„Roger Federer hat noch einen ganz großen Titel in sich!“

Mittwoch, 22.06.2016 | 08:49 Uhr
© Matthias Stach

Der Eurosport-Kommentator über Spaß hinterm Mikro, die Grand-Slam-Chancen des "Djokers" und seinen spektakulären Schlag gegen Roger Federer.

Matthias Stach (53) ist Deutschlands Tennisstimme und wurde bereits mehrfach als bester Tennis-Kommentator ausgezeichnet. Stach kommentiert auf Eurosport unter anderen die Grand-Slam-Turniere von Melbourne, Paris und New York und ist bekannt dafür, vor der Kamera mit den Profis verrückte Aktionen durchzuziehen, "einfach was anderes zu machen", wie er sagt. Neben Tennis kommentiert er regelmäßig Fußball und Schwimmen. Wir haben Matthias Stach in Stuttgart im Rahmen des MercedesCups zum Gespräch getroffen.

Herr Stach, wenn Sie von Turnieren berichten, wissen Sie, welcher Spieler was gefrühstückt hat, wie es mit dem neuen Trainer läuft und welchen Namen der neue Hund hat. Sind Sie ein guter Beobachter oder sprechen Sie mit vielen Leuten?

Ich versuche eigentlich, mit den Spielern oder zumindest einer Person aus dem näheren Umfeld vor der Partie zu reden. Mit dem Trainer oder Physio, aber am besten natürlich mit den Spielern selbst. Und den Leuten, die mit dem Turnier unmittelbar zu tun haben, wie dem Besaitungsservice, Fahrservice oder einigen Menschen hinter den Kulissen. Für mich ist alles interessant, was dem Zuschauer das Turnier gut ins Wohnzimmer transportiert. Mein Informationsschatz beruht vor allem auf persönlichen Gesprächen und nur in der Basis auf Dingen, die ich gelesen habe. Vor allem der eigene Eindruck ist mir wichtig, darum schaue ich auch sehr viel beim Training vorbei.

Beim Kommentieren hat sich in den letzten 20, 30 Jahren viel verändert. Lediglich bei 40:0 den Spielstand mitzuteilen - das geht nicht mehr. Die Leute wollen mehr Infos. Wie haben Sie diese Entwicklung erlebt und womöglich selbst vorangetrieben?

Ich bin ja ein "ran"-Kind, habe dort in den Anfangsjahren viel gemacht. Bei mir ist das relativ profan. Ich bin ein extremer Sportkonsument und begeisterter Sportfan. Mir hat immer etwas gefehlt. Beim Radsport, da ist für Stunden jemand unter einem Helm versteckt. Die Schwimmer sehen alle gleich aus. Auch Tennisspieler: Da gibt es ein Duell, fünf Stunden, zwei Menschen. Mich hat interessiert: Was sind das für Menschen? Das wollte ich von Anfang an so machen. Natürlich hat das einigen Leuten nicht gefallen, aber allen kann man es nie recht machen.

Bei den French Open haben Sie zuletzt mit Nicolas Kiefer kommentiert, wie auch im Davis Cup und Fed Cup. Macht es als Duo mehr Spaß, weil man jemanden hat, mit dem man quatschen kann?

Es ist etwas anderes. Ich bin kein Freund davon, Sachen abzufragen. Ich mag es, ein Thema aufzumachen - und der andere erzählt dann eine Geschichte dazu. Mit "Kiwi" waren wir in Paris in der Umkleide, da mussten wir um 7 Uhr morgens anfangen. Da zuckt der nicht mit der Wimper, wenn ich sage: "Du musst um 6 Uhr aufstehen!" Nach einem Tag, der bis 22 Uhr ging. Damit ist das für mich schon perfekt von der Voraussetzung her. "Kiwi" brennt, bei Patrik Kühnen war es genauso. Dass nicht jeder gleich optimal kommentiert oder man sich ins Wort fällt - das sind normale Nebenschauplätze. Das kann man aber auf jeden Fall lernen. Aber diese Lust, nicht auf die Uhr zu schauen oder durch Paris zu turnen, wenn es regnet - das ist die Basis für eine Menge Spaß miteinander.

Lassen die Spieler mehr oder weniger mit sich anstellen als früher?

Es ist auch eine Vertrauensfrage, dass man das eine oder andere für sich behält. Für einen Neueinsteiger ist es nicht einfach, da hineinzuwachsen. Das braucht seine Zeit. Im Profifußball ist das noch schwieriger. Aber die Spieler checken, ob der Sport an erster Stelle steht und man respektvoll mit ihnen umgeht. Ich bin Sportfan, Tennisfan, Fußballfan - das macht sich irgendwann bemerkbar. Irgendwann entsteht ein Vertrauensverhältnis.

Gibt es einfachere und schwierigere Kandidaten?

Für Deutsche oder Europäer ist es oft schwierig mit einigen Amerikanern, weil die den europäischen Medienmarkt nicht verfolgen. Andy Roddick hat es wenig interessiert, ob Eurosport etwas anderes machen wollte, etwas fernab der Sponsorenwand. Ich glaube, dass die Europäer verstärkt Eurosport verfolgen und sehen: "Okay, da kommt so ein Bekloppter, der will nichts Böses von uns." Was in den USA allerdings herumging, war der Sprung mit Angelique Kerber in den Yarra River nach ihrem Australian-Open-Sieg . Da gab es schon eine gewisse Aufmerksamkeit, was die Arbeit von Eurosport anbelangt. Patrick McEnroe zum Beispiel fand dafür eine Menge netter Worte.

Hat "Angie" gleich mitgemacht? Diese Aktion beruhte ja auf einer Wette.

Ich hatte ihr bei einem Interview drei Tage vor Turnierstart die Geschichte von Jim Courier erzählt (Courier sprang nach seinem Sieg 1992 in den Yarra River, Anmerkung). Da meinte sie: "Das mach' ich auch - aber nur, wenn du mitmachst." Sie war sehr beharrlich. Der Termin hatte sich dann nach ihrem Triumph am folgenden Sonntag verfrüht, aber sie hat darauf bestanden, dass die Presse, die WTA und die ITF bis zu unserer Ankunft warten. Auf "Angie" ist Verlass.

Speziell mit Roger Federer haben Sie schon einige lustige Sachen durchgezogen.

Mit Roger haben wir schon so viel gemacht, wie diese Pressekonferenz ohne Zuschauer im vergangenen Jahr in Halle . Oder in seiner Suite in New York im Laufe der US Open. Da wollte sein Manager zunächst mitkommen, was nicht gepasst hätte. Roger hat ihm das dann auf charmanten Umwegen selbst klargemacht. Der ist da total unkompliziert und macht solche Aktionen gerne mit. Auch Tennis haben wir mal gespielt, das hat er sehr witzig kommentiert.

Hat Federer dieses Jahr eine Chance in Wimbledon? Er war in den vergangenen Monaten oft verletzt, musste immer wieder pausieren.

Eine Chance hat er immer. Die Abläufe fehlen noch, das sieht er genauso. Aber der wird alles reinhängen. Er hat in Stuttgart enorme Fortschritte gemacht. Klar, die Zeit ist knapp. Wobei ich fest daran glaube, dass er noch ein ganz großes Ding in sich hat. Dafür sind die Chancen mit seinem Spiel auf Rasen am höchsten.

Novak Djokovic spielt erneut eine überragende Saison. Holt er in diesem Jahr den Grand Slam? Oder sogar den Golden Slam?

Er hat eine ernsthaft gute Chance - wie seit langer Zeit kein anderer. Er hat eine solche Akribie. Das Training ist minutiös geplant. Die Sparringpartner haben Stress, im positiven Sinne. "Kiwi" und ich haben uns das vorm Finale in Paris lange Zeit angeschaut. Es ist so faszinierend, wie der das durchexerziert. Der Perfektionismus kann ihm helfen. Aber es ist wie bei den Olympischen Spielen mit Gold: Da muss so viel passen! Er muss gesund sein, darf sich kein bisschen verletzen. Privat muss es ihm gutgehen. Auch nervlich: Beim Training vorm French-Open-Finale war er mega angespannt und hat im ersten Satz entsprechend gespielt. Aber er hat sich super gefangen.

Die Kombi aus Boris Becker und Novak Djokovic stand anfangs arg in der Kritik.

Man weiß nicht, ob sie auch intern in der Kritik stand. Djokovic war sehr überzeugt von der Konstellation. Es hat sicher Anpassungsprobleme gegeben, auch zwischen Marian Vajda und Becker. Mittlerweile habe ich das Gefühl, dass das super funktioniert. Weil die beiden sich unterstützen. Ebenso die Rollenverteilung beim Training in Paris: Einmal zum Beispiel stand Vajda auf der Seite des "Djokers" bei den Returnübungen, und Becker, als er serviert hat.

Bei einem Federer-Training geht es deutlich entspannter zu.

Der ist anders gepolt. Der hat in seinem Leben während eines Grand-Slam-Turniers wahrscheinlich noch nie einen Trainingssatz gewonnen - mal übertrieben formuliert. Bei Djokovic hat es einen anderen Sinn. Boris macht auch gute Sachen mit ihm. Bei den US Open hatte Djokovic zuvor jahrelang an freien Tagen immer außerhalb der Anlage trainiert. Im letzten Jahr nicht mehr, da musste er an den freien Tagen auch auf die Anlage, weil Boris das wollte. Der Umkehr-Effekt: Du musst diese Anspannung und dieses Stressgefühl immer haben, Wohlfühlzone ist nicht! Wobei ich glaube, dass er auch komplett abschalten kann, wenn er mal Freizeit hat. Das ist das Geheimnis der ganz Großen.

Stichwort Freizeit: Wenn man Ihnen im Fernsehen begegnet, fragt man sich schon, wie Sie alles unter einen Hut bringen. Vor zwei Jahren haben Sie die Schwimm-EM in Berlin kommentiert, ein oder zwei Tage später aus New York die US Open. Und nach dem Finale am Montag waren Sie am Dienstag für die Champions League im Einsatz. Wird Schlaf überbewertet?

Das ist zu Stoßzeiten extrem viel. Aber ich mache bewusst nur die Sportarten, bei denen ich mich wohlfühle. Gerade bei einem Sender wie Eurosport, der viel ausstrahlt, gibt es einiges, in dem ich mich nicht sicher genug fühle und es absage. Auch wenn ich mich, wie ein normaler Sportfan, auskenne. Die EM in Berlin war wichtig. In diesem Jahr fand sie während der French Open statt, da habe ich sie abgesagt.

Damals in Berlin ist die Kamera die Startblöcke entlanggeschwenkt und Sie hatten selbst da, beim Schwimmen, die Geschichten zu den Protagonisten parat.

Schwimmen ist ein 18-Stunden-Tag. Da ist man nach acht Tagen erledigt. Aber mich interessiert einfach: Wer steht auf diesem Startblock? Da muss man eine Menge arbeiten, weil ja mehrere Hundert Schwimmer an den Start gehen und wir häufig auch die Vorläufe übertragen. Ich kann natürlich nicht mit jedem reden, aber der Informationsfluss, auch über meinen Experten Thomas Rupprath, funktioniert gut. Für mich war wichtig: Ich möchte auch den ungarischen Star vorstellen, nicht nur den einheimischen. Aber Schwimmen ist in der Vorbereitung schon eine Menge Holz. Wie auch Leichtathletik.

Ist es schwierig, das alles unter einen Hut zu bringen, speziell mit der ständigen Reiserei? Sie haben auch eine Familie mit drei Kindern.

(lacht) Meine Frau kennt mich schon ein bisschen länger. Die hat bereits die Zeiten mitgemacht, in denen ich noch gespielt habe. Das ist ein gemeinsamer Entwicklungsprozess, der auf viel Verständnis basiert. Jetzt, wenn diese Vier-Wochen-Tour mit French Open, Stuttgart, Halle vorbei ist, mache ich noch zwei EM-Spiele - dann nehme ich mich vier Wochen raus. Das kennt ja jeder - am Anfang denkt man: Ich darf auf keinen Fall etwas absagen. Aber zwei meiner Kinder sind schon relativ groß, treiben Leistungssport, sind somit ebenfalls häufig unterwegs und wohnen nicht mehr zu Hause.

Eine Ihrer Töchter, Emma, ist Basketball-Spielerin in den USA.

Sie studiert mit einem Vollstipendium an einem College und spielt im Sommer die EM in Portugal. Das ist schon eine tolle Geschichte in den USA, gerade in ihrer Stadt. Damenbasketball vor 6000 Zuschauern, das ist etwas anderes als hier. Mein Sohn Anton ist Fußballer, spielte einige Zeit bei Werder Bremen und war auch ein recht guter Tennisspieler. Er hat gerade Abi gemacht und wird jetzt Richtung Fußball gehen. Und die Kleine spielt auch Basketball.

Wie hoch haben Sie eigentlich Tennis gespielt? Man liest von der 1. und 2. Bundesliga.

Genau, in diesen Bereichen. Unter anderen auch zusammen mit Thomas Muster, in Kelkheim. Auch in Frankfurt, im Palmengarten, und in Steinbach. In verschiedenen Clubs im Hessischen.

Sie sind seit 30 Jahren in der Tennisszene aktiv, haben mehr Matches gesehen, kommentiert, analysiert als viele andere. Wenn Roger Federer morgen auf Sie zukäme und fragen würde, ob Sie sein Trainerteam verstärken könnten - würden Sie zusagen?

So würde das Gespräch vermutlich nie laufen, das wäre wohl ein längeres, so kenne ich Roger auch. (überlegt) Ich würde versuchen, das genau einzuschätzen. Ob ich ihm wirklich helfen könnte oder nicht. Dementsprechend würde ich entscheiden. Ich würde nicht von Anfang an "Nein" sagen, aber auch nicht "Ja". Das müsste eine Konstellation sein, bei der ich das Gefühl habe: Das bringt etwas für den Spieler - so utopisch sich das vielleicht anhört. Aber ja, ich würde mich damit ernsthaft beschäftigen, denn es ist ein Geschenk, mit einem solchen Spieler zusammenarbeiten zu dürfen.

Eine Quizfrage zum Schluss. tennisnet.com gibt es seit 2010: Wenn Sie unseren meistgeklickten Artikel in diesen sechs Jahren tippen müssten, worauf würden Sie setzen?

Oh, das ist schwierig . Da ist so viel passiert...

Kleiner Tipp: Es passierte im Vorjahr in Halle und hatte mit Ihnen zu tun.

Der "Tweener"! Ehrlich?

Werden Sie oft darauf angesprochen?

Ja, schon. Auch von Roger. Ich hatte ihn am Abend nochmal gesehen, da kam er mit dem Handy rüber. Der hat sich riesig gefreut, wie das im Internet abging. Typisch Roger, Sportfreak eben!

Wenn ein Schlag durch die Beine schiefgeht, kann man auch ziemlich blöd dastehen.

Das hätte richtig in die Hose gehen können! Der alte Mann gegen den Superstar... Den "Tweener" spiele ich aber relativ sicher - obwohl da null Komma nichts abgesprochen war. Aber den habe ich auch zu aktiven Zeiten gerne mal angesetzt.

Das Gespräch führte Florian Goosmann.

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