WTA

Hollywood im Schwabenland – Mitreißende Laura Siegemund verblüfft in Stuttgart

Von Jörg Allmeroth
Sonntag, 24.04.2016 | 00:00 Uhr
STUTTGART, GERMANY - APRIL 23: Laura Siegemund of Germany celebrates match point in her semi final match against Agnieszka Radwanska of Poland during Day 6 of the Porsche Tennis Grand Prix at Porsche-Arena on April 23, 2016 in Stuttgart, Germany. (...
© Dennis Grombkowski
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Die Deutsche erntet nun das Ergebnis für viele Jahre harte Arbeit: "Ich habe mir diese Erfolge schwer verdient".

Seit vielen Jahren ist Heinz Günthardt schon der Zeremonienmeister in der Stuttgarter Porsche Arena. Der frühere Coach von Steffi Graf stellt die Spielerinnen des Weltklasseturniers mit netten biographischen Details vor, führt die Interviews auf dem Center Court. Günthardt ist ein alter Fahrensmann, der auch in Stuttgart schon "alles Mögliche und Verrückte" gesehen hat. Doch am Samstagabend brachte auch ihn eine junge Frau ins Staunen, die seit Tagen in ihrer schwäbischen Heimat anhaltend die Tenniswelt auf den Kopf stellt - Laura Siegemund, die formidable Qualfikantin, die sich nach drei mitreißenden Erfolgen über Top-10-Größen bis ins Finale und zu einem Rendezvous mit Australian-Open-Königin Angelique Kerber durchspielte: "Dass die Leute nach einem Match minutenlang stehend applaudieren und sogar Tränen in den Augen haben", sagte Günthardt, "das habe ich noch nicht erlebt hier. Das ist Wahnsinn."

Gegen alle Widerstände

Tatsächlich hat selten eine Spielerin in der 39-jährigen Turniergeschichte des Porsche Tennis Grand Prix solche Begeisterungsstürme ausgelöst wie Siegemund. Großes Tennis, große Gefühle, großes Kino: Wie eine filmreife Hollywood-Inszenierung wirkte der Sturm und Drang der spätberufenen Schwäbin in der Heimat - diese hochemotionale Geschichte einer Spielerin, die nach frühen Erfolgen als Tenniskind und fast schon komplett gescheiterten Karrierehoffnungen nun zu einem verblüffenden Aufstieg ansetzte. Vor einem Dreivierteljahr war Siegemund noch die exotische Randfigur, die sich in Wimbledon erstmals in ihrer launischen Karriere in ein Grand Slam-Hauptfeld fightete. Nun, vor der Stuttgarter Haustür, bei einem der weltweit wichtigsten Turniere des Wanderzirkus, war die Lokalmatadorin auf einmal der umjubelte Star im Rampenlicht - gefeiert und beklatscht für ihr erfrischend unkonventionelles Tennis und ihre einnehmenden Auftritte neben dem Sand-Kasten. "Ich lebe gerade meinen Traum", sagte Siegemund nach dem Halbfinal-Coup gegen die topgesetzte Polin Agnieszka Radwanska. Zuvor hatte sie schon Simona Halep, die Weltranglisten-Sechste, und Roberta Vinci, die Weltranglisten-Achte, geschlagen.

Siegemund, nach einem Sieg beim Orange Bowl (Nachwuchs-WM) um die Jahrhundertwende zur neuen Steffi Graf ausgerufen, war schon fast von der Tennis-Bildfläche verschwunden. Ausgerechnet in der Blütezeit des neuen deutschen Fräuleinwunders trug sich die Stuttgarterin ernsthaft mit Rücktrittsgedanken: "Ich sah keinen Sinn mehr. Es ging überhaupt nicht voran für mich", sagt Siegemund, die 2012 bereits als Jahrgangsbeste den Trainer-A-Schein des Deutschen Tennis Bund abgelegt hatte. Warum sie dann als Aktive weitermachte, es doch noch einmal versuchte trotz aller Rückschläge und Frustrationen, weiß Siegemund "selbst nicht mehr ganz genau": "Vielleicht hat mich die Trainerausbildung noch mal motiviert, vielleicht war es mein Trotz." Neben ihren hartnäckigen Tennisanstrengungen kümmerte sich die umtriebige Siegemund allerdings auch noch um ihr Psychologie-Studium, 2012 hatte sie sich an der Fernuni Hagen eingeschrieben.

Siegemund: "Jetzt habe ich mir das wirklich verdient"

Kürzlich hat sie das stolze Ergebnis ihrer Bachelor-Arbeit erhalten, Note 1,3 gab es da für die sinnige Auseinandersetzung mit dem Thema "Versagen unter Druck." Fürs Tennis habe sie manches lernen können durch ihr Studium, sagt Siegemund, "aber es ist nicht so, dass du im Sport alles durchanalysieren kannst. Es ist besser, wenn du dich auf deinen Bauch verläßt, auf deine Intuition. Das ist besser als viele große Strategien und Pläne." So wirkt Siegemunds Spiel denn auch: Eine Mischung aus Kalkül und Improvisation, ein Wechselspiel aus Berechnung und Unberechenbarkeit. In jedem Fall aber Tennis außerhalb der neuen Norm, Tennis abseits der roboterhaften harten Schläge von der Grundlinie, Tennis mit Finesse und Raffinesse. "Ich bin einfach froh, dass ich doch noch mal so viel ins Tennis investiert habe", sagt Siegemund, "ich bin ja auch jemand, der nicht den einfachen Weg geht."

Siegemund, stets hyperaktiv und zappelig ("Ich kann nicht lange still rumsitzen"), hat das Beste ihres Tennislebens scheinbar erst noch vor sich. Die Weltrangliste, unbarmherziger Messpegel für Form und Verfassung einer Spielerin, weist sie als eine der größten Aufsteigerinnen der Saison auf, auch der letzten zwölf Monate. An diesem Montag wird sie erstmals unter den Top 50 stehen, dort, wo manche sie schon im Jugendalter erwartet hatten. "Für mich ist das jetzt viel wertvoller. Ich habe mich durch so viele Enttäuschungen und bittere Momente durchgeschlagen", sagt Siegemund, "jetzt habe ich mir das wirklich verdient."

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