ein Schicksalstag sein. Vor 15 Jahren schlug er in einem legendären Match den großen Pete Sampras, es war die Initialzündung für Federers brillante Karriere. Macht Djokovics Scheitern am 2. Juli nun den Weg frei für Federer, für ein letztes Hallelujah im grünen Tennis-Paradies?

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